Detektiv Rockford: Anruf zwecklos (Teil 2)

jim_rockford
Oh Gott, ein gif (aus der US-„Huffington Post“). Aber man sieht, dass Jim Rockford einer der wenigen und vielleicht der letzte Fernseh-Detektiv war, den man sehr oft essen sah.

In einer Mini-Konversation über James Garner auf Facebook zitierte meine Freundin Nina Grygoriew heute den Nachruf der „Frankfurter Rundschau“, daraus die Worte: „Der Charme James Garners bestand darin, die Grenze zwischen Coolness und Lässigkeit bis zu jenem Punkt zu überschreiten, wo bereits das Reich der Faulheit beginnt.“ Das gefiel mir auf Anhieb außerordentlich gut, aber ich bin nicht mehr sicher, ob es wirklich stimmt. Oder ob es die Sache genau trifft. „Faulheit“ ist missverständlich, das Wort ist nicht so schön, wie es sein müsste, um das Subversive insbesondere der Figur Jim Rockford zu beschreiben. Deshalb hier ein kurzer Nachtrag zum Blogpost von heute mittag.

Ich glaube, dass mich an der Figur, die James Garner mit Jim Rockford erschaffen hat, vor allem das fasziniert hat, was man vielleicht am ehesten konstruktive Verweigerung nennen könnte. Rockford verweigert sich den Konventionen der post-revolutionären USA der Siebziger, was ja im Grunde eine Gesellschaft in einer Übergangsphase zwischen den Visionen und Idealen der Sechziger und der konservativen Restauration der Achtziger war. Er hat buchstäblich keinen festen Wohnsitz, sondern einen Trailer, außer seinem Vater keine Bindungen, sondern nur Wahlverwandschaften, und vor allem arbeitet er nur so viel, wie unbedingt nötig ist: das Leitmotiv des Anrufbeantworters, der damals noch ein novelty item war, macht nur Sinn, weil Rockford nie in seinem Wohnwagen ist: Er ist beim Fischen oder hat sich breitschlagen lassen, irgendwelchen Leuten Gefallen zu tun, aber bezahlt wird er dafür nicht. Ein anderes Leitmotiv ist sein stur bei jedem neuen Auftrag immer wiederholter Tagessatz, „two hundred dollars plus expenses“, den er, glaube ich, in 156 Folgen nicht ein einziges Mal wirklich bekommt. Er ist also sowohl antikapitalistisch in seiner Leistungsverweigerung (Fauhlheit?), als auch ungeschäftstüchtig und unflexibel: die zweihundert Dollar sind unverhandelbar, er arbeitet eher für lau oder lässt sich am Ende übers Ohr hauen, als sich im Preis drücken zu lassen. Innerhalb des Systems stellt er sich also stur, er hat nichts von der Geschmeidigkeit, die die Marktwirtschaft von ihren Handelnden verlangt.

Die herrschende Ordnung untergräbt Rockford und untergraben die „Rockford Files“ auch, weil sie sich, anders als die Polizeiserien jener und der heutigen Zeit, immer nur mit Leuten anlegt, die in der gesellschaftlichen Hierarchie über ihm stehen (in dieser Hinsicht ist die Serie eng verwandt mit „Columbo“, wo Peter Falks Chief Inspector Columbo immer den abgewirtschafteten Low-Performer gab, um die Mächtigen aufs Glatteis zu führen und zu überführen). Er ermittelt gegen Wirtschaftsbosse, Elite-Studentenvereinigungen, Politiker, herzlose reiche Eltern mit wohlstandsverwahrlosten Kindern, die Reihe ist endlos, und insgesamt ein zwar typisches, aber bis zur Perfektion getriebenes kulturelles Phänomen der Nach-Watergate-Zeit: plötzlich war es erfolgreiche Mainstream-Prime-Time-Fernsehunterhaltung, denen da oben ans Bein zu pinkeln.

Faul aber wäre, wenn das alles mit einem resigniert-amüsierten Gestus von „Die da oben, wir hier unten“ vorgetragen worden wäre. Wurde es aber nicht: Weil Rockford, um seine Fälle zu lösen, immer als Hochstapler in allerhand verschiedene Rollen schlüpft, und weil er sich in diesen Rollen die Macht aneignen kann, die er braucht, um die Hierarchien durcheinanderzubringen, überschreitet er Grenzen und löst sie auf (in der ersten Staffel hat er hin und wieder eine kleine Druckerpresse im Pontiac auf dem Beifahrersitz, mit deren Hilfe er sich, bevor er in eine neue Rolle schlüpft, immer schnell die passende Visitenkarte druckt). Das heißt, es gibt in den „Rockford Files“ kein starres Oben und Unten, sondern nur eine moralisch und charakterlich verkommene Sphäre der Welt, die mit dem Kapitalismus und seinen Zielvorstellungen verbunden ist, und als Gegenwelt Rockfords freischwebenden Anarchismus.

Das Lässige daran sind das Weltbild und die Lebenseinstellung, derer wir heute mit Hilfe von allerlei Hilfsmitteln habhaft zu werden versuchen und dabei immer wieder scheitern, die bei Jim Rockford aber sozusagen gelebte Utopie ist: die Überzeugung, dass Freundschaft, Heiterkeit und Laissez-faire am Ende immer viel wichtiger sein werden als der gesellschaftliche Status und seine Symbole.

Ich persönliche schaue so viele Fernsehserien, dass es schon nicht mehr feierlich ist. Das meiste davon kann ich nicht empfehlen, und ich bezweifle, dass irgendjemand zum Beispiel aus „Breaking Bad“ wirklich etwas mitgenommen hat, was über einen äußerst gepflegten Zeitvertreib hinausgeht. Wirklich empfehlen kann ich nur, sich nach einem Tag, an dem man mal wieder mit seinen Werten und Wünschen auf die Probe gestellt wurde, einen Whisky einzugießen und irgendeine Folge der „Rockford Files“ anzuschauen (ich empfehle natürlich die DVDs oder die gängigen Streaming-Dienste, im Notfall gibt es sehr viele Folgen aber auch in voller Länge auf Youtube). „The Rockford Files“, oder, wie wir in Deutschland mit einer dieser wunderbaren Übersetzungen aus den Siebzigern sagten: „Detektiv Rockford: Anruf genügt“, ist die einzige Fernsehserie, die zumindest ich kenne, die in einem den Wunsch weckt und einem den Weg zeigt, ein etwas anderes und besseres Leben zu führen in dem, das wir haben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s