Wandern mit meinem Vater

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Abbildung ähnlich: Nicht der Große Plöner, sondern der Große Eutiner See, da waren wir am Freitag.

Es ist stockdunkel, wir haben keinen Proviant und kein Wasser. Die Gasthäuser sind längst geschlossen. Taschenlampen und andere Ausrüstungsgegenstände haben wir ebenfalls nicht. Denn wir sind ein wandernder Vater und ein wandernder Sohn, kein Detektivclub. Das einzige, was wir haben, sind Blasen an den Füßen und ein mit jedem Schritt irrer werdender Plan: den See umrunden. Den Plöner See. Oder, wie es korrekt heißen muss: den Großen Plöner See. Groß bedeutet in diesem Fall: etwa 50 Kilometer Uferlänge.

Gleich erlischt mein Telefon, das jetzt noch ein wenig den Weg erhellt, dann bleiben uns nur noch der Sichelmond und hin und wieder von der Bundesstraße herübertastende Autofernlichter.

Wir wissen: die Frau meines Vaters und meine eigene werden uns, wenn wir nach unserer Rückkehr davon erzählen, für bescheuert erklären. Wir tun so, als wäre es uns egal. In Wahrheit gibt es uns genau die zehn Prozent zusätzliche Energie, die wir noch brauchen, um unsere Wanderung abzuschließen, spät an einem Spätsommerabend in der Holsteinischen Schweiz.

An sich ist der Plöner See nicht dafür gedacht, an einem Tag umwandert zu werden. Jedenfalls nicht von meinem Vater und mir. Mein Vater ist zwar gut trainiert und schlank, aber zu diesem Zeitpunkt bereits 75, und ich habe schon lange den Dad-Bod, dieses charakteristische die Restmuskeln abpolsternde Übergewicht der einsetzenden Lebensmitte. Eigentlich haben wir vorgehabt, den See in zwei Etappen zu umlaufen, und dabei zu tun, was wir immer tun, einmal im Jahr, bei unserer regelmäßigen Vater-Sohn-Wanderung: Reden, Schweigen, den Weg finden, den Weg verlieren, schön in Gasthöfen Pause machen, über Entgegenkommende Lästern, wenn sie noch in Hörweite sind, und die Landschaft mit lauten Rufen (mein Vater) oder leicht erschöpftem Nicken zu kommentieren (ich).

Zwei Etappen, also, und eigentlich wollten wir etwa 25 bis 30 Kilometer hinter Ascheberg ein Quartier zum Übernachten suchen. Wir finden nichts, was uns auf Anhieb gefällt. Also gehen wir weiter, bis es zu spät ist: Als es Abend wird, sind es noch rund 15 Kilometer zu unserem Ausgangspunkt, unmöglich, jetzt ein Taxi zu rufen oder auf den Landbus zu warten. Wenn es drauf ankommt, sind wir uns einig: Wir gehen weiter.

Jede Wanderung mit meinem Vater setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: der Regelmäßigkeit (einmal im Jahr) und der Nähe, die entsteht, wenn man sich gemeinsam anstrengt, gemeinsam langweilt, ärgert, freut, über die Vernunft hinwegsetzt. Vernünftig wäre gewesen, die Seeumrundung im Dunkeln aufzugeben. Aber eben nicht so unvergesslich.

Ich weiß nicht mehr genau, wie und wann es angefangen hat. Vor über zwanzig Jahren, als der Kontakt zwischen meinem Vater und mir loser wurde, aber das Verhältnis enger. Wie es so ist mit Anfang, Mitte zwanzig: der Qualm der Pubertätsgefechte hat sich verzogen, die Erinnerung an all die kleinen und großen passiv-aggressiven Auseinandersetzungen an Abendbrot-, Restaurant- und Couchtischen verblasst. Es fällt mir jetzt erst auf, dass diese Auseinandersetzungen wirklich immer an Tischen stattfinden. Im Gehen kann man nicht streiten, jedenfalls nicht passiv-aggressiv, so endlos wie im Sitzen: Wenn man im Gehen streitet, dann immer auf eine Versöhnung oder zumindest ein gegenseitiges Akzeptieren hin. Denn jedes Gehen hat ein Ziel, und wenn es nur der Parkplatz in Ascheberg ist, wo die Autos stehen, oder eben das nächste Pensionsbett. Manchmal, wie auf dem Rennsteig in Thüringen, auch das Mehrbettzimmer in einer Jugendherberge.

Der Schriftsteller Ian McEwan, ein leidenschaftlicher Freizeitwanderer wie mein Vater und ich, hat gesagt, dass jede Wanderung der gleichen Dramaturgie folgt wie eine Geschichte, mit Anfang, Mittelteil und Schluss. Und genauso bekommt auch jede Unterhaltung beim Gehen ein Ziel, und dieses Ziel ist nie, sich gegenseitig das Leben schwerzumachen. Das macht man an Tischen und auf anderen Möbeln.

Einmal, recht am Anfang, habe ich versucht, in Brandenburg eine ganze Menge alten Mist bei meinem Vater abzuladen. Wir wanderten vage ein bisschen auf den Spuren Theodor Fontanes, und ich, Mitte zwanzig, fand es unwiderstehlich, meinem Vater zu erklären, wie unverstanden und schlecht behandelt ich mich oft fühlte, er würde sich in Wahrheit gar nicht für mich interessieren. Ich erinnere mich lebhaft, wie aufmerksam mein Vater zuhörte, den Vorwurf dadurch bereits zu einem guten Teil entkräftend. Dieser Vorwurf aber wurde sowieso zusehends schlapper, das Unwohlsein der späten Jugend war schwer aufrechtzuerhalten im Schrittschatten der märkischen Kiefern, und spätestens, als wir bei einer Rast unsere müden nackten Füße schweigend in den Brandenburger Wegesand steckten und ich unsere Füße nebeneinander sah, war meine aufgestaute Unverstandenheit nicht mehr so wichtig. Ich will damit nicht sagen, dass einmal im Jahr ein, zwei, drei Tage durch die Gegend zu wandern Konflikte löst, oder an sich wichtiger und schöner ist, als Konflikte auszufechten. Ich will damit nur sagen, dass man sich, aus dem Alltag in die Natur versetzt, aus dem Drinnen ins Draußen, leicht darüber klar wird, dass mancher mittelgroße Konflikte vielleicht gar keiner ist, weil man ihn aushalten kann und weil es Wichtigeres und Schöneres gibt.

Eine zeitlang war es mit dem Reden und dem Einanderverstehen buchstäblich nicht einfach. Mein Vater hörte lange Jahre nicht so gut. Dies führte beim Wandern zu zwei Phänomenen. Als wir etwa durch die Landschaften seiner Kindheit in Ostholstein wanderten, erzählte er mir die Geschichte von jeder Kreuzung, jeder Schlehe und jedem quer geharkten Vorgarten auf unserem Weg, und was ich dazu zu sagen hatte, waren eh nur milde Anfeuerungslaute. Und umgekehrt gab es mir die Gelegenheit, bei einer Wanderung von Quedlinburg den Brocken hinauf im November, als der Regen zu Schnee wurde und dann zu Eis, in Richtung meines Vaters die Geschichte einer unglücklichen und gescheiterten Beziehung zu sprechen. Dass ich wusste, er versteht nicht alles, machte es leichter. Ich verstand ja auch nicht alles, wenn auch auf anderer Ebene. Und dass er mich nicht gut hörte, nahm auch den Druck, nach meiner Beziehungsgeschichte einen Rat oder einen Trost zu erwarten. Oft gibt es beides nicht, und jeder Versuch macht alles noch schlimmer. Mein Vater holte ein halb gefrorenes Marzipanbrot heraus und schnitt es mit dem Fahrtenmesser an, das war besser als jeder mündliche Ratschlag.

Natürlich gehen sich zwei erwachsene Männer, die gemeinsam etwas unternehmen, auch auf die Nerven. Erst recht, wenn sie so eng verwandt sind. Oft aber lachen wir. Mein Vater hat einen ebenso liebevollen wie fordernden Blick auf die Menschen. Wie sich das äußert, war mir als Kind peinlich, inzwischen komme ich gut klar damit. Er spricht tendenziell mit jedem, ich tendenziell mit niemandem. Zum Beispiel ist eins seiner Steckenpferde, zu spekulieren, woher Wanderer stammen, die uns entgegenkommen. Mein Vater überprüft seine Annahmen dann immer sofort, etwa, indem er eine fremde Frau in der Lüneburger Heide fragt: „Und, wie ist das Wetter in Schöneberg?“ Erstaunlich oft liegt er richtig, erstaunlich oft passt das den Erkannten gar nicht. Das ist dann lustig.

So richtig ausgefallen ist in keine unserer Wanderungen. Vielleicht, als meine Kinder jeweils gerade geboren waren. Manchmal variieren wir. Voriges Jahr sind wir gepaddelt, weil ich ein neues Faltboot hatte. Einmal musste ich für ein Buch recherchieren, und mein Vater begleitete mich dafür fünf Tage auf ein Kreuzfahrtschiff.

Komischerweise waren auf dem Kreuzfahrtschiff vor allem die gemeinsamen Nächte in der Doppelkabine schön. Wir teilen auch in Pensionen und Hotels immer ein Zimmer. Mein Vater schläft seltsam und unruhig. Tief und fest, während er abends in Anziehsachen auf dem Bett liest. Kurz und kaum, wenn er nachts unter der Decke liegt. Der Plöner See war irre, wie gesagt: 50 Kilometer. Darum erzähle ich davon am liebsten, wenn es um die Wanderungen mit meinem Vater geht. Aber als wir den Parkplatz endlich wieder erreicht hatten, fuhren wir zurück nach Hause, darum fehlte mir am Plöner See die gemeinsame Nacht mit dem relativ schlaflosen Vater. Denn in jeder dieser Nächte wache ich auf, aber nur halb, und am Licht und am Papierrascheln höre ich, dass mein Vater da ist und dass es Spätsommer oder Herbst ist, und dass wir es irgendwie wieder geschafft haben.

Beim Frühstück erzählt er mir dann von dem Martin Walser, den er gerade liest, und ich nicke und höre nicht zu und bin auf diese seltsame Weise genervt und gerührt zugleich, in der man als Erwachsener Zeit mit den Eltern verbringt. Und obwohl über dem Frühstücksbuffet extra ein Schild hängt, man darf keine Brötchen schmieren für später, schmiert mein Vater Brötchen für später, das wäre doch gelacht, und ich leide ein bisschen, aber später werde ich mich sehr über das Brötchen freuen. Und dann sagt er: Wollen wir los? Ja, sage ich. Wir wollen los.

3 Kommentare zu “Wandern mit meinem Vater

  1. Wunderbar. Komme eben von einer 120-Kilometer-Wanderung zurück, zwar nur mit einer vertrauten, und doch immer wieder fremden Freundin, dennoch lese ich das mit Begeisterung. Und mit ein bisschen Neid, mangels Vater.

  2. Kann mich meiner Vorkommentatorin nur anschließen: eine wunderbare Geschichte!

    Als Tochter sind für mich diese Vater-Touren, die auch ich kenne und praktiziere, zwar nochmal eine Spur anders, aber vieles ist auch ähnlich.

    Überdies teile ich deine Auffassung vom Gehen&Reden (bzw. Streiten), und die Worte, die du dafür gefunden hast – „Und genauso bekommt auch jede Unterhaltung beim Gehen ein Ziel, und dieses Ziel ist nie, sich gegenseitig das Leben schwerzumachen. Das macht man an Tischen und auf anderen Möbeln.“ – , lösten größten Widerhall aus. Nichts ist gräßlicher, als an einem Tisch sitzend (gegenüber) zu streiten.

    Viele Grüße, Natascha

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