Bommel ist nachtaktiv und strebt nach Höherem

IMG_20160811_121608

In dieser Woche arbeite ich an neuen Buchkonzepten, das für den vierten Danowski ist fertig, aber ich weiß nicht, was als nächstes kommen soll. Deshalb erinnere ich mich an den Meerschweinchen-Krimi, den ich in der Schublade habe. Wo sonst. Im Käfig. Denn wenn dieses Biest losgelassen wird, muss die Geschichte des Tierkrimis, nun, zumindest gäbe es dann einen Tierkrimi mehr. Nur eben mit Meerschweinchen. Vor einiger Zeit habe ich schon mal das Kleintiergehege mit den Monstern unfertiger Projekte geöffnet, jetzt ist es wieder soweit: Wer sich für schlaue Nager und halbschlaue Konzeptnotizen interessiert, ist herzlich eingeladen, weiterzulesen. Stand: unbearbeitet, ca. 2011.

Capybara: Notizen zu einem Meerschweinchen-Krimi

Natascha, eine 19-jährige Studentin, lebt seit einigen Monaten in einer Ein-Zimmer-Wohnung mit den beiden Meerschweinchen ihrer kleinen Schwester (12 Jahre), die sie mitgenommen hat, weil ihr Vater nach dem Tod der Mutter wieder geheiratet hat und seine zweite Frau allergisch ist.

Bommel, der Erzähler, ist ein sechs Jahre altes hellbraunes Rosettenmeerschweinchen. Er teilt den Käfig mit Lasse, einem vier Jahre alten Meerschweinchen der Rasse American Crested, schwarz mit weißer Krone. Die beiden sind sehr unterschiedlich.

Bommel ist nachtaktiv und strebt nach Höherem. Er genießt es, dass Natascha abends zum Einschlafen die Hörbuchfassungen großer Klassiker hört, und aus Werken wie „Krieg und Frieden“ hat er seine Weltsicht, sein Streben nach persönlicher Entwicklung und Verbesserung seiner Lebensumstände, und nicht zuletzt seinen Sprachduktus. Und sein Geschichtsbewusstsein: Er sieht sich als Teil einer stolzen Rasse, jener wilden Meerschweinchen, die schon vor 7000 Jahren von den Inka gehalten wurden oder wild und frei in Südamerika leben (wenn sie nicht gegessen werden, was ihm großes Kopfzerbrechen bereitet). Bommel ist überzeugt davon, dass alle Meerschweinchen ein immerwährendes kollektives Bewusstsein teilen, und tagsüber, wenn er im Haus im Käfig vor sich hindöst, loggt er sich gewissermaßen ein in dieses Bewusstsein, sammelt Informationen und hält Ratschluss mit einem großen, stolzen Wasserschwein, einem Capybara, der größten Nagetierart der Welt. In seiner Selbstwahrnehmung ist Bommel bestimmt, in ethischer und moralischer Hinsicht ebenfalls zum Capybara zu werden, zu einem großen, starken und klugen Meerschwein. Allerdings neigt Bommel bei diesen hohen Ansprüchen an sich selbst zu Melancholie bis hin zur Morbidität, nicht zuletzt, weil er ihm bewusst ist, dass er mit sechs Jahren bereits ein altes Meerschweinchen ist, auch wenn er sich nicht so fühlt: Er möchte Abenteuer erleben, frei sein und sich einen Namen machen im kollektiven Bewusstsein der Meerschweinchenheit.

Lasse hingegen ist ein Zyniker: Er lässt keine Gelegenheit aus, sich lustig zu machen über Bommels Weltsicht und Selbstbild. Lasse ist nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht, auf Bequemlichkeit, Futter und die Aufmerksamkeit von Natascha, der er mit milder Ironie „Frauchen“ nennt, während Bommel das erhabenere Wort „Hüterin“ bevorzugt. Lasse ist eher tagsüber aktiv, während Bommel döst und von Höherem träumt. Da Natascha viel zu Hause ist und statt zu studieren Fernsehen schaut, ist Lasses Weltsicht geprägt durch amerikanische Serien und Boulevardmagazine: Er spricht im zwar geistreichen, aber verletzend witzigen Stil amerikanischer Sitcoms, immer darauf bedacht, auf Kosten des anderen um jeden Preis eine Pointe unterzubringen, und mit der aufgesetzten Kaltschnäuzigkeit von Serienpolizisten und Talkmastern.

Zwar haben die beiden sich miteinander arrangiert im Laufe der drei Jahre, die sie nun schon den Käfig miteinander teilen. Aber sie haben, wie zwei Meerschweinchenböcke das eigentlich tun müssten, nie endgültig die Rangordnung geklärt. Ihre Beziehung oszilliert zwischen Zweckgemeinschaft, Abneigung und gut verborgener Freundschaft, wenn sie sich morgens und abends darüber austauschen, was am Tage oder in der Nacht in Nataschas Ein-Zimmer-Wohnung, im Fernsehen oder in Bommels erhabener Welt des kollektiven Bewusstseins geschehen ist.

Natascha lernt an der Uni ihren Freund kennen, Daniel, und zwischen den beiden beginnt eine typische Studentenliebe/erste große Liebe. Dies ist die Krise im ersten Drittel des Buches: Bommel und Lasse müssen sich damit abfinden, die Aufmerksamkeit ihrer nun nicht mehr so einsamen „Hüterin“ bzw. ihres „Frauchens“ mit Daniel zu teilen. Besonders unangenehm sind für sie die sexuellen Aktivitäten der beiden; vor allem der feinfühlige Bommel leidet, nicht zuletzt, weil sie nachts, wenn er aktiv ist, die von ihm so geliebten und dringend gebrauchten Hörbücher ersetzt haben.

Nach einer Weile bekommt Daniel einen Schlüssel für Nataschas kleine Wohnung und verbringt zu Bommels und schließlich auch Lasses (allerdings sehr viel drastischer formuliertem) Missvergnügen streckenweise in Vorlesungspausen ganze Vor- oder Nachmittage alleine dort. Und behandelt die beiden Meerschweine schlecht, bis an die Grenze zum Sadismus.

Und damit nicht genug: Irgendwann fängt Daniel an, Natascha in ihrer Wohnung mit Vanessa zu betrügen, mit der die drei eine kleine Lerngruppe bilden.

Bommel, angeleitet vom ihm in seinen Trancezuständen erschienenen großen Wasserschwein Cypabara, gelingt es, sich mit Lasse zusammenzuraufen und gemeinsam gegen Daniel vorzugehen. Als Daniel sich mit Vanessa in Nataschas Bett vergnügt, während diese ein paar Tage mit ihrer Schwester und Vater verreist ist, stürzen sie sich gemeinsam in ihrem Käfig aus dem Regal (vorher immer Streit darüber, dass der Käfig zu wackelig steht und sie daher nicht beide zugleich in der äußersten Ecke sein können, von wo aus man den besten Blick ins Zimmer, auf Nataschas Computer und den Fernseher hat). Um den Akt zu unterbrechen, zu verhindern oder zu verzögern. Sie hatten vereinbart, Daniel bei dieser Gelegenheit anzugreifen, aber Bommel verlässt im letzten Moment der Mut; Lasse beißt zu und wird dafür von Daniel getreten.

Während Natascha verreist ist, kümmert sich der Nachbar Frank um die beiden Meerschweinchen. Ihn mögen die beiden viel lieber, und sie zerbrechen sich den Kopf darüber, wie sie Natascha für ihn begeistern könnten.

Ergänzungen 09. Mai 2011:

Im Sinne der Heldenreise wichtig (Anm. 08/2016: Beim Meerschweinchen ist sie da, wo sie hingehört):

Größere Widerstände. Erstes Drittel angelehnt an Gefängnisklischees, Bommel und Lasse/Harry als Zellengenossen, die sich absolut nicht ausstehen können; Geschichte einer Feindschaft, die überwunden werden muss, als Nataschas Liebesgeschichte beginnt.

Bommel ist ein Feigling und muss viele innere Widerstände überwinden, bevor er aktiv wird, um Natascha zu helfen; hier kommt Capybara ins Spiel, als weiser Ratgeber.

Dialogskizze

Lasse: „Ja, dein Name wird eines Tages eingeschrieben sein in die Annalen ruhmreicher Meerschweinchen, und dort wird stehen, in goldenen Lettern: Bommel. Und die ganze Meerschweinchenheit wird ihn lesen und sagen: Was für ein bescheuerter Name. Bommel. Bommelbommelbommelbommelbommelbommelbomm.“

Bommel: „Es ist ein liebevoller, onomatopoetischer Name, der mein Äußeres beschreibt in der Lautmalerei eines Kindes.“

Lasse: „Schon gut, alte Rosette.“

Bommel: „Du bist benannt nach einem der Jungen aus Bullerbü: Lasse, Bosse und Ole. Ja, ein Klassiker der Kinderbuchliteratur und lange Zeit Annikas Lieblingsbuch, und fast könnte ich dich beneiden, aber: Dein Name stammt aus zweiter Hand, Lasse. Er ist nicht für dich erfunden, es gibt ihn tausendfach, er bedeutet …“

Lasse: „Er bedeutet: Lasse mich in Ruhe.“

Bommel: „Man sagt ‚Lass mich in Ruhe’, bei der Konjugation wird im Imperativ nach kurzem Vokal …“

Lasse: „Welchen Teil von ‚Lasse mich in Ruhe’ hast du nicht verstanden?“

 Ein Gedankenfragment von Bommel

Und ich mag mir nicht vorstellen, dass allein wir Meerschweinchen über die Gabe des kollektiven Bewusstseins verfügen. Das Universum wäre ein zu kalter, grausamer und einsamer Ort, wenn wir die einzigen intelligenten Lebewesen wären, die auf diese Art ihr Wissen und ihre Erfahrungen miteinander teilen. Ich kann eine Welt nicht denken, in der nicht alle alten und stolzen Arten über diese Gabe verfügen. Hühner stammen auf langem, aber direktem Wege ab vom Tyrannosaurus Rex. Ist die Vorstellung tröstlich oder atemberaubend bitter, dass sie in ihren Legebatterien hocken und verzweifelten Ratschluss halten mit dem König der Dinosaurier, der sie mahnt, aufzustehen und endlich die Herrschaft an sich zu reißen über die Welt der Tiere und Menschen?

 Vermischte Notizen

Bommels philosophische und persönliche Auseinandersetzung mit Seelenwanderung.

Alle Tiere mit kleinem Gehirn haben ein kollektives Bewusstsein, da sie, um ihre kognitiven Mängel auszugleichen, gelernt haben, sich zusammenzuschließen. Menschen mussten zu diesem Zweck erst das Internet erfinden. Und wer weiß, was die Delfine aushecken.

Was können sie alles tun?

  • Sich krank hungern, damit jemand sie zum Tierarzt bringt, um die Wohnung zu verlassen und zu anderen Tieren Kontakt aufzunehmen.
  • In der Wohnung Kabel durchbeißen, zum Beispiel, um das Internet lahmzulegen und Natascha daran zu hindern, mit Daniel Kontakt aufzunehmen. Oder das Ladegerätkabel, um zu verhindern, dass jemand auf dem Handy anrufen kann.
  • Fiepen, um beim Sex zu stören.
  • Sie können auf technische Geräte pinkeln, um sie funktionsunfähig zu machen.

(3D-Grafik unter Verwendung eines Fotos von Benjamin Antony Monn von Louis Kahns Gebäuden des Salk Institutes in La Jolla, Kalifornien, reproduziert in „This Brutal World“ von Peter Chadwick, London 2016)

 

5 Kommentare zu “Bommel ist nachtaktiv und strebt nach Höherem

  1. Hallo, Herr Raether!
    Tatsächlich und leider lese ich gerade Ihren Roman ‚Treibland‘. Aber über Ihre Figur ‚Danowski‘ (Ihr Alter ego? – dann würden Sie mir leid tun) konnte ich nur die ersten paar Seiten schmunzeln. So doof und so wenig auf seine Arbeit fokussiert – trotz oder auch wegen seiner Hypersensibilität – ist bestimmt kein Kripobeamter. Wer so wenig Power hat, dazu auch noch fehlendes Selbstvertrauen, mehr als die halbe Zeit nur zufällig irgendwo hingerät, quasi nach ‚Kohl-Art‘ von einem Fettnapf in den anderen tritt, kaum echte Eigeninitiative entwickelt, seine Kollegen weder informieren noch irgendwie einbinden kann, wird in realitiy nicht zum Leiter einer SOKO bestimmt. Dieser Charakter ist völlig überzeichnet – aber Satire wollten Sie glaube ich nicht schreiben….

  2. Ich hatte bei Ihrer Lesung im Kampnagel schon kurz die Hoffnung, dass Sie die Hamstergeschichte lesen würden.
    So witzig. Vor allem das kollektive Bewusstsein. Hervorragend absurd.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s