Letzter Aufruf

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Seit vielen Jahren führe ich an einigen Orten der Welt ein Doppelleben unter falschem Namen. Auf sehr niedrigem Niveau, wenn man sich die möglichen Abgründe von Doppelleben vor Augen führt. Dazu muss ich ein bisschen ausholen.

In Bad Godesberg hatten wir eine Nachbarin, die mich als Kindergartenkind sehr beeindruckte: Frau Pörschmann hatte einen Pool im Garten und um diesen Pool in meiner Erinnerung Gartenmöbel aus geschwungenem weißen Draht, und als sie ein paar Bäume fällen lassen musste, lief sie anschließend mit dem Benzinkanister durch den Garten, um die Stümpfe abzubrennen. Mit einer brennenden Zigarette im Mund. Die Baumstümpfe blieben in ihrer Form erhalten, aber schwarz verkohlt. Ich dachte damals, so geht Gärtnern. Frau Pörschmann guckte nachts die Muhammad-Ali-Kämpfe in anderen Zeitzonen, berichtete mir am nächsten Tag davon, und als ihre Dackelhündin Afra Welpen warf, überreichte sie mir die kleinste und sagte, „Der gehört jetzt dir“. (Meine Eltern waren nicht begeistert.) Als meine Schwester geboren wurde, fuhr Frau Pörschmann mich im goldenen RO 80 ins Krankenhaus. Soweit, so Siebziger-Jahre-Kindheit.

An Herrn Pörschmann erinnere ich mich nicht, aber es gibt eine Geschichte über ihn, die mir sehr gegenwärtig ist. Er war viel unterwegs und offenbar sehr wohlhabend (der Pool, die Baumstümpfe). Außerdem galt er, wenn ich mich richtig erinnere, als Exzentriker. Meine Eltern erzählten, er müsste viel fliegen, und da er ungern jemanden neben sich hatte, buchte er stets zwei Sitzplätze. Mit einem Bonuseffekt: Den zweiten, nicht benötigten Sitzplatz, buchte er stets auf den Namen „Ompha Potato“. Um sich, wie in der Nachbarschaft berichtet wurde, am Flughafen dann mit wachsender Intensität über die immer dringenderen Aufrufe für „Ompha Potato“ zu freuen.

Ich habe diese Geschichte nie in Frage gestellt, im Gegenteil, sie ist mir immer als ein fabelhaftes Beispiel dafür erschienen, welche Möglichkeiten das Erwachsenenleben für mich bereithalten würde. Flugreisen! Reichtum! Lustige Namenswitze! Heute hasse ich Flugreisen und Namenswitze, aber ich merke, dass ich immer noch eine kindliche Sehnsucht nach Ompha Potato habe.

Nun gibt es auf vielen Flughäfen kostenloses WLAN, das ich brauche, um auf meinem Telefon ohne Roaming-Gebühren „Wordfeud“ zu spielen oder Sachen wie „Nailed It – Das Gelbe vom Ei“ zu gucken. Vor etwa acht Jahren wurde ich erstmals dazu aufgefordert, mich in einem Flughafen-WLAN mit meinem Namen und meiner E-mail-Adresse anzumelden. Darauf hatte ich natürlich keine Lust, aus Angst, bis an den Rest meines Lebens über die Duty-Free-Sonderangebot von Amsterdam Schiphol informiert zu werden. Ohne nachzudenken, aber aus tiefster Seele, tippte ich „Potato“ und „Ompha“ in die Nach- und Vornamensfelder, und dann „ompha789(at)yahoo.com“ oder so ins Adressfeld. Das habe ich seitdem in Paris, New York, Malaga, New Orleans, Seattle, Toulouse und Salzburg gemacht, und an ein paar Londoner Flughäfen.

Wie gesagt, ich hasse Flugreisen. Abstürzen ist meine geringste Sorge. Es ist die Unfreiheit und das Ortlose, nirgendwo fühle ich mich verlorener als auf Flughäfen. Jeder Flughafen, auf dem ich gewesen bin, war wie alle anderen Flughäfen, die Unterschiede sind Erfindungen, an die das Gehirn sich klammert, um nicht völlig den Halt zu verlieren. Der Flughafen kann nicht verhehlen, dass wir keinen Grund haben, uns an ihm aufzuhalten. Er will uns nicht und kann uns nicht wollen, wir sind immer gerade zu viel, alles ist gerade zu teuer, die Wege sind gerade zu weit, die Schlangen zu lang, und zugleich ist alles noch gerade soweit unterhalb der Unerträglichkeitsgrenze, dass ich bis nächstes Mal vergessen habe, dass ich nie wieder fliegen wollte.

Der Ompha-Potato-Anmelde-Reflex kam daher ganz von Innen, aus einem augenblicklichen Wunsch nach Geborgenheit, dem Gegenteil dessen also, was der Flughafen anbietet. Der Flughafen handelt von und mit Geworfenheit: selbst als einigermaßen freiwillig Reisender bist du machtloser als anderswo; selbst, wenn du mit der Familie reist, bist du womöglich allein. Weil der Flughafen nur dein Gepäck frisst. Weil der Flughafen nur deinen Pass seltsam findet. Weil du zurückbleiben musst, und sei’s nur ein paar Schritte, denn die Schatten dessen, was du in dein Handgepäck gestopft hast, sind erklärungsbedürftig.

Ich frage mich, ob es Herrn Pörschmann damals auch schon so ging, und ob er für sich deshalb Ompha Potato erfunden hat. Und ich frage mich, ob es uns unterscheidet oder gerade verbindet, dass er sich Ompha Potato als imaginären Freund buchte, ich mich aber ausgebe als Ompha Potato.

Jetzt, in den Märzferien, hat sich der Kreis zum ersten Mal geschlossen. Ich war in Gatwick, lahmgelegt, weil der Flughafen nicht konnte und wollte im Schnee. Ich nahm mein Telefon, um mich im WLAN anzumelden, denn von meinem letzten Gatwick-Flug vor zwei Jahren wusste ich, das Internet ist gut. Sobald ich das Anmeldefenster im Browser geöffnet hatte, war da nichts auszufüllen, sondern nur ein grüner Haken, und die Worte: „Welcome Back, Ompha Potato“. Es fühlte sich an wie zum ersten Mal endlich ankommen, und gleichzeit, wie aufzufliegen.

2 Kommentare zu “Letzter Aufruf

  1. Eine ganz wunderbare Geschichte!
    Von der Strahlkraft kindlicher Erinnerungen, von der gelegentlichen Notwendigkeit des Identitätswechsels und von kurzen Momenten der Geborgenheit in der kahlen Heimatlosigkeit der Flughafenwelt.

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