„Jene Anteile unserer Erfahrung, die geduckt und still sind“: Elena Ferrante lesen

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Gary Larson, „Far Side“ vom 13.08.1986, Ausriss „Oscala Star-Banner“

Vor ungefähr drei Jahren bin ich durch einen Artikel von James Wood auf die italienische Schriftstellerin Elena Ferrante aufmerksam geworden. Sie sei die Autorin einiger „bemerkenswerter, klarer, ernsthaft ehrlicher“ Romane, er nennt ihre Bücher „auf intensive, brutale Weise persönlich“, „intim und schockierend ehrlich“, „furchtlos“, ihr Schreiben kenne „keine Grenzen“, sie sei bereit, „alles bis zum radikalsten Ende zu denken und bis zum radikalsten Ursprung zurückzuführen“. Und so weiter, es ist ein langer Text. Mit vielen Adjektiven, ungewöhnlich für einen zurückhaltenden Kritiker. Und was mich vor allem interessierte: Ferrante finde ihr Material und ihre Geschichten im Alleralltäglichsten, im Eheleben, im Leben mit Kindern, in den ganz normalen Handlungen und Enttäuschungen unserer banalen Existenz. Wood zitiert Ferrante selbst mit den Worten, sie schreibe gern Geschichten, die ganz klar und ehrlich erzählt seien, „und in denen die Tatsachen des gewöhnlichen Lebens außerordentlich packend zu lesen sind“.

Ich bin alarmiert, wenn beim Preisen einer Autorin ständig das Wort „ehrlich“ fällt, denn, ganz ehrlich, Ehrlichkeit ist sicher die am meisten missverstandene und überschätzte Eigenschaft, wenn es ums Schreiben geht. Oder sagen wir: Es ist Definitionssache, und „ehrlich“ schreiben ist meist ein Synonym für entweder einen durch Kunstlosigkeit leicht bedrückenden Naturalismus, oder für Denkfaulheit, weil: Hauptsache ehrlich.

Davon aber kann bei Elena Ferrante keine Rede sein. Sie ist, das vorweg, die wunderbarste Autorin, die ich mir vorstellen kann, ihre Bücher sind Träume, die in Erfüllung gegangen sind. Alpträume, auch. Weiterlesen