Angst vorm Schreiben

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Ich war fünf Tage an der Schlei zum Schreiben, das Wetter war gut, die Landschaft auch, die Kühe sahen zumindest glücklich aus (man weiß ja nicht, wie’s drinnen bei denen wirklich ist, die sind vielleicht von Missgunst oder Hass ganz zerfressen, unterdrücken das aber 1A und lassen sich nichts anmerken, siehe Foto oben), der Kollege Bartels war mit, ich also nicht einsam, und dennoch sah ich den fünf Tagen mit Angst entgegen, und am Ende blieb eine leichte Depression zurück. Warum? Klar, ich hatte Angst vorm Schreiben.

Wenn man es ganz nüchtern, nämlich medizinisch betrachtet, dann war das Schlimmste, was mir je beim Schreiben passiert ist, eine Reizung der Sehnenscheide im Handgelenk und Unterarm, „repetitive strain injury syndrom“ nennt man das, eine Verletzung durch wiederholte Belastung. Das war am Ende von „Treibland“, am letzten Tag der Niederschrift der ersten Fassung, da wollte ich alles zu Ende bringen, und das ging dann nur noch mit einer entsprechenden Bandage aus der Apotheke. Der Schmerz hielt sich in Grenzen. Wenn ich ehrlich bin, trug ich die Bandage wie eine Trophäe.

Ein paar Mal habe ich mich durch Sachen, die ich geschrieben habe, auch lächerlich oder angreifbar oder schlicht, wie wir früher auf dem Schulhof gesagt hätten, zum Horst gemacht, und das wird mir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch das eine oder andere Mal passieren. Aber ich komm’ damit klar, ich weiß, dass mir das zwar unter Umständen eine Nacht den Schlaf raubt, aber es bringt mich nicht mehr aus der Fassung.

Außerdem bin ich beim Schreiben natürlich auch schon gescheitert, streng genommen sogar oft: weil Sachen nicht fertig oder abgelehnt wurden oder ich einfach das Interesse daran verlor und im Nachhinein feststellen musste: mein Enthusiasmus war flüchtig wie Dekoeierbedürfnis am Osterdienstag. Aber auch das: nicht so schlimm. Normal, eher.

Warum also die Angst vor der Schlei, und die Leere danach?

Die kleine Reise war dafür da, mit der Niederschrift vom zweiten Krimi im Ernst zu beginnen. Schreiben kann ich zwar auch im Büro oder auf dem Sofa, aber nicht anfangen. Zum Anfangen muss ich raus. Fremde Umgebung, neutrale Behausung. Das Gefühl, hier bleibt mir gar nichts anderes übrig, weil ich nur zum Anfangen hergekommen bin.

Trotzdem senkte sich schon am Anreisetag, an dem ich noch keine Zeile schreiben wollte, ein Schatten über mich und meine Seele. Inzwischen glaube ich, es ist die Angst vor dem Abschied. Dies wird jetzt mein fünftes Buch, und ich merke, dass es jedes Mal dasselbe war: Es gab ein wunderbares, schillerndes, ungreifbares, fanastisches und mir selbst seltsam fremdes Buch, jedes Mal, aber immer nur so lange, bis ich anfing zu schreiben. Mit jedem Satz und jeder Seite verschwindet mehr von dem Buch, wie ich es mir einmal vorgestellt habe. Meine Fantasie ist in der Hinsicht eher unkonkret, ich stelle mir immer ein Buch vor, dass eher aus Atmosphäre, Bildern, Landschaften, Geräuschen und Gerüchen besteht, aus Gedanken und Figuren, über die ich selber gern mehr wüsste. In dem Moment aber , in dem ich anfange, wird all das konkret, all das Ungreifbare und deshalb Fantastische verschwindet, denn schließlich kenne ich jedes Wort und jedes Satzzeichen auf der Seite, ich habe sie ja selbst gerade hingeschrieben. Was bleibt, ist das, was da steht. Was ich mir vorstelle, ist jedes Mal unendlich, ungreifbar, und was dann da steht, kann man lesen, und als Autor sitzt man dann davor und denkt: Okay, das kommt hin. Die Kluft zwischen einem ätherischen Bilderrausch und einigen Absätzen, die meine (gegen Ende des Arbeitstages immer laxere) handwerkliche Qualitätskontrolle passieren und nicht gelöscht werden, am Ende also stehen bleiben und den Text bzw. das Buch bilden, ist emotional dann doch sehr groß, daher der Abschiedsschmerz.

Tatsächlich bin ich auf eine Art zufrieden mit den fünf Tagen: Ich habe so viel geschrieben, wie ich wollte, und manche Szenen sind besser geworden, als ich gedacht hätte. Das klingt paradox, aber: Bei allem Abschiedsschmerz stellt man unter Umständen fest, dass man statt der herrlichen Visionen was bekommen hat, womit das nächste Jahr zu leben sogar Freude machen wird.

Nur, dass es eben plötzlich sehr konkret ist. Und wenn ich ehrlich bin, dann lebe ich eben doch gern im „Man müsste mal“, „Man könnte doch“, „Es wär’ doch super wenn“. Bevor man mit dem Schreiben anfängt, kann man sich endlos in diesem Paradies des Vagen und Wunderbaren aufhalten. In dem Moment aber, wo’s losgeht, wird plötzlich alles sehr schwarzweiß und geradezu digital, unmagisch: Es gilt immer nur noch: Ja, machen, und zwar so, oder: Nein, lassen, bei jedem Wort und jedem Satz.

Trotzdem: losgegangen ist es jetzt. Schön, wenn der Abschiedsschmerz nachlässt.

Nachtrag, 19. Juni 2014: Die Nachrufe auf Frank Schirrmacher haben mir vergegenwärtigt, dass man all das mit einem von Schirrmacher geschätzten Zitat Walter Benjamins auch sehr viel kürzer hätte sagen können: „Das Werk ist die Totenmaske der Konzeption“. Das zitiert auch Günther Jauch, dessen Nachruf darüber hinaus die Frage aufwirft, wer in Deutschland Feste veranstaltet, deren Verkleidungszwang sich nicht einmal Leute wie Jauch und Schirrmacher entziehen können, die dann gegen ihren Willen dort als Schupos verkleidet auflaufen. Rätselhaftes Land.

Ein Kommentar zu “Angst vorm Schreiben

  1. Ich ahne, ich ahne, wovon Du sprichst, und ich weiß jetzt auch wieder, warum ich nie ein Buch schreiben würdekönntewollte. Liebe Grüße an die Sehnenscheide!

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