Treue Seelen

Günter Fischer: "Am Bahnhof Zehlendorf (Vor der Sanierung". (c) Buchhandlung Braun & Hassenpflug

Günter Fischer: „Am Bahnhof Zehlendorf (Vor der Sanierung)“. (c) Buchhandlung Braun & Hassenpflug

Mein alter Freund Carsten Scheibe hat gesagt, er schreibt in „Zehlendorf Aktuell“ ein kleines Porträt über mich (es ist im pdf auf Seite 8). Wie Carsten und ich uns 1984 kennen gelernt haben, scheint heute völlig unbegreiflich. Entweder, er hatte bei mir an der Schule einen Zettel ausgehängt, mit dessen Hilfe er Werbung für eines seiner Science-fiction-Fanzines machte, und ich riss mir seine Nummer ab. Oder, was noch verrückter scheint, ich hängte in Zehlendorf-Mitte Zettel aus, mit deren Hilfe ich Mitstreiter für mein damals noch zu gründendes Science-fiction-Fanzine suchte, und Carsten rief mich an und nahm mich unter seine Fittiche (er ist ein oder zwei Jahre älter als ich, das war damals viel, und vor allem war er schon fest integriert, oder, wie Jörg Pilawa sagen würde, intrigiert in der Science-fiction-Fan-Szene, dem so genannten SF-Fandom). So oder so war das eine unfassbar analoge Bekanntschafts-Anbahnung. Aber davon ein andermal mehr, und zum Beispiel auch davon, dass es damals (Mitte der Achtziger) sowas wie ein analoges Internet gab, das sich in Form von selbst kopierten SF-Fanzines und auf Matritze abgezogenen Nachrichten- und Diskussionsblättchen übers ganze Land erstreckte.

Carsten jedenfalls gibt seit einigen Monaten ein Anzeigenblatt für Zehlendorf heraus, und anlässlich des Porträts stellte er mir die nahe liegenden Fragen, was mir Zehlendorf eigentlich bedeute, und was ich an Zehlendorf vermisse. Ich glaube, ich habe darauf unter anderem „Civan’s Imbiss“ geantwortet, das passt irgendwie auf beide Fragen. Und ich habe was von dem ganz speziellen Licht schwadroniert, das ich nur aus Zehlendorf kenne, dieses suppige Grün, das an ewig langen Nachmittagen irgendwie zwischen Schönower Park und Schweizerhofpark entsteht, zumindest, wenn man elf oder zwölf ist, ein petrolfarbenes Express-Fahrrad und die Tasche voller Raider hat. (Bis eben dachte ich, der Schweizerhofpark, an dessen Nordrand ich aufgewachsen bin, hieße „Johannespark“, weil er an der Johannesstraße liegt und mein Freund Johannes dort wohnte).

Dieses Licht hat Günter Fischer auf dem Gemälde oben ganz gut eingefangen. Soweit man das auf diesem von mir gemachten Foto einer Postkarte des Gemäldes, die meine Mutter mir aus Zehlendorf geschickt hat, noch erkennen kann. Die Postkarte hängt bei mir im Büro an der Wand, und obwohl mein Krimi „Treibland“ entschieden in Hamburg spielt, ist mir erst jetzt aufgefallen, wie viele Rückblenden darin in einer Art von Zehlendorf stattfinden. Früher, als die Mauer noch stand, war Zehlendorf aus West-Berliner Sicht das Ende der Welt. Man wuchs da als Kind auf in der Vorfreude, irgendwann rauszukommen. Das war aber gar nicht so einfach. Zehlendorf warf einen irgendwie ständig auf sich selbst zurück. Der Blick ging oft nach Innen. Heute sowieso, da gibt’s jetzt in erster Linie Kettenbäcker, Hörgeräteakustiker und Optiker. Jedenfalls habe ich mir damals in Zehlendorf sehr viele Gedanken gemacht, bestimmt mehr als heute. In „Treibland“ zum Beispiel steht eigentlich nichts drin, was ich mir in irgendeiner Vorform nicht schon mal überlegt habe, als ich vor dreißig, fünfunddreißig Jahren mit dem Fahrrad durch Zehlendorf rollte.

Der Name Zehlendorf kommt ja wie so viele Ortsbezeichnungen im Gebiet der hochmittelalterlichen deutschen Ostsiedlung aus dem Slawischen. Ich mag das jetzt nicht nachschauen, auch hier möchte ich fröhlich von der Substanz leben: „Cedelendorp“ war, wenn ich mich richtig erinnere, die slawische Urform, und eine frühe Eindeutschung lautete „Seelendorf“. Für mich sind die zwei Kilometer um den S-Bahnhof Zehlendorf immer das geblieben: das Dorf, wo meine Seele wohnt. Nee, nee, keine Sorge, die baumelt da nicht. Das klingt viel zu morbide.

Und ich kenn‘ so viele, die jetzt da wieder hinziehen. Oder überhaupt zum ersten Mal. Wegen der Kinder und so. Dann sage ich, was mein Freund Sandro vor Jahren zu mir sagte, als ich in nach Hamburg-Bahrenfeld zog, und was ich in „Treibland“ Andreas Finzel in den Mund gelegt habe: „Ich hab‘ zwanzig Jahre gebraucht, um da rauszukommen, und Ihr zieht da hin?“ Streng genommen waren es sogar nur 19. Und dann am Freitag morgen Ende Oktober 1988 die Bilder, die jeder kennt: Meine Mutter in meinem leeren und plötzlich so großen Zimmer, als habe sie einen Plan dafür. Und mein Vater, der kurz vor der Abfahrt nach München gegen die Reifen von Patricks rotem Audi 80 trat, als könnte er sich dadurch von ihrem vorschriftsmäßigen Zustand überzeugen.

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