Entlastungspodcast Folge 5: Wie es ist, wenn ein Buch erscheint

Was passiert zwischen Manuskriptabgabe und dem Erscheinen eines Buches? Wie fremd wird einem der eigene Text? Was ist Verkaufsranglistenporno und welche Art von Kritik tut am meisten weh? Und räumen eigentlich alle Autor*innen Buchläden um? Anlässlich des Erscheinens von „Unter Wasser“ sprechen Alena Schröder und ich über alles, was sich zwischen Manuskriptabgabe und Erscheinen eines Buches abspielt.

Der Horizont ist nur eine Linie

IMG_20170814_112439873Vor Jahren klingelte in den Mai-Ferien mein damals noch nicht uraltes Handy, und es war die Redaktion der Zeitschrift BYM. Wo die Kurzgeschichte zum Thema „Ein Tag am Meer“ denn bliebe, fürs Sommerheft. Ich wusste von nichts, aber das konnte allerhand Gründe haben. Also setzte ich mich hin und schrieb die Geschichte über das, was ich sah, denn ich war ja gerade am Meer, auf Mallorca. Die Geschichte erscheint hier zum ersten Mal, denn BYM wurde damals eingestellt, bevor die Kolleg*innen den Sommer mit einem Kurzgeschichten-Special feiern konnten. Schade.

 

Wenn die Eltern fragen, sagt ihr Vater: „Jelena lernt Erzieherin.“ Jelena hat sich abgewöhnt, dazu zu nicken. Im ersten Sommer hat sie angefügt: „Ich will unbedingt was mit Kinder machen.“ Im zweiten Sommer hat sie „Ja“ gesagt, im dritten genickt, jetzt schaut sie unverbindlich, aber im weitesten Sinne zuversichtlich, und fixiert dabei einen Punkt am Horizont, irgendwo hinter ihrem Vater.

Ihr Vater steht immer mit dem Rücken zum Meer, wenn er Jelena den Eltern vorstellt, die heute ihre Kinder bei ihr lassen werden. Vormittags steht die Sonne über dem Meer. Ihr Vater hat gern die Sonne im Rücken. Während er spricht, müssen die Eltern die Augen zusammenkneifen, jedenfalls die, die ihre Sonnenbrillen abgesetzt haben, um sich von ihren Kindern zu verabschieden. Die meisten behalten die Sonnenbrille auf.

Dann ist ihr Vater weg. Andere Menschen brauchen Minuten, um durch den feinen Sand den Weg zum Hotel zurückzulegen, ihr Vater verschwindet einfach. Jelena steht mit den Kindern und den Eltern da, und es entsteht jedes Mal ein unangenehmer Augenblick der Stille, während die Eltern Jelena betrachten. Sie warten darauf, dass sie anfängt, die Kinder zu animieren, damit die Eltern gehen können. Jelena malt sich aus, jetzt eine eigene kleine Rede zu halten.

Das mit der Erzieherin hat mein Vater sich ausgedacht. Alles, was ich mit Kindern zu tun habe, ist, dass ich jeden Sommer sechs Wochen lang den Tag über auf Kinder aufpasse, damit ihr ungestört die Outlet-Stores im Landesinneren abklappern könnt. Wobei: „aufpassen“ ist ein dehnbarer Begriff. Weiterlesen