Canberra School of Music

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Abbildung unähnlich: Die Spielbank in Trier, Januar 2019; Mercure Hotel nach Logo-Wechsel

Mein erster Sehnsuchtsort war die Canberra School of Music. Dies lag allein daran, dass an der Pinnwand unseres Musikraums ein Stundenplan dieser Schule hing. Ich war in der 7. und 8. Klasse, das Jahr war 1982. Der Musikunterricht fand bei einem alten Lehrer statt, Herrn A., der, wenn wir den Musikraum betraten, am Flügel saß und „Blue Eyes“ von Elton John spielte. Mit wiegendem Oberkörper und strengem Blick. „Der Russe“, sagte er, wenn er von den letzten Kriegstagen erzählte. „Der Russe“ habe auf dem gestohlenen Fahrrad gesessen „wie der Affe auf dem Schleifstein“, ein Messer zwischen den Zähnen. Herr A. hatte nach eigenen Angaben im Alter von vierzehn Jahren eine Brücke über den Teltow-Kanal allein mit zwei Panzerfäusten verteidigt. Diese Geschichte erzählte er öfter, er untermalte und verdeutlichte sie mit der immer ähnlichen Skizze an der Tafel: der Teltow-Kanal, die Brücke, er mit den beiden Panzerfäusten, der Russe auf der anderen Seite. Der Russe entwaffnete ihn und kam über die Brücke nach Zehlendorf. Uns war nicht klar, ob er dies dem Russen vorwarf, seiner Elterngeneration, die den Krieg gewollt hatten, oder uns, die wir einfach nur da saßen, glotzten oder kicherten und immerhin froh waren, dass wir nicht Partituren mitlesen mussten bei Mozart-Opern, oder Dur- in Moll-Akkorde umwandeln. Ich denke, er hatte eine große Abneigung gegen uns. Sein Klavierspiel war schlampig, aber talentiert, genialisch. Oder die große Geste täuschte das vor. Er war ein wenig berüchtigt für die Spitznamen, die er Schülern verlieh. Später, in der 9. oder 10. Klasse, erwischte er einen Mitschüler dabei, wie der aus einem Heft Hausaufgaben abschrieb. Die Vorlage stammte von mir, Herr A. drehte das Heft, las meinen Namen und sagte: „Na, da hamwa’s ja, Raether-Verräter.“ Der Name blieb aber nicht mehr hängen, wir waren schon dabei, ihm zu entwischen, Raether-Verräter war eher die Coda vier unglücklicher Jahre. Es war das erste und einzige Mal, dass er er meinen Namen sagte.
Der Musikraum war hoch und alt, ursprünglich wohl eine Art Proberaum direkt hinter der Bühne der Aula. Die Pinnwand, ich denke: Kork, hing neben der Tafel, aber sie war unbeachtet und vernachlässigt. Was dort hing, aktualisierte niemand, es war dieser typische Rückstand einer ersten hoffnungsvollen Initiative: Gucken Sie mal, Herr Kollege, und wenn wir hier noch eine Pinnwand aufhängen. Was man da ranhängen könnte. Bekanntmachungen des Chors und der Orchester-AG. Und dann so Krimskrams. Alles war ein paar Jahre alt. Jemand aus dem Kollegium oder vielleicht aus dem Leistungskurs war offenbar einmal in Canberra gewesen und hatte dort an der School of Music zumindest genug Zeit verbracht, um einen auf rotem Papier kopierten Wochenplan mitzunehmen und dann hier aufzuhängen.
Der Schriftzug „Canberra School of Music“ war in einer damals schon veralteten bauchigen, Comic-artigen Konturschrift geschrieben, liebenswerte Ballons. Rund um die Tabelle mit den Lehrveranstaltungen gab es eine Reihe von Zeichnungen und Symbole, etwa einen dicken Mann mit einer Tuba, ebenfalls bauchig, er mit Schnurrbart, die Tuba mit Lichtreflexen, aber ganz einfach gezeichnet, im Stil der späten Sechziger, frühen Siebziger, die damals schon ewig, ewig her waren, so wie heute zum Beispiel das Jahr 2005.
Ich verbrachte viel Zeit damit, im Musikunterricht meinen Blick auf der ausgeblichenen Kopie vom Canberra School of Music-Plan ruhen zu lassen, sie hatte dieses charakteristische Dunkelrosa von lange hängendem rotem Kopierpapier. Ich hatte keinerlei Interesse an Australien, geschweige denn an Canberra, aber die damals noch bizarrere Entfernung dieser Stadt und die Tatsache, dass dort so seltsam menschliche und verspielte Kursprogramme kopiert wurden, berührte mich auf ganz sonderbare Weise. Ich bekam eine tiefe Nostalgie nach der unmittelbaren Vergangenheit, wie sie weit entfernt und doch vertraut stattgefunden haben musste. Denn einmal trat ich nach der Stunde an die Pinnwand, Herr A. saß wieder am Klavier, schräg vor der Pinnwand, und betrachtete mich beim Näherkommen alarmiert, es fand nicht statt, dass Schüler*innen nach dem Unterricht etwas von ihm wollten. Ich sah, dass das Programm von 1981 war, vielleicht 1980/81. Meinem letzten Grundschul-Schuljahr, das mir damals, mit ein, zwei Jahren Abstand wie ein versunkener Kontinent der Seligkeit erschien. Alles war gut gewesen in der fünften und sechsten Klasse. Jetzt war nichts mehr gut. Die Canberra School of Music erinnerte mich daran, dass es anders sein konnte oder könnte.
Wer weiß, was ich heute damit gemacht hätte. Nachgeschaut, wo und wie diese Schule ist und wie ich dort hinkomme, vielleicht. Vielleicht war es aber auch eine von diesen Sehnsüchten, die immer wieder vorbei sind, sobald die Situation sich ändert: Wenn ich den Raum verließ und den Aushang nicht mehr sah, dachte ich nicht mehr an die Canberra School of Music.
Etwa 1983 wurde der Musikraum renoviert, aufwendig. Herr A. war sehr stolz darauf. Die Holzisolierung der Wände war gereinigt und ausgebessert worden, die Wände frisch gestrichen, und hinter uns, an der Wand mit der Eingangstür, eine ganz neue tiefweiße Fläche für Overhead-Projektionen. Als wir nach den Ferien wieder in den Musikraum kamen, war die staubige alte Pinnwand verschwunden und alles, was an ihr gehangen hatte. In meiner Erinnerung war ich sprachlos. Wie leicht es gewesen wäre, den ollen hellroten Zettel abzunehmen und für mich zu bewahren, damals hob ich solche Schätze auf.
Ich setzte mich auf meinen Platz im hinteren Drittel und bekam einen dieser kurzen Ausfälle, wenn Traurigkeit sich in Wut verwandelt. Ich war gerade dabei, eine frische Tintenpatrone in meinen Geha zu stecken, als es mir zu viel wurde. Ohne innezuhalten, schleuderte ich die Patrone hinter mich, während die anderen sich noch setzten. Herr A. war in die Tastatur versunken, er spielte immer noch und wieder „Blue Eyes“, fortissimo, damit er uns nicht hören musste. Sobald es klingelte, klimperte er aus und stand auf.
„Das kann ja nicht wahr sein“, sagte er und brüllte sofort rum – wie laut die Lehrer und auch manche Lehrerin damals waren, ist das immer noch so. Der neue Raum. Die teure Renovierung. Und jetzt gleich alles versaut. Dass wir wie Tiere seien. Mit meiner in blinder Wut rückwärts geschleuderten königsblauen Einwegpatrone hatte ich die neue Overhead-Fläche getroffen. Nicht genau oder annähernd in der Mitte, eher recht weit unten am Rand, aber doch ganz dunkel und deutlich, mit Aufprallfleck und Spritzern, wie geplant.
Wer das gewesen sei. Von meinen Mitschüler*innen hatte mich keine*r beobachtet, und mir fiel es leicht, die Klappe zu halten. Ich dachte nicht daran, mich zu offenbaren.
„Alles“, schrie Herr A., „alles müsst ihr kaputt machen.“

 

4 Kommentare zu “Canberra School of Music

  1. Lehrer A. war „Weisser Jahrgang“ nach eigener Erzählung dadurch glücklicherweise nicht an Kriegshandlungen beteiligt.

    • Wenn er 1945, wie er uns (ein paar Jahre vor euch) erzählte, 14 war, war er tatsächlich „weißer Jahrgang“ (1930 oder 1931). In seiner Darstellung gehörte er 1945 also zum „letzten Aufgebot“, oder eher zum allerletzten, wurde aber nicht offiziell zum Wehrdienst einberufen. Ich vermute, dass er euch die Legende mit den Panzerfäusten nicht mehr erzählt hat, weil wir uns mehrfach bei Direktor Z. über seine „militaristischen Erzählungen“ beschwert haben. Z. nahm ihn zwar uns gegenüber in Schutz, hat ihn aber womöglich gebeten, damit aufzuhören. Von da an beschränkte er sich auf die wiederholte Erzählung der Legende über die Todesursache von Jean-Baptiste Lully.

      • Nach meiner Kenntnis war er Jahrgang 1930, die Lully-Todesgeschichte hat er anscheinend beibehalten…diese ist aber auch durch Quellen belegt; zu unserer Zeit leitete er jede Musikstunde mit Erroll Garner-Spiel am Flügel ein, wobei er jedesmal unvermittelt aufhörte, den Deckel krachend fallen ließ und die legendäre Begrüßungsformel sprach: „Ich begrüße Euch trotzdem!“. H.-Ch. in der ersten Reihe erschreckte sich daraufhin immer pflichtschuldig lautstark und erhielt dafür immer die Jahresendnote „3“. In drei Jahren wurde nur ein Test geschrieben, der nie zurückgegeben wurde. In der Kathedrale unseres Schadowherzens wird immer eine Kerze für ihn brennen.

  2. Aaaah, „Ich begrüße euch trotzdem“, das hatte ich vergessen, danke für die Erinnerung.
    Bei uns kam er nicht ganz so gut an wie bei euch, in meiner Schadowherzkathedrale brennen andere Kerzen.

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