Frau Volk

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Einmal sagte Frau Volk: Also, wenn Sie während der Arbeitszeit ins Kino gehen, komme ich mit. Na gut. Es galt, in der Pressevorführung einen Film zu begutachten, der später „von BRIGITTE präsentiert“ werden sollte. Es handelte sich um „Gottes Werk und Teufels Beitrag“: Waisenhaus. Sehr viel Waisenhaus. Ich weine im Kino schnell. Es war mir peinlich, ich atmete flach. Verstohlen sah ich nach links. Frau Volk liefen die Tränen übers Gesicht. Als das Licht wieder anging, schwiegen wir und wischten uns verstohlen die Gesichter. Während sie sich in einen ihrer Schals hüllte, zischte sie mir zu: Darüber kein Wort, zu niemandem, hören Sie? Ich glaube, das gilt jetzt nicht mehr.

Die Weihnachtsfeiern waren schlimm, damals wurde noch sehr viel Alkohol getrunken. Da ich keine Kinder hatte, war ich am nächsten Morgen trotzdem früh im Büro. Von meinem Zimmer aus konnte ich die Seufzerbrücke zur Chefredaktion sehen und Frau Volk, unterwegs zur C-Spange, um die Büros abzuklappern nach jemandem zum Schwätzen. Die Redaktion war noch leer. Raether, na gut. Sie setzte sich mir gegenüber, auf den Platz von Stephan Bartels, und stützte den Kopf in die Hände. Als sie wieder aufblickte, sagte sie: Nüsse, das kann nicht wahr sein, Sie haben Nüsse, ich brauche jetzt Nüsse. Zwar stand auf meinem Schreibtisch eine Dose mit Nüssen, aber nur scheinbar, tatsächlich handelte es sich um einen außerordentlich albernen Scherzartikel: Wenn man den Deckel öffnete, flogen einem federgetrieben zwei bunte Plastikwürste um die Ohren. Eigentlich fiel nie jemand darauf herein. Ich hielt den Atem an. Es war zu perfekt und zu fürchterlich zugleich. Ich war zwar schon seit Jahren „Brigitte“-Autor, aber erst ein knappes Jahr in der Redaktion. Und ich wusste, dass man nie wieder auf die Beine kam, wenn Frau Volk einen erstmal auf dem Kieker hatte. Andererseits: Wer kann und möchte verhindern, dass in der perfekten Situation, im perfekten Kontext, ein Scherzartikel so funktioniert, wie er soll.

„Frau Volk“, sagte ich dennoch, „das sollten Sie nicht tun.“

Ach was, sagte sie mit Todesverachtung. Nüsse!

Dann bekam sie den Deckel endlich ab, und die bunten Plastikwürste flogen ihr, wie vorgesehen, um die Ohren. Mir lief ein Schauer des Entsetzens und der Begeisterung über den Körper.

Ohne mich noch einmal anzusehen, sagte sie: Das glaube ich jetzt nicht. Dann verließ sie mein Büro. Ich arbeitete vorsichtig weiter. Keine Pointe. Aber sie konnte offenbar auch verzeihen.

Wenn ihr etwas nicht gefiel, sagte sie: Das kann man sicher irgendwann mal so machen. Daran denke ich fast immer, wenn jemand eine Idee hat. Ich war junger Textchef und blieb abends lang, weil Frau Volk auch immer lang blieb, und die anderen in der Chefredaktion auch. Abends hörte ich immer, wie die Art-Directorin Abi Albrecht mit sehr charakteristischem Absatzgeräusch die Treppe hinauf aus der Chefgrafik kam. Mit einem Stapel Layouts unterm Arm. Sie verschwand in Frau Volks Büro, und wenn wir dann am nächsten Morgen vor der Verkaufe zusammen saßen, präsentierten Abi und Frau Volk uns das von ihnen überarbeitete Heft. Die stellvertretende Chefredakteurin Tania Miglietti und der stellvertretende Chefredakteur Mark Kuntz sowie der Chef vom Dienst Detlev Heinke und eben ich (den das am wenigsten betraf): Wir konnten nur noch nicken. Eines Abends, als wir wieder Abis Stiefel auf der Treppe hörten, sagte ich zu Mark Kuntz, denn ich war noch nicht lange da: „Warum läuft das eigentlich so, dass wir uns hier tagsüber Sachen überlegen und Layouts besprechen und so weiter, und dann geht Abi abends zu Frau Volk, und die beiden bauen immer alles um?“ Mark lächelte nachsichtig und sagte: „Weil das Heft von zwei Leuten gemacht wird, alle anderen sind Büttel.“ Er sagte es ganz liebevoll. Natürlich war das Heft morgens immer besser, als wir es nachmittags zurückgelassen hatten. Das war furchtbar, aber auch herrlich.

Als sie die Redaktion 2001 verließ, schrieben wir einen Text in der Rubrik „Ein Mann/Eine Frau“ über Anne Volk. Ich weiß nicht mehr, was wir ihr vorgegaukelt haben, wer stattdessen drin wäre, aber: es gab einen Fake-Text (denn sie las alle Texte) und ein Fake-Layout über eine Frau, die im Sommer 2001 aktuell war.

Wenn ich jetzt den Text anschaue, bin ich erstaunt über das Pathos: „LIEBE LESERIN, LIEBER LESER! Wir müssen an dieser Stelle zwei Geständnisse machen. Seit es die BRIGITTE gibt, haben wir jede Seite, jedes Foto und jede Zeile Text nur für Sie, die Leserinnen und Leser, gemacht. Nie ging es uns um eigene Interessen. Daher das erste Geständnis: Zum ersten Mal in der Geschichte der BRIGITTE machen wir – aus gegebenem Anlass – eine Ausnahme. Diese Zeilen wenden sich ausschließlich an eine Frau. An Anne Volk, die 16 Jahre lang Chefredakteurin der BRIGITTE war. Anne Volk, und dies ist das zweite Geständnis, weiß nicht, dass wir diesen Text hier drucken, es wäre ihr absolut nicht recht gewesen. Anne Volk hat sich nie in die Öffentlichkeit gedrängt. Ihr ging es immer nur darum, alle 14 Tage das bestmögliche Heft zu machen. Eine BRIGITTE, die traumhaft schön aussieht, aber keine billigen Scheinbilder projiziert. Eine BRIGITTE, die blendend informiert, ohne zu langweilen. Eine BRIGITTE, die zu Tränen rührt und im nächsten Augenblick komisch ist – wie das Leben nun mal ist. Eine BRIGITTE, die ihre Leserinnen so ernst nimmt, wie sie es verdienen. Ohne billige Versprechen, dafür mit einer entschiedenen moralischen Haltung und einem ebenso realistischen wie optimistischen Bild vom Menschen: Lasst euch nicht einreden, ihr müsst zu jeder Sekunde eures Lebens schön, sexy, erfolgreich, witzig, rundum perfekt sein. Lasst euch nicht für dumm verkaufen. Glaubt an euch selbst, an eure innere Stärke, an eure Freunde, an die Liebe, an die manchmal unerträgliche Widersprüchlichkeit des Lebens. Liebt das Leben so, wie es ist! Sie müssen wissen: Mit dieser Frau gemeinsam dieses Heft zu machen ist für uns alle in der Redaktion etwas ganz Besonderes, etwas Kostbares gewesen. Frau Volk, das werden wir Ihnen nie vergessen.“
Und ich bin erstaunt darüber, wie sehr das, was wir damals zu formulieren versucht haben, immer noch das trifft, was ich mit Frau Volk verbinde und mit „Brigitte“.

Mark Kuntz sagte, als das Heft mit diesem Text kam, in der Morgenrunde: „Ach, ist doch schön, Ihr letztes Heft, Frau Volk, wollen wir das nicht mal in Ruhe zusammen blättern, bisschen Abschied nehmen und so?“ Das passte ihr nicht so richtig, aber na gut. Als wir zur Doppelseite „Ein Mann/Eine Frau“ kamen, dauerte es einen Moment, bis sie begriff, was wir angerichtet hatten, und dann sagte sie: Das finde ich richtig nicht gut.

Es war das schlimmste Urteil auf ihrer Skala, die von „Tadellos“ bis „geistesgestört“ und eben „richtig nicht gut“ ging. Aber es war uns egal, denn wir wussten, dass wir recht hatten.

Ein Kommentar zu “Frau Volk

  1. Lieber Till Raether , weil ich meine „Brigitten“ nie wegschmeissen kann …. suche ich jetzt das beschriebene letzte Heft von 2001 …. ich erinnere mich sehr deutlich an Anne Volk .
    Ich weiss nicht genau ob es „nicht richtig gut“ ist , dass ich in meinem Alter lieber die „Original“ Brigitte lese und nicht die vielen neuen „Nachkommen“ ? ;-)) Es ist eben meine treue Art zu Liebgewordenem . Es fing einmal an … am Kiosk an der Innpromenade in Passau … den sicher einmal das Hochwasser vertrieben hat … das war in den 50igern u. die Brigitte hieß noch „mit Constanze“ . Dann wurde sie mir mit der Post gebracht …. bis jetzt . Herzliche Grüße und danke für den schönen Nachruf !

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