Muriel Spark Joy 3: „Memento Mori“

Dieses Jahr lese ich alle 22 Romane von Muriel Spark (1918-2006) in chronologischer Reihenfolge und versuche, ihrer Faszination schematisch auf den Grund zu gehen. Die abgebildete und von mir ggf. zitierte Ausgabe ist die Polygon-Gesamtausgabe, Edinburgh 2017.

Titel: Memento Mori (1959, dt.: Memento Mori, Ü: Peter Naujack, 1960, Ü: Andrea Ott, 2018, beide Diogenes)

Was passiert: Einige ältere Herrschaften (und wie gut das Wort hier einmal passt) aus der Londoner Oberschicht und der verkrachten oberen Mittelklasse bekommen anonyme Anrufe, in denen sie daran erinnert werden, dass sie sterben müssen. Einige geraten darüber aus dem Häuschen und behelligen die immer unwilligeren Beamten von Scotland Yard, andere, wie die 85-jährige halbvergessene Star-Autorin Charmaine Colston, lassen die Anrufe mit amüsiertem Stoizismus über sich ergehen. Bis auf eine dieser mitteljungen, pragmatischen aber seltsam distanzierten, widerwillig verwickelten Muriel-Spark-Frauen, sind alle Protagonist*innen und Antagonist*innen in diesem Buch über siebzig, meist deutlich älter. Was sich anlässt wie ein leicht humoristisches Tüddel-Kabinett à la P.G. Wodehouse, wird bald zu einem durchaus spannenden Ringen um das Seelenheil der einen oder anderen Figur, die man dann doch ins Herz geschlossen hat, womöglich gegen den Willen der Autorin.

Was ist gut: Sparks Blick auf das Altwerden von Körpern und Geist ist unerschrocken, aber ohne Effekthascherei. Sie erwähnt das Entscheidende eher beiläufig, als dass sie gezielt berichtet und beschreibt. Die Interaktionen der Figuren sind oft leicht theatralisch und dadurch genrehaft, man wähnt sich über weite Strecken in einem gemütlichen Boulevard-Stück über alte Zausel, und merkt dann eher aus dem Augenwinkel, wie sich rund um einen die Abgründe auftun. Einen tatsächlichen Mord beschreibt sie nüchtern, als fast unausweichlich und sinnlos, er hat nichts mit den von ihr hergestellten Atmosphäre von Verunsicherung und Trittverlust zu tun. Traditionell schauerliche Umgebungen wie etwa die geriatrische Pflegestation eines viktorianischen Krankenhauses hingegen beschreibt sie als Ort der Solidarität und des liebevollen Miteinanders. Es gibt eine fantastische Schurkin,  und obwohl Spark am eigentlichen Rätsel der Handlung bald das Interesse zu verlieren scheint, auch Suspense bis zum Schluss.

Was ist nicht so gut: Ich bin mir nicht sicher, ob die Art und Weise, wie Spark sich in den unteren Schubladen der Plot-Devices bedient, karikierend, desinteressiert oder bequem ist. Jedenfalls gibt es einiges an veruntreuten Vermögen, verschwiegenen Affären, schambesetzen sexuellen Gefälligkeiten, geheimen Notizen und versteckten Briefen, und entweder, das ist besonders wunderbar, weil einem hier die Autorin mit etwas gelangweiltem Blick das Inventar des englischen Unterhaltungsromans vor die Füße kippt, oder es wirkt etwas hingeschludert. Habe mich für erstes entschieden.

Was lernen wir über Muriel Spark: Nichts. Anfangs wollte ich denken, dass sie sich in der halbbeteiligten Figur der jungen Komplott-Nichte ebenso in den Roman geschrieben hat wie in der scherzhaft größenwahnsinnig in die Zukunft gezeichneten Figur der großen alten Romanschriftstellerin Charmaine. Aber in Wahrheit denke ich, dass dies das fast ideale Beispiel eines Buches ist, in dem die Autorin nur noch in der Glattheit des Stils, den Handlungslücken und den fehlenden Linien der Charakterskizzen zu sehen ist: Anwesenheit durch Abwesenheit.

M*S*J: 9/10

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