Heilige Highsmith

Highsmith_titel

I have never found other writers stimulating.“

(Patricia Highsmith: „Plotting and Writing Suspense Fiction“, p. 10)

Freitag war ich im Kino: „Die zwei Gesichter des Januars“, und ich würde sagen, der Film ist super empfehlenswert für Leute, die Kirsten Dunst am Rande der Teilnahmslosigkeit und Viggo Mortensen verwirrt über die Motivationslage seiner Figur chargieren sehen wollen, und die viel Geduld für seltsam klaustrophobische Psychodramen in griechischen 60er-Jahre-Kulissen haben. Zumindest trifft das alles auf mich zu, darum fand ich den Film gut, nicht zuletzt übrigens auch wegen des Hauptdarstellers Oscar Isaac, der den kleinkriminellen Slacker-Poeten Rydal mit einem verzückten Leuchten in den Augen spielt, das man wohl kriegt, wenn Jake Gyllenhaal für die Rolle zu teuer, zu alt und zu muskulös war. Das Beste an dem Film mit dem archaischen Titel (nennt man solche Filme als Verleih heutzutage nicht gewohnheitsmäßig „Lethal Fate“, „Greek Noir“ or „Kill Krete“?) ist aber natürlich, dass er auf dem gleichnamigen Roman von Patricia Highsmith beruht, und ich gucke mir alles an, was mit Patricia Highsmith zu tun hat (wäre ich je im Tessin, auch ihr Grab). Highsmith ist hier in diesem Büro sowas wie die Schutzheilige, oder, was besser zu ihr passen würde, wenn es das gäbe: die Bedrohungsheilige.

Einmal, als ich vielleicht 13 oder 14 war, wachte ich morgens mit einem schrecklichen Gefühl auf: noch im Halbschlaf spürte ich, dass ich mein Leben verwirkt hatte und ohne tatsächliche eigene Schuld, sondern durch eine Verkettung unglücklicher Umstände und zweideutiger Handlungen, in eine Falle geraten war, aus der ich mich nie würde befreien können. In jenem Alter dauert es ja manchmal einige Minuten, bis man wirklich wach ist, Zombie-Alter, und in diesem Zustand wankte ich ins Bad, und erst dort, als ich mich erschöpft auf dem geschlossenen Klodeckel niedergelassen hatte, wurde mir klar: Das war gar nicht ich. Mit mir war alles in Ordnung, ich hatte nichts getan. Denn was mich existenziell bedrückte, war das Nachbild meiner Lektüre am Abend zuvor: „Der Geschichtenerzähler“ („A Suspension of Mercy“), Patricia Highsmiths Roman von 1965 über einen mittelmäßigen Schriftsteller, der sich oft und lustvoll den Tod seiner ihm verhassten Frau ausmalt, und der, als seine Frau ihn verlässt und verschwindet, sich nicht von dem Verdacht befreien kann, sie tatsächlich getötet zu haben.

Nie werde ich die Erleichterung vergessen, die ich in diesem Moment spürte. Sie war absolut real, und ich verdankte sie Patricia Highsmith.

Seit ich vor rund dreißig Jahren alle ihre Bücher hintereinander las, habe ich alle zwei, drei Jahre eine kurze aber intensive Highsmith-Phase. Mehr geht nicht, mehr halte ich nicht aus. Zu unmittelbar und drängend ist die Einladung, sich in der Psyche ihrer mörderischen und zumeist hoffnungslosen Figuren zu verlieren. Und zu intensiv ist gleichzeitig die Erfahrung, Texte einer mitunter nahezu perfekten Autorin zu lesen. Mich strengt das an, wenn Leute zu gut schreiben, ich habe dann beim Lesen schnell das Gefühl, keine Luft mehr zu kriegen, weil jeder Satz, jeder Absatz, jede Seite so voller Genie steckt, dass ich zwischen der Angst, was zu verpassen, und der Verblüffung über das, was ich mitkriege, zu aufgeregt werde. Geht mir bei Musik und Filmen ähnlich.

Am besten lässt sich beides, die unwiderstehliche Dunkelheit und die technische Perfektion, an ihren Buchanfängen demonstrieren. Zum Beispiel hier, der Anfang von „Der talentierte Mr. Ripley“, ihrem Megahit von 1955 (geschrieben, als sie Anfang dreißig war):

Ripley-AnfangIn den ersten zwei Absätzen erfährt man alles über Tom Ripley, was einen in den insgesamt fünf Bänden der Ripley-Reihe beschäftigen, unterhalten und verstören wird: Er hat allen Grund, misstrauisch zu sein und sich zu verstecken, und wenn es darum geht, das Schicksal herauszufordern („tempt fate and all that“) oder auf Nummer sicher zu gehen, fordert er das Schicksal heraus. Nicht zuletzt aus einer seltsam verspielten Bequemlichkeit, die vielleicht der Kern dessen ist, was ihn ihm Zuge seiner fünfbändigen Mordzüge unangreifbar und unfassbar macht: Er könnte seinem Verfolger endgültig entkommen, aber einem Drink bei Raoul’s kann er dann auch wieder nicht widerstehen. Und vor allem: eine Figur eingeführt, indem man sie in Bewegung zeigt, bis auf ein, zwei praktische Erwägungen nur von außen.

Etwas anders ist der Anfang von „Tiefe Wasser “ („Deep Water“, von 1957), hier erleben wir, wie der Protagonist seine Frau beim Tanzen beobachtet und sich seinen Teil dazu denkt:

Deep_Water-AnfangEin Mann, der nicht gern tanzt, weil seine Frau gern tanzt. Anschaulicher und knapper kann man das kaum beschreiben, und auch hier ist völlig klar: Vic und seine Frau werden in diesem Roman keine Freunde mehr. Zugleich erfahren wir in zwei kurzen Absätzen alles über Vic, was wir wissen müssen: seine Intelligenz und seine Fähigkeit zur Selbstanalyse, seine Kleinlichkeit und sein mit Selbstgerechtigkeit verschnittener Wunsch, in seiner eigenen Welt zu verschwinden (und ich gebe zu, dass ich zumindest die Machart der ersten drei Sätze in „Treibland“ zu imitieren versucht habe).

In den ersten zwanzig, fünfundzwanzig Jahre ihrer Karriere als Romanautorin hatte Highsmith nur sehr begrenztes Interesse an Frauen: meistens sind weibliche Figuren in ihren Büchern aus dieser Zeit Opfer oder Trophäen. Aber das ändert sich ab 1977 mit „Ediths Tagebuch“, der fantastischen Schicksalsgeschichte einer Mutter, die mit einem gewohnheitsmäßig in seine Socken masturbierenden Sohn geschlagen ist und einfach nicht Tritt fasst in der Welt, und setzt sich fort über die immer mitfühlender und liebevoller werdenden Bücher bis zu ihrem Tod. Ihren Biographen und Biographinnen zufolge muss sie ein düsterer, melancholischer, übellauniger und durchaus manipulativer Mensch gewesen sein, aber Bücher wie „Leute, die an die Tür klopfen“ (1983), „Elsies Lebenslust“ („Found In the Street“, 1986) und schließlich „small g – a Summer Idyll“ (1995) wenden all die Dunkelheit scheinbar nebenbei und anstrengungslos in ihr Gegenteil, indem sie den Zusammenhalt von Freundschaft und Familie beschreiben und hoffen lassen, dass es eine Welt jenseits von der gibt, in der Männer sich, um einander die Identität, die Frau oder die Zukunft zu nehmen, die Schädel einschlagen.

Ich habe zwar aus Bequemlichkeit zwei amerikanische Highsmith-Ausgaben abfotografiert, aber der Schweizer Diogenes-Verlag hat natürlich fantastische deutschsprachige Ausgaben ihres Gesamtwerkes. Die Kurzgeschichten sind eigentlich das Beste, wer nur ein Highsmith-Buch liest, sollte sich für „Die stille Mitte der Welt“ entscheiden, den Band von erst nach ihrem Tod gesammelten unveröffentlichten Stories aus den dreißiger und vierziger Jahren.

 

 

 

 

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