Kurzer Versuch übers Kauderwelsch

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Dame Annee Moulia

Neuve Du Sieur Haufkur

Demunrant tous lestrois

a Anhuahuaf vremy

musique a La requete

Du Sieur Jacques Stimas

Mit dem Satz „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“ beginnt Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Danach: sechzig Seiten über Einschlafprobleme. Seit über einem Jahr ringe ich jetzt mit der Lektüre und will eigentlich schon lange was darüber schreiben, weil mich Prousts Ego-Fanzine (wie wir diese Textform früher im Science-fiction-Fandom nannten) so aufgeregt und abgeregt hat und immer noch beschäftigt, und weil ich beim Lesen so viel gelernt und verlernt habe. All das aber ist zweitranging angesichts dieses Bettbezugs, den meine Mutter bei „Maison Strauss“ (vormals „Strauss Innovation“) erworben hat. Er war in der Packung so gefaltet, dass man nur die Vögel sah (meine Mutter liebt Vögel) und nicht dieses völlig groteske Fantasiefranzösisch, mit dem nun beispielsweise das Kopfkissen mittig bedruckt ist. Meine Mutter hätte diesen Bettbezug nicht gekauft, wenn sie das gewusst hätte. Meine Mutter ist im französischen Sektor aufgewachsen, meine Mutter hat dafür gesorgt, dass meine Schwester und ich erste Fremdsprache Franz hatten. Was ich mindestens zwiespältig fand, wenn die Englischklasse Beatles-Songs hörte, während wir einander nebenan mit „Philippe“, „Jean-Luc“ und „Pierre“ anreden mussten, das war damals pädagogisches Konzept. Einmal schauten wir auch „L’Etranger“ auf Super 8, während die Englisch-Klasse „Yellow Submarine“ sehen durfte, da wird ja nur gesungen, ich war zwölf, zum Glück wird wenig geredet in „L’Etranger“, seitdem bin ich kein Existenzialist mehr. Die Französischlehrerin feilte sich ratlos die Nägel, ihr schwante, dass sie die falsche Entscheidung getroffen hatte, aber irgendwann war es dann auch zu spät, es hätte länger gedauert, den Film zurückzuspulen, als ihn bis zum Ende durchlaufen zu lassen. Was dann übrigens erst recht Existenzialismus ist.

Auf seltsam hartnäckige Weise bin ich seitdem frankophil, wenn auch nur äußerst eingeschränkt -phon. Dennoch empfinde ich das bekloppte Fantasiefranzösisch auf dem Bettbezug als einen, wie wir Französischschüler sagen, Affront. Uns war allen klar, dass die Tattoos und Deko-Elemente mit chinesischen und japanischen Schriftzeichen vermutlich zum Teil falsch, zum Teil ausgedacht und insgesamt eine billige Art des kulturellen Imperialismus‘ sind, und die Fundstücke mit seltsamem Englisch auf asiatischen T-Shirts und Produkten sind unvermeidbar. Aber Französisch? Ich glaube, was mich hieran so ratlos macht, ist der Prozess. Ich stelle es mir außerordentlich aufwendig vor, mir kaligraphisches Kauderwelsch wie „Demunrant tous lestrois“ auszudenken und aneinanderzureihen. Wäre es nicht viel einfacher gewesen, in drei Sekunden echte französische Wörter zu googlen und schön aneinanderzureihen?

Zweitens habe ich nun aus Langeweile seit Ostern mehrfach diese pseudo-französischen Zeilen gelesen, und sie haben einen seltsam sinnfälligen Rhythmus, sie ziehen einen rein, sie entfalten einen surrealen Charme. Ich möchte mich nicht früh schlafen legen auf diesem Quatsch (obwohl auch ich in letzter Zeit gar nicht mehr früh genug ins Bett kommen kann), aber dieses Flüchtige, Ungreifbare unserer Erinnerungen und Sinneseindrücke, worum es auch bei Proust so viel geht – das fangen diese sechs Zeilen schon ein, man muss es ihnen lassen.  Eine ferne musique, die durch die requete zum Monsieur Jacques Stimas weht, vermischt, mit der Erinnerung an eine dame, die er beim Anhuafhuaf einst vremy, ja, mag sein, dass mich am Ende nur ärgert, dass man es bei allem Bemühen besser dann ja doch nicht hätte sagen können, egal, in welcher Sprache, und ich schon gar nicht.

 

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