Till Raether

Die Kanzlerin und ihre Väter

Vorige Woche Dienstag war ich im Bundeskanzleramt, man sieht es auf dem Foto. Ich war eingeladen zu einem „Gespräch im kleineren Kreis“, das der Vorbereitung der 2. Konferenz „Frauen in Führungspositionen“ dienen sollte. Wie man auf dem Foto sieht, war nur eine Frau in Führungsposition aktiv an diesem Gespräch beteiligt. Weil eine Frauenrunde im vorigen Jahr übereingekommen war, es wäre doch einmal interessant, die Männer und Väter zum Thema zu hören. Genauer gesagt, zu „Problemen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Väter“, so formulierte es der Chef des Bundeskanzleramts in seinem Einladungsschreiben: Die Bundeskanzlerin „möchte mit Ihnen diskutieren, welche besonderen Widerstände Väter bei ihrem Arbeitgeber, aber auch in der Gesellschaft zu überwinden haben, wenn sie Elternzeit nehmen oder … Teilzeit beantragen.“

Ich bin immer alarmiert, wenn jemand mich für einen Experten für irgendwas hält. Also rief ich, wie wir im Konferenzvorbereitungsbusiness sagen, im Vorfeld der Veranstaltung im Bundeskanzleramt an und wies daraufhin, dass ich natürlich gerne einmal ins Bundeskanzleramt kommen und insbesondere mit der Bundeskanzlerin sprechen würde, aber dass ich im engeren Sinne kein Experte sei zum vorliegenden Thema sei, da gäbe es sicher kenntnisreichere. „Sie schreiben ja aber ab und zu launige Artikel darüber“, sagte die Referentin, „und in dieser Eigenschaft haben wir Sie eingeladen.“ Ich kann und will dies nicht abstreiten, denn auch, wenn man lange über das Wort „launig“ nachdenken oder im kleineren Kreis diskutieren könnte: Es ist ja wahr.

Da es sich um kein „presseöffentliches Gespräch“ handelte, kann ich nicht detailliert darüber berichten, sondern nur den allgemeinen Tenor wiedergeben und ein paar Eindrücke schildern. Es waren drei Teilzeit- und Elternzeit-erfahrene Väter eingeladen, mit mir vier, zwei Vertreter von Unernehmensberatungen, die sich auf familien– und durchaus auch väterfreundliche Betriebe spezialisieren, und zwei Männer aus dem Vorstand vom „Bundesforum Männer“, einem Interessenverband für Männer, Väter und Jungen. Jeder war eingeladen, ein etwa dreiminütiges Eingangsstatement abzugeben, danach war noch eine halbe Stunde für die Diskussion vorgesehen. Insgesamt würde ich sagen, der Konsens war in etwa folgender: Es ist wünschenswert, dass mehr Väter Elternzeit nehmen und auf Teilzeit gehen für die Familie, aber einfach ist es nicht, und auch wenn schon viel erreicht wurde, gibt es noch viel zu tun. Dazu gleich mehr.

Erstmal: die Bundeskanzlerin. Ehrlich gesagt rechnete ich bis zum Morgen meiner Abreise damit, dass jeden Augenblick das Telefon klingeln würde, weil: der Vätertermin, also ganz ehrlich, merken Sie selbst, müssen wir absagen, Ukraine, Waffenlieferungen an die Kurden, usw. War aber nicht. Vor, mit und nach dem Eintreffen der Kanzlerin hat niemand aus ihrem Stab und auch sie nicht auch nur anklingen lassen, dass wir (und damit insbesondere wohl Frau Merkel) uns in der krisenhaftesten außenpolitischen Zeit seit dem September 2001 befinden. Ich gebe zu, die Gelassenheit, die Heiterkeit und die Stringenz, mit der die Bundeskanzlerin dieses Gespräch geführt hat, haben mich erfreut. Und auch die Tatsache, dass es für derlei vage aber wichtige Themen überhaupt Zeit und Raum gibt.

Dennoch: Das Thema insgesamt finde ich schwierig, meine eigene Haltung kann ich in Wahrheit schwer formulieren, ich kann es nur versuchen. Ich bin der Ansicht, dass die größten Widerstände nicht in die der Gesellschaft oder den Unternehmen sind, sondern bei den Männern und Vätern selbst. Mir fehlt da ein bisschen die Geduld, Verständnis dafür aufzubringen, was einen alles daran hindern kann, für die Familie da zu sein. Wenn man es nicht will: völlig okay, eigener Lebensentwurf, mir ehrlich gesagt relativ egal. Darüber müsste man dann vielleicht auch mal öffentlich diskutieren, aber es wird ja immer eher so getan, als ob noch viel mehr Väter zum Beispiel Elternzeit nehmen würden, wenn es nicht so schwierig mit dem Job vereinbar wäre oder wenn die Frauen sie nur ließen oder so. Ich bin mir da nicht so sicher. Ist es wirklich so schwierig, diese Widerstände zu überwinden, wenn man will? Wie groß sind diese Widerstände wirklich im Vergleich zu denen, die Frauen in den vergangenen Jahrzehnten überwunden haben?

Und dann heißt es oft, Männer hätten keine Vorbilder, wenn es darum geht, auf Aspekte der Karriere zugunsten der Kinder zu verzichten (und es ist, nebenbei bemerkt, immer ein Verzicht, aus meiner Sicht gibt es keine „Vereinbarkeit“ oder „Balance“, es geht immer darum, etwas loszulassen und nicht zu haben). Ich finde hingegen, die Frauen sind die Vorbilder. Als ich meinen Elternzeit- und Teilzeit-Kram gemacht habe, waren es Frauen, die mir erklärt haben, was ich zu erwarten habe (Machtverlust, Prestigeverlust, Teamverlust, usw.) und was es für Strategien gibt, damit umzugehen (loslassen, Umwege gehen, andere Prioritäten setzen, stur bleiben usw.). Das hat mir geholfen. Hätten Männer mir mehr geholfen? Wieso? Also, ich bin dafür, im Zweifelsfall und eigentlich immer die Gemeinsamkeiten zu betonen und nicht die Unterschiede. Ich bin davon überzeugt, dass die Interessen von Müttern und Vätern weitestgehend die selben sind, darum braucht man die Diskussion eigentlich auch nicht nach Geschlechtern zu trennen wie früher den Sportunterricht in der Schule.

Was dann so Meinungen sind, die ich vorige Woche nur teilweise vermitteln konnte (bin halt auf Teilzeit. Ka-bumm). Wie im übrigen auch meine übergeordnete Überzeugung, dass diese Familie-und-Beruf-Debatte vor dem Hintergrund eines völlig verkorksten gesellschaftlichen Leitbildes stattfindet: Erst, wenn wir uns vom alles durchdringenden und alles bestimmenden Leistungsgedanken, Profitstreben und der Durchökomisierung aller Lebensaspekte lösen können, werden wir Familie und Beruf auch wirklich „vereinbaren“ können.

Aber wie gesagt, und auch wenn die Kanzlerin sich am Ende fünfzehn Minuten mehr Zeit nahm, als sie eigentlich vorhatte: bring das mal unter. Oder rüber. Ich krieg’s ja nicht mal hier gerade gesagt.

Stattdessen ist mir dann auf dem Rückweg im Zug, als ich durch meine verdammte Kindle-App blätterte, wieder was eingefallen, was ich voriges Jahr gelesen habe: „Bleeding Edge“, der neue Roman von Thomas Pynchon (erscheint diesen Monat auch auf Deutsch). Manchmal lese ich einfach nur den Anfang, so auch bei jener Gelegenheit:

 

Es ist der erste Frühlingstag 2001, und Maxine Tarnow, obwohl manche sie immer noch als Loeffler gespeichert haben, läuft mit ihren Jungs zur Schule. Ja, vielleicht sind sie aus dem Alter raus, in dem man Begleitung braucht, mag sein, dass Maxine einfach noch nicht loslassen will, es sind nur ein paar Straßenecken, es ist auf ihrem Weg zur Arbeit, es macht ihr Freude, na und?

Heute morgen ist die Straßen rauf und runter anscheinend jeder einzelne Birnenbaum auf der Upper West Side über Nacht in Büschel weißer Blüten ausgebrochen. Während Maxine sich das anschaut, findet Sonnenlicht seinen Weg über Dächer und Wassertanks bis zum Ende des Häuserblocks und in einen einzigen Baum hinein, der mit einem Mal von Licht erfüllt ist.

„Mama?“ Ziggy, wie üblich in Eile. „Yo.“

„Jungs, guckt euch das an, der Baum da?“

Otis braucht eine Weile, um hinzuschauen. „Ganz toll, Mama.“

„Nicht ganz scheiße“, stimmt Zig zu. Die Jungs gehen weiter. Maxine betrachtet den Baum eine halbe Minute, bevor sie sie einholt. An der Straßenecke gleitet sie aus Reflex in eine Deckungsposition, um zwischen ihnen und irgendeinem Autofahrer zu sein, der nichts besseres zu tun hat als um die Ecke zu kommen und einen zu überfahren.

It’s the first day of spring 2001, and Maxine Tarnow, though some still have her in their system as Loeffler, is walking her boys to school. Yes maybe they’re past the age where they need an escort, maybe Maxine doesn’t want to let go just yet, it’s only a couple blocks, it’s on her way to work, she enjoys it, so?

This morning, all up and down the streets, what looks like every Callery Pear tree on the Upper West Side has popped overnight into clusters of white pear blossoms. As Maxine watches, sunlight finds its way past rooflines and water tanks to the end of the block and into one particular tree, which all at once is filled with light.

“Mom?” Ziggy in the usual hurry. “Yo.”

“Guys, check it out, that tree?”

Otis takes a minute to look. “Awesome, Mom.”

“Doesn’t suck,” Zig agrees. The boys keep going, Maxine regards the tree half a minute more before catching up. At the corner, by reflex, she drifts into a pick so as to stay between them and any driver whose idea of sport is to come around the corner and run you over.

 

Das ist nicht nur sprachlich, literarisch der beste erste Absatz, den ich seit Jahren in einem aktuellen Buch gelesen habe. Die ganze Passage beschreibt auch einen Zustand, ein Gefühl, wie es treffender nicht ginge. Elternliebe, die Solidarität zwischen Eltern und Kindern, das Selbstbewusstsein und den Willen, diese Empfindungen auszuleben, egal, was die anderen sagen, und ihnen Raum zu geben. Und wie, wenn man das tut, die Welt an Glanz und das Leben an Wert gewinnt. Jede Mutter und jeder Vater kann sich dafür oder dagegen entscheiden, das zu tun, das ist eine freie Entscheidung. Dass es vor allem Väter sind, die die Entscheidung dagegen oder für reduzierte Versionen davon treffen, liegt aber nicht an der Gesellschaft, an der Politik oder an den Unternehmen.

Foto: Bundesregierung/Bergmann

Disclaimer: Ich habe 2009 Angela Merkel gewählt, weil ich die SPD nicht mehr sehen konnte.

Disclaimer 2: Die deutsche Passage ist nicht aus der Rowohlt-Übersetzung, die mir nicht vorliegt, sondern Marke Eigenbau, also bitte nicht abschrecken lassen. Es ist ein tolles Buch. Und inzwischen hat mich Frank Böhmert auch auf die Leseprobe und die professionelle Übersetzung von Dirk van Gunsteren aufmerksam gemacht, hier ist sie.

Disclaimer 3: In einer früheren Version dieses Eintrags fehlte der Foto-Credit.