Tubensahne: Der Schmerz zwischen Eltern und Kindern

IMG_20190604_183730467_HDR

Fast jede Woche, manchmal jeden Tag, denke ich an einen Vorfall im Sommer 1984. Nie zuvor hatte ich, und nie danach habe ich meinen Vater so wütend gesehen. Über viele Jahre war mir der Vorfall völlig unverständlich, er war mir ein Beispiel dafür, wie merkwürdig Erwachsene und insbesondere meine Eltern sind. Wie ungerecht, natürlich auch. Es ging um Tubensahne.
Die Gründe, aus denen ich an diesen Vorfall so häufig denke, haben sich geändert. Ein paar Jahre danach war es mit einem Schmerz: so wenig versteht dich dein Vater, so fremd ist er dir. Ich war fünfzehn, als sich der Vorfall mit der Tubensahne ereignete. Nachdem ich diese Lesart überwunden hatte, dachte ich hin und wieder an die Tubensahne, weil sie mittlerweile zum überschaubaren Repertoire jener Ereignisse gehört, an die wir uns eben erinnern. Wie ein bestimmter Nachmittag im Park, der banaler war als die anderen, ein Satz, den eine Mitschülerin gesagt hat, oder wie der Hausmeister einmal geguckt hat. Jetzt aber, wo ich selbst einen fast Fünfzehnjährigen Sohn habe, denke ich immer noch oft aber wieder anders und aus anderen Gründen an den Vorfall mit der Tubensahne.
Damals ereignete sich folgendes, und es war in Schottland. Das heißt, noch nicht: Wir waren auf dem Weg dorthin. Mein Vater, meine Schwester und ich, im grünen VW-Bus meines Onkels, den mein Vater für unsere dreiwöchige Tour durch Schottland geliehen hatte. Mit der Fähre von Hamburg nach Newcastle (Verbindung inzwischen eingestellt), nachdem wir den Bus in Schwarzenbek abgeholt hatten. Mein Vater ist in Norddeutschland aufgewachsen, und er war sehr erfreut, als wir in einem Supermarkt im Raum Lauenburg verschiedene Produkte fanden, die ihn offenbar an seine Kindheit und Jugend erinnerten, die meiner Schwester und mir aber völlig egal waren. Darunter Tubensahne. Also Kaffeesahne, die in einer Art Aluminum-Tube verkauft wird, die zwar tubenförmig ist, aber an der Stelle, wo die Tube der Zahnpasta etwa den Zahnpastatubendeckel hat, gar nichts hat außer einer glatten Aluminiumfläche. „Schön schlicht“, höre ich meinen Vater sagen, „schlicht“ war und ist immer noch ein hohes Lob, wenn es ihm um Dinge und ihr Aussehen geht.
An unserem ersten Abend zwischen Newcastle und Schottland campten wir mit dem VW-Bus wild, was für mich als einen auf seine Haare bedachten Fünfzehnjährigen grauenvoll war. Morgens deckte mein Vater hinten im VW-Bus den Resopaltisch und wies mich an, doch schonmal „die Tubensahne zu öffnen“, der Kaffee sei gleich fertig. Ich könne dafür doch gern die Schere nehmen, er habe sie rausgelegt.
Was sich nun abspielte, habe ich oben in Abb. I rot markiert: Ich nahm die Schere und öffnete die Tubensahne dort, wo ich bei allen anderen Tuben die Öffnung kannte. An der unteren, runden Fläche. Indem ich sie mit der Schere ohne viel Federlesens einstach. Sobald ich dies getan hatte, merkte ich, dass etwas daran nicht stimmen konnte. Ich saß eingezwängt in der VW-Bus-Bank und fragte mich, wie ich die Tubensahne nun auf dem Tisch lagern sollte. Ich legte sie vorsichtig auf die Seite, wobei ein bisschen Tubensahne sich aus der Sahnetube löste und auf den Tisch lief (siehe Abb. 2, rot).
Mir wurde klar, dass ich einen großen Fehler gemacht hatte.
Angst hatte ich nicht vor meinem Vater, er war und ist ein sehr liebevoller Mann, aber ich wusste, dass es eine bestimmte Art von Fehlleistung gab, die ihn über die Maßen ärgerte. Dazu gehörte etwa, wenn ich meine „Sachen nicht in Schuss“ hielt, wenn ich ihm beim Fahrradreparieren das falsche Werkzeug anreichte oder nicht verstand, was er meinte. Und ich ahnte, dass es sich hierbei jetzt um eine ähnliche Fehlerkategorie handelte.
Mein Vater sah, was ich mit der Tubensahne angerichtet hatte, und verlor einen erklecklichen Teil seiner Fassung. Ich kann mich nicht mehr an seine genauen Worte erinnern, aber ich sehe im Bus einen kontextbedingt gebückten Mann (niedriger Himmel), jünger als ich selbst heute (nämlich 45), der einfach nicht begreifen kann, wie jemand sich so dumm anstellen kann, wie jemand nicht wissen kann, wie man eine Tubensahne öffnet. Nämlich, nachvollziehbarerweise, so, wie in Abb. 1 blau markiert, damit man aus ihrer gießen kann wie aus einer kleinen Alu-Milchtüte, und sie, was für eine schöne Erfindung, wie in Abb. 2 blau markiert, auf der runden Unterseite abstellen kann. Die Stimme meines Vaters füllte den Bus, aber nicht lange, laut zwar, doch ich denke, schon damals merkte ich, dass das nicht in erster Linie gegen mich ging, er hörte auch ganz schnell auf, mich persönlich anzuschreien. In seinem Gesicht und seiner Stimme drückte sich eher ein tiefer, unten gehaltener Schmerz über den Zustand von allem aus.
Ich sehe heute die sinnvolle und schöne Gestaltung der Tubensahne, und ich begreife, dass es einen Schmerz an sich verursacht haben muss, auf welche Weise ich diese Gestaltung mit einem Scherenstich ad absurdum führte.
Ich sehe heute, wie uneinfach das Scheidungsleben für meinen Vater gewesen sein muss: einmal im Jahr drei Wochen Ferien am Stück mit zwei pubertierenden Kindern, die er jedes zweite Wochenende und manchmal nachmittags oder abends sah, von deren Alltag er aber nicht viel mitbekam. Und die mit der plötzlichen Nähe und der vielen gemeinsamen Zeit vielleicht erstmal nicht so viel anfangen konnten, wie er es sich gewünscht hätte. Jahre später haben ich einem Kollegen von mir das Reisetagebuch gezeigt, das zu führen mein Vater uns und sich damals immer anhielt, zu dritt, im Wechsel, nach der Rückkehr mit „Foto Porst“-Fotos verziert. Auf allen Fotos sieht man zwei mehr oder weniger schlaksige Teenager, die ernst in Bücher oder verlegen in die Kamera schauen, oder meinen Vater, der mit einem unverbrüchlichen Grinsen Späße macht, ein Portal aus Seegras über meine Schwester hält und solche Sachen. „Dein Vater war ein Held“, sagte mein Kollege etwa 2004, und ich stimmte ihm gerne zu, erleichtert, dass ich es, mit damals Mitte 30, nun auf den Fotos auch erkannte und auch so empfand.

Mein eigener Sohn wird 15, so alt wie ich in Schottland war. Die Tubensahne fällt mir wieder ein, als ich den Teekarton aus dem Schrank hole. Die Firma hat sich, wie alle Teefirmen, ein nachgerade geniales, aber auch auch einzigartiges System ausgedacht, wie man ihre Scheißkartons öffnen kann, und weil ich ein mittelalter Daddy bin, schätze ich diese Anstrengungen und es bereitet mir eine gewisse Mikrofreude, sie nachzuvollziehen und den Teekarton an der jeweiligen perforierten Ovalnaht vorsichtig so zu öffnen, dass er zu einem Pappzauberkästchen voller leicht entnehmbarer Scheißteebeutel wird. Mein Sohn hat diesen Karton kurzerhand an der nächstbesten Seite aufgerissen, er ist nun im vorgesehenen Sinne unbenutzbar. Im Hals steckt mir ein „Kannst du EINMAL eine Verpackung so aufmachen, wie …“, und ich würde es brüllen durch die Küche, das Wohnzimmer, den Flur bis in sein Zimmer, aber ich schlucke es runter. Plötzlich amüsiert und rührt es mich. Ich empfinde eine Zärtlichkeit für meinen Vater im Moment des Tubensahne-Fiaskos, die über mein schon vorhandenes Verständnis hinausgeht. Und für meinen Sohn, der jede Eindrückstelle an Müsli-Verpackungen, jedes Wiederverschließbarkeits-Feature, jeden Ausklappstutzen ignoriert, oder seine Energie für anderes braucht, um verstehen zu wollen oder zu können, was hier nun auch wieder von ihm verlangt wird. Er hätte, das weiß ich genau und ich liebe ihn dafür, die Tubensahne 1984 genauso geöffnet und zerstört wie ich.

Ein Kommentar zu “Tubensahne: Der Schmerz zwischen Eltern und Kindern

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.