Peter Alexander 1, Revolverheld 0

2014-01-21-12-12-49

Die Kinder wollen Radio hören, eigentlich immer, aber das erlaube ich natürlich nicht, wenn ich in Hörweite bin. Ich mag nur Radio, wo gesprochen wird, die Kindern wollen, dass was dudelt. Im Auto sitzen sie am längeren Hebel, da können sie mir das Leben zur Hölle machen wenn nicht alles so läuft, wie sie es sich vorstellen, also läuft: das Radio. Nur deshalb kenne ich den Song „Das kann uns keiner nehmen“ von der Band Revolverheld, das heißt, ich habe ihn etwa vierzig Mal gehört in den letzten Wochen und Monaten. Öfter also als so manches Lieblingslied von mir. Und jedes Mal frage ich mich: Echt? Seid Ihr sicher? Das kann euch also keiner nehmen, ja? Okay, seh’ ich anders.

Ich weiß praktisch nichts über die Band Revolverheld, mein Kollege Stephan Bartels ist total aufgeschlossen so deutschem Hipsterschlager gegenüber, und wenn ich in der Redaktion in seiner Nähe saß, habe ich öfter der Namen Revolverheld aufgeschnappt. Ich glaube, die kommen aus Hamburg, aber sie machen Musik, als könnten sie diese Tatsache selbst kaum fassen. Der Sänger klingt, wie es sich anfühlt, bei Ikea durch die Möbelaustellung zu gehen, obwohl man eigentlich nur in die SB-Halle wollte, und dann wird einem plötzlich klar: Ikea-Vergleiche, ach du Scheiße, ist das alles zweitklassig hier, also: echt deprimierend.

Das kann mir natürlich alles herzlich egal sein, aber dieses eine Stück zieht meinen Zorn auf sich. Nicht wegen des abgehangen bräsigen Fäusteschüttel-Rock-Arrangements, nee, schüttelt die Fäuste, so viel ihr wollt, ist mir egal, auch nicht wegen der affektierten Melodieführung (halsbrecherisch ansteigende Linie zweimal pro Verszeile in der Strophe), sondern wegen des unsinnigen Textes und der Weltsicht, die er ausdrückt. Der Text stammt von Johannes Strate, Niels Grötsch, Kristoffer Hünecke und Jakob Sinn und handelt davon, wie ein paar Leute Anfang, Mitte dreißig sich in der Kneipe wiedertreffen, in der sie schon früher immer waren: „In der Kneipe an der Ecke, unsrer ersten Bar, sieht es heute noch so aus wie in den Neunzigern.“ Das ist aber super, denn die Kumpels sind auch noch alle wie früher („und verändern uns nicht“), denn „unsre Freundschaft ist geblieben, denn uns verbindet mehr“. Und das ist es dann eben, Refrain, „Das kann uns keiner nehmen“, ooooooh, „Lasst uns die Gläser heben, die Stadt wird hell und wir trinken aufs Leben“. Überhaupt, Lebensfreude: „Und wenn ich morgen drüber rede, klingt das nach Spaß am Leben.“ Denn Hauptsache, in der Kneipe an der Ecke „brennt noch immer das Licht“, Moment: „Und in der Kneipe an der Ecke brennt noch immer das Licht, und es ändert sich nicht.“ Könnte es sein, dass sich das irgendwann mal ändert? Nee, denn: „Das kann uns keiner nehmen“ (repeat, klar).

Na gut, aber jetzt mal angenommen, das Haus, in dem die Kneipe ist, wird von einer Firma gekauft, die darauf spezialisiert ist, Immobilien zu entwickeln, also: ihren Wert zu steigern. Angenommen, die Wohnungen im Haus werden luxussaniert, in Eigentum umgewandelt, und die Kneipenmiete steigt so, dass der Wirt den Laden dichtmachen muss. Na? Schon genommen. Euch. Die Kneipe.

Aber nee, gemeint ist ja wohl wie in diesem Schlagerschwurbel üblich, so ein übergeordnetes gutes Gefühl, so was Immaterielles, Emotionales wie aus einer Bierwerbung, die sich an erfolgsorientierte Männer richtet, die nach Feierabend auch mal Fünfe gerade sein lassen können und authentische Hobbys haben. So ein gutes Gefühl, das irgendwie (nicht mein „irgendwie“, sondern Revolverhelds) damit zusammenhängt, dass alles gut ist und dass hoffentlich alles so bleibt, wie es ist. Und das kann euch keiner nehmen? Echt nicht?

Ich will jetzt gar nicht aufzählen, was alles in so einer Kneipen- und Kneipengängerbiographie schiefgehen kann, um einem dann doch relativ plötzlich das Leben zu verändern oder zu nehmen, oder zumindest, um einem dieses wohlige piefige Gefühl zu verderben. Sondern nur anmerken, dass die Haltung, die sich in diesem Song ausdrückt, absolut reaktionär ist. Im Wortsinne: eine Reaktion darauf, wie unübersichtlich die Welt und wie unwägbar das Leben ist, und statt sich dem zu stellen und das auszuhalten, sucht man sicht einen Schutzraum, in dem man sich selbst und den Stillstand feiern kann.

Obwohl alles immer am seidenen Faden hängt, und dies anzuerkennen eigentlich die viel interessantere Weltsicht ist. Weil sie einen zwingt, Verantwortung zu übernehmen, und sei’s dafür, dass man manchmal/oft nichts anderes tun kann, als sich in der Kneipe oder woanders die Lichter auszuschießen.

Und dann ertappe ich mich bei dem Gedanken: Man, das ist die Musik meiner Generation (die Jungs von Revolverheld sind über den Daumen zehn Jahre jünger als ich, aber das reicht aus, um von mir generationsmäßig eingemeindet zu werden), wir sind wieder genau da, wo Peter Alexander 1976 mit „Die kleine Kneipe“ war. Oder? Ein Lied, das mir jahrelang als der Inbegriff von Spießigkeit erschien. Aber wenn ich mir jetzt den Text anschaue, wird mir klar, dass Peter Alexanders „Die kleine Kneipe“ sich zu „Das kann uns keiner nehmen“ verhält wie, äh, irgendwas sehr Gutes und Vielschichtiges zu etwas sehr Platten und Einfältigen. Hier sind Beispiele aus diesem Text:

Der Abend senkt sich auf die Dächer der Vorstadt.
Die Kinder am Hof müssen heim.
Die Krämersfrau fegt das Trottoir vor dem Laden,
ihr Mann trägt die Obstkisten rein.
Der Tag ist vorüber, die Menschen sind müde.
Doch viele gehen nicht gleich nach Haus,
denn drüben klingt aus einer offenen Türe
Musik auf den Gehsteig hinaus.

Die kleine Kneipe in unserer Straße,
da, wo das Leben noch lebenswert ist,
dort, in der Kneipe in unserer Straße.
Da fragt Dich keiner, was Du hast oder bist.

Die Postkarten dort an der Wand in der Ecke,
das Photo vom Fußballverein,
das Stimmengewirr, die Musik aus der Jukebox
all das ist ein Stückchen daheim
du wirfst eine Mark in den Münzautomat,
Schaust andern beim Kartenspiel zu,
und stehst mit dem Pils in der Hand an der Theke,
und bist gleich mit jedem per Du.

Man redet sich heiß und spricht sich von der Seele,
was einem die Laune vergällt.
Bei Korn und bei Bier findet mancher die Lösung für alle Probleme der Welt
Wer Hunger hat, der bestellt Würstchen mit Kraut,
Weil es andere Speisen nicht gibt.
Die Rechnung, die steht auf dem Bierdeckel drauf
Doch beim Wirt hier hat jeder Kredit.

Die kleine Kneipe in unserer Straße,
da, wo das Leben noch lebenswert ist,
dort, in der Kneipe in unserer Straße.
Da fragt Dich keiner, was Du hast oder bist.

Merkt Ihr was? Die außerordentlich plastischen ersten beiden Strophen, alles sehr visuell, man hätte sagen können „sinnlich“, wenn das Wort noch ginge, es ist aber kaputt. Hier wird nicht einfach was behauptet, sondern beschrieben und gezeigt. Gezeigt, was kostbar ist, und was wir jeden Augenblick verlieren könnten. Es ist ein Text, der weise und gelassen die Vergänglichkeit zulässt, aushält, und ihr keine Bierwerbungs-Cliquenwirtschaft entgegenstellt, sondern eine ur-sozialdemokratische Vision: Was das Leben lebenswert macht, ist, dass dich keiner fragt, was du hast oder bist. (Kein Wunder, der Text ist vom fantastischen Michael Kunze, der für Udo Jürgens in der gleichen Zeit epochale Texte wie „In diesem ehrenwerten Haus“ geschrieben hat.)

Es läuft also alles darauf hinaus: Peter Alexanders „Kleine Kneipe“ war Willy Brandt, Revolverhelds Kneipensong ist Angela Merkel.

2 Kommentare zu “Peter Alexander 1, Revolverheld 0

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