Wandern mit meinem Vater

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Abbildung ähnlich: Nicht der Große Plöner, sondern der Große Eutiner See, da waren wir am Freitag.

Es ist stockdunkel, wir haben keinen Proviant und kein Wasser. Die Gasthäuser sind längst geschlossen. Taschenlampen und andere Ausrüstungsgegenstände haben wir ebenfalls nicht. Denn wir sind ein wandernder Vater und ein wandernder Sohn, kein Detektivclub. Das einzige, was wir haben, sind Blasen an den Füßen und ein mit jedem Schritt irrer werdender Plan: den See umrunden. Den Plöner See. Oder, wie es korrekt heißen muss: den Großen Plöner See. Groß bedeutet in diesem Fall: etwa 50 Kilometer Uferlänge.

Gleich erlischt mein Telefon, das jetzt noch ein wenig den Weg erhellt, dann bleiben uns nur noch der Sichelmond und hin und wieder von der Bundesstraße herübertastende Autofernlichter.

Wir wissen: die Frau meines Vaters und meine eigene werden uns, wenn wir nach unserer Rückkehr davon erzählen, für bescheuert erklären. Wir tun so, als wäre es uns egal. In Wahrheit gibt es uns genau die zehn Prozent zusätzliche Energie, die wir noch brauchen, um unsere Wanderung abzuschließen, spät an einem Spätsommerabend in der Holsteinischen Schweiz. Weiterlesen

Kein Laut dringt aus dem Fleischgefängnis

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Eine Gespenstergeschichte.

 

Nun soll ich also Bericht ablegen über meine Kindheit. Ich verstehe nicht, wie das dem kleinen Theo helfen soll. Rennautos hat er gemocht und Gummibärchen und sein T-Shirt, wo drauf stand „Brummi wünscht gute Fahrt“, mit einem Lastwagen in Menschengestalt. Aber ich bin alt geworden bis fast zum Tode, und vielleicht bin ich allein deshalb bereit, an meine Kindheit zu denken und von ihr zu berichten: weil sie mir, je älter ich werde, immer näher kommt. Alle sind tot, meine Mutter schon seit vielen Jahren, mein Mann ist gegangen, weil er die Eckenwesen nicht mehr ertragen konnte, im März sind es zehn Jahre, tot ist er auch.

Eckenwesen, das Wort ist von meiner Mutter. Ich war ihr ganzer Stolz. Weil ich fast alles war, was sie hatte. Sie hatte nur mich und die Eckengäste und den Kiosk im Freibad, darum waren die Winter uns lang. Als sie starb, sagte der Pfarrer: Sie war eine einfache Frau. Womit er wohl meinte, dass sie ungebildet war, keine Rücklagen hatte und nichts aus ihrem Leben gemacht.

Aber einfach? Nein. Sie war der schwierigste Mensch von allen.

Für sie gab es keinen Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit, darum sagte sie, wenn ich in meinem kratzenden Kleid am weißen Küchentisch saß und nach meinem Vater fragte: „Deinen Vater habe ich im Traum gekannt, von ihm nie wieder ein Wort.“ Und wenn ich dann fragte, woher ich käme, wenn sie ihn doch nur im Traum gekannt habe, dann schlug sie mich mit der Faust. Als ich in die Schule kam, hörte ich, dass andere Eltern mit der flachen Hand schlugen und die Lehrer auch. Meine Mutter nahm immer die Faust. Aber sie liebte mich sehr. Manchmal öffnete sie Faust danach und zeigte mir, während sie mich in den Arm nahm, dass eine Leckmuschel darin war für mich zum Trost. Weiterlesen