Gescheiterter Versuch über die Pfirsichhaut

IMG_20160418_130420Seit ein paar Monaten habe ich einen Tennisarm. Ich glaube, es liegt daran, dass ich seit 25 Jahren nicht mehr Tennis gespielt habe. Der Arm fühlt sich von mir um sein Leben betrogen wie ein Ehepartner in einer Kurzgeschichte von John Cheever. Er rächt sich dafür, indem er mir wehtut. Nicht beim Tragen einer 20-Kilo-Ikeatasche mit Wochenendeinkäufen, sondern beim Heben einer Untertasse. Ich kann also unbeeinträchtigt meine Aufgaben in der Familie erfüllen, aber wehe, jemand lädt mich zum Teetrinken ein.

Vor 25 Jahren hatten ich mit zwei Freunden Tennisunterricht an der Uni, bei einem Lehrer, nach dessen Geduld ich mich heute noch manchmal sehne, so groß und tief und unerschütterlich war sie. Meine beiden Freunde wurden immer besser und konnten bald in unserer (!) Freizeit mit- und gegeneinander spielen, mir wurde bald klar, dass ein Dritter rein rechnerisch gar nicht gebraucht wurde, erst recht kein besonders guter, darum hörte ich auf.

Der Orthopäde sagt jedoch, es liegt am Schreiben. „Haben Sie in letzter Zeit viel geschrieben?“, fragt er, fast drohend. „Kann sein“, antworte ich ausweichend. Viel! Aber nicht genug. Seltsamerweise tut der Arm beim Schreiben gar nicht weh. Nur manchmal das Herz. Ha! Quatsch.

Dafür tut der Arm nachts weh. Neulich sehr. Meine Schwiegermutter hatte mir, da nichts vom Arzt Verschriebenes half, Hitze oder Kälte empfohlen. Also beides, ent- oder weder, ich sollte ausprobieren, was anschlüge. Kälte schien mir reizvoller, also durchsuchte ich das Tiefkühlfach nach geeigneten Objekten, mit denen ich im Bett meinen Tennisarm würde kühlen können. Zwei unverbrauchte Hälften Dosenpfirsiche im Gefrierbeutel fielen mir auf, sie waren von Silvester übriggeblieben, als ich mit ein paar ihrer Kollegen an einem Currydip gearbeitet hatte (das Rezept verlangte ausdrücklich nach Dosenpfirsichen, das ist ja eine ganz andere Sorte als der gemeine Frischpfirsich). Ich band also den Gefrierbeutel mit Hilfe eines Küchenhandtuchs so um meinen Tennisarm, dass die Schnittfläche einer Pfirsichhälfte genau meinen Schmerzpunkt kühlte. Dann las ich ein wenig, es war gegen drei (Marcel war kurz davor, von Andrée die Wahrheit über Albertines Liebesverhältnisse zu anderen Frauen zu erfahren, allerdings philosophierte er im Vorfeld erstmal darüber, was in diesem Zusammenhang überhaupt vom Konzept „Wahrheit“ zu halten sein würde) (nicht viel, bzw. nicht genug). Ich schlief also ein.

Morgens wachte ich auf und dachte, ich wäre geheilt. Ich hatte kein Gefühl mehr im Unterarm, also auch keine Schmerzen. Es lag allerdings daran, dass ich auf der minus 18 Grad kalten Pfirsichhälfte eingeschlafen war. Seitdem ist der Tennisarm mein geringeres Problem, das aktuelle ist der Pfirsich-Arm: Rund um den Schmerzpunkt kann man sehr genau die Umrisse einer Pfirsichhälfte aus der Dose erkennen, markiert durch erfrorene, abgestorbene Haut. Ich habe nun also, nachdem ich jahrelang keine Tätowierung hingekriegt und Branding nur aus dem Fernsehen und von Meetings mit der Marketingabteilung kenne, eine Art Icing. Es sieht jeden Tag anders aus, von der Farbe und Struktur her, aber immer wie ein Pfirsich.

(Abb. ähnlich)

 

3 Kommentare zu “Gescheiterter Versuch über die Pfirsichhaut

  1. Vielen Dank, nicht mehr so gelacht seit der letzten Kolumne in „Brigitte Woman“!Ist mir auch total egal, dass alle komisch gucken, alle anderen im ICE lesen einfach nicht das bzw. den Richtigen, sonst wäre die Stimmung deutlich besser!

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