Eine Geschichte für Angehörige von Depressiven, wenn Ihr so wollt

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Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ihre Tage sind. Oder ihre Nächte. Sie sagt, sie liegt tagsüber im Bett. Weil sie nachts nicht schlafen kann. Sie hat nachts Panikattacken. Dagegen hat sie eine zeitlang pflanzliche Medikamente genommen, die zu diesem Zweck in der Apotheke rezeptfrei verkauft werden. Man könnte vielleicht noch mehr tun gegen die Panikattacken, aber wenn sie einen Termin bei der Psychiaterin hat, geht sie nicht hin, weil sie den ganzen Tag nur im Bett liegen will. Die Hausärztin, bei der sie auch schon lange nicht mehr war, verschreibt ihr Schlafmittel.
Unsere Vorschläge interessieren sie nicht. Sie könnte meditieren. Ja, das klingt immer scheiße. Es gab auch schon so viele Witze darüber. Trotzdem bringe ich ihr ein Buch darüber mit, „Die 3-Minuten-Meditation“ oder sowas. Sie sagt, das ist ihr jetzt zu viel. Auf dem Nachhauseweg schmeiße ich es in einen Mülleimer. Wenn ich von ihr weggehe, handele ich oft nicht rational. Vielleicht würde mir auch eine 3-Minuten-Meditation gut tun. Oder einer anderen, der ich das Buch schenken könnte. Aber es tut gut, etwas Undurchdachtes zu tun. Sie könnte auch mit ihrem Enkel Marihuana rauchen, das habe ich vorgeschlagen. Ihr fehlt die Energie dazu. Der Enkel dachte, ich mache Witze.

Aber die Panikattacken sind auch nicht das eigentliche Problem. Das eigentliche Problem ist die Depression. Sie nennt sie jetzt anders: das Alter. Oder: Hamburg. Oder: das Altersheim (das Gebäude, in dem sie wohnt, ist kein Altersheim). Oder: das Wetter. Das Wort Depression fällt insgesamt selten, wenn überhaupt, dann sagt sie: die Psyche. Also liegt sie im Bett. Mit Psyche.
Aber ich weiß ja aus eigener Erfahrung, dass es gar nicht so einfach ist, den ganzen Tag im Bett zu liegen. Wenn sie mich in die Wohnung lässt, sehe ich, dass sie zwischendurch in Wahrheit im Sessel sitzt, Ikea Strandmon. An den vollen Aschenbechern und den Essensverpackungen, die diesen Sessel umgeben wie arrangiert für eine schlecht inszenierte Sozialstudie im deutschen Fernsehen. Wobei, Aschenbecher: Sie tut die Kippen in Glasbehälter mit Wasser, weil sie sich in den Kopf gesetzt hat, sie würden dann nicht so stinken, wie wenn man sie ausdrückt. Das mag stimmen. Aber sie hat nicht begriffen, dass nasse Zigarettenkippen in einer grauen Tunke nach kurzer Zeit einen ganz eigenen, sehr durchdringenden Geruch entwickeln. Oder es ist ihr egal. Oder sie merkt es und vergisst es wieder. Oder sie hat nicht die Energie, etwas daran zu ändern. Wenn ich sie besuche, achte ich darauf, dass ich an dem Tag erst hinterher dusche, und dass ich nur Kleidung anhabe, die danach in eh in die Waschmaschine soll. Es hängt dann ein Geruch darin von nassen Zigaretten. Früher hat sie sich darüber beschwert, dass es bei ihrer Patentante immer so roch, wenn wir die besuchen mussten. Lord Extra, damals.
Die Zigaretten und Bier, Wein oder Schnaps besorgt sie sich, wenn sie mit dem Taxi zum Einkaufszentrum fährt, etwa einen Kilometer entfernt; eigentlich hat sie eine neue Hüfte, aber in der Reha hat sie sich kaum an den Übungen beteiligt, die nötig gewesen wären, um diese Hüfte nun auch einzusetzen, und sei es zum Schnaps- und Zigarettenholen. Sie hat genug Rente, um diesen Lifestyle zu finanzieren, die Wohnung ist preiswert, DRK. Ihr einziger Luxus sind Taxis (ihre Mutter sagte Taxen), Zigaretten und Schnaps und vielleicht auch, uns nicht anzurufen, uns nicht um Hilfe zu bitten, uns nicht daran teilhaben zu lassen, wie sie den Tag verbringt.

Bis vor kurzem hat sie gelesen. Manchmal hört sie alte CDs, aber nicht mehr die Klassikalben, die sie gesammelt hat, sondern einen Kölner Kabarettisten aus den Achtziger Jahren, der gebildete Witze macht. Aber davon hat sie auch schon lange nicht mehr erzählt. Wenn sie erzählt, dann immer dasselbe. Meinen Kindern erzählt sie davon, wie ich als Kind war, „euer Vater“. Meine Kinder sind geduldig, aber es interessiert sie nicht.
Mit mir werdet ihr keinen Kummer haben, hat sie früher immer gesagt. Sie hatte Freitodfibeln von Jean Améry und den anderen Suizid-Verfechtern. Jetzt, sagt sie, als ich sie nach ihren einschlägigen Plänen befrage, sei sie dazu zu feige. Und ihr fehle die Energie. Die Bücher hat sie schon lange weggegeben. Sie mistet aus, seit ich sie kenne.

Mit mir, sage ich meinen Kindern, werdet ihr nicht so viel Kummer haben. Ich meine damit nicht Freitod. Ich meine, dass ich zu wissen glaube, dass ich nicht so werden werde. Meine Kinder können es sich auch nicht vorstellen. Sie sind nicht alarmiert. Sie haben andere Sorgen.

Na ja, denke ich. Kein Wunder, dass sie ein Taxi zum Einkaufszentrum braucht, es ist in Wahrheit weniger die Hüfte, es ist der Kreislauf. Wie, denke ich, und manchmal sage ich es auch laut, ich möchte nicht sagen, ich schreie, vielleicht: ich rufe es, also, ich rufe: Wie soll denn der Kreislauf stabil sein, wenn sie den ganzen Tag im Bett liegt und nur zum Rauchen aufsteht, und abends trinkt sie Korn zum Einschlafen, oder damit das Wachliegen nicht so wehtut?
Es könnte scheinbar ganz einfach sein. In Berlin hat einmal ein Neurologe zu ihr gesagt: „Sie müssen sich zwingen, morgens aufzustehen“, das zitiert sie heute noch. Also: Sie müsste sich zwingen, morgens aufzustehen, eine Stunde rausgehen, oder eine halbe oder zwei, zu regelmäßigen Zeiten essen, sich tagsüber nicht hinlegen, möglichst weniger rauchen, und abends keinen Alkohol trinken, sondern nach einem weiteren Spaziergang und ein bisschen Fernsehen, RBB oder Pilawa, und danach zu einer gängigen Zeit ins Bett gehen. Das rufe ich. Wie zu einer Teenagerin. Als ich einer war und abends Kaffee getrunken habe, um Hausaufgaben zu machen oder Musik zu hören, hat sie gesagt: Du betreibst Raubbau an deinem Körper. Woran man sich eben so erinnert, Jahrzehnte später. Raubbau, allein das Wort. Unsere Körper waren keine Tempel, sondern Bergwerke. Jetzt sehe ich zu, wie sie sich selbst komplett untergräbt, aber die Tunnel und die Flöze führen natürlich auch unter dem Boden hindurch, auf dem wir stehen. Alles wird wacklig, alles droht einzustürzen.

Sie solle, bitte ich sie, sich doch einmal überlegen, ob es irgend etwas gäbe, was wir tun könnten, um es ihr leichter zu machen. Oder etwas, was sie sich selber wünschen würde. Sie weiß nichts. Sie solle, bitte ich sie, doch einmal mit der Psychiaterin darüber reden, ob es ihr helfen könnte, wenn wir eine Pflegestufe beantragen, und dann kommt jemand und macht und tut oder schaut. Sie geht nicht hin, sie bleibt im Bett. Sie solle, bitte ich sie, doch wenigstens ans Telefon gehen, wenn ich wissen will, ob sie noch lebt.

Dann bin ich genervt, wenn sie es wirklich tut.

Im Krankenhaus trifft sich einmal im Monat eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Depressiven. Seit zwei Jahren will ich dorthin gehen. Aber entweder, ich bin selbst zu depressiv, oder ich scheitere am seltsam kafkaesken Treffzeitpunkt: Immer am ersten des Monats. Erst hatte ich abgespeichert: Am ersten Montag des Monats. Aber nein, es ist der erste Tag. Unabhängig vom Wochentag. Das finde ich, ableistisch gesagt, denn mit diesen Wörtern bin ich aufgewachsen, ich denke sie immer noch: geistesgestört. Ich gehe nicht hin. Es würde mir helfen.

Wie also sehen ihre Tage aus. Was geht ihr durch den Kopf. Seit acht Jahren lebe ich zum großen Teil davon, mir auszudenken, was Menschen durch den Kopf geht. Es ist eine seltsam kindische und zugleich anspruchsvolle Tätigkeit, vielleicht meine ich eher: kindlich und anstrengend. Jedenfalls eine seltsame Mischung. Ich habe mich dafür entschieden, weil es mir Freude macht und vergleichsweise leicht fällt. Aber nicht in ihrem Fall. Ich habe keine Ahnung. Sie denkt an ihre Mutter. Sie denkt an früher.
Einmal, als ich beim Gehen vor der Tür ihrer Wohnung stehenbleibe, um Kraft zu schöpfen für den Rest meines Tages, höre ich, wie sie nach ihrer Mutter ruft. Entschuldigung, nun meinte ich: schreit. Mit unruhigen Fingern schließe ich ihre Wohnungstür auf, ich vermute eine Krise, ein Delirium. Sie erschrickt. Ich mache ihr Vorwürfe, ich habe fast keine andere Sprache mehr für sie. Ich küsse sie auf die Wange und die Schläfe und streichele ihr Gesicht und ihren Arm, aber ich habe keine andere Sprache mehr als Vorwürfe und Vorschläge. Ich mache ihr nun also den Vorwurf, dass sie mir nicht sagt, wie schlecht es ihr geht. Sie geht nicht ein auf diesen Vorwurf. Ich sage ihr, wie sehr es mich erschreckt, dass sie nach ihrer Mutter ruft, ihre Mutter ist seit 1981 tot.

Ich rufe jeden Tag nach meiner Mutter, sagt sie.

13 Kommentare zu “Eine Geschichte für Angehörige von Depressiven, wenn Ihr so wollt

  1. Lieber Till,

    wahnsinnig gut geschrieben und direkt ins Schwarze getroffen. Ich wünschte von Herzen, ich wüsste nicht genau, wie sich das anfühlt — auf beiden Seiten, in der ein oder anderen Form.

    Liebe Grüße und alles Gute,
    Antonia

  2. Ja! Genau so. Wenn auch jeder Fall etwas anders, aber hier seit 8 Jahren, Stück für Stück, und den 2. mit sich ziehend in die Verzweiflung trotz aller Anstrengung, täglich, immer wieder..Danke für den Text! Sunni

  3. Lieber Herr Raether,
    für mich liest sich das wie das immer wiederkehrende Erleben eines verzweifelten Menschens (in diesem Fall Ihres), weniger wie eine Geschichte von Angehörigen von Depressiven. Und ich unterhalte mich immer und immer wieder mit meinen Patienten über solche Erlebnisse.
    So traurig das Schicksal Ihrer Mutter sein mag, aber es ist ihres. Nicht das Ihre. Ich würde Ihnen wünschen, dass Sie all das vertrauensvoll mit einem (psychologischen) Psychotherapeuten/-in aufarbeiten könnten um so (wenigstens) Ihr Leid zu lindern.
    Alles Gute für Sie!

    • Barbara: Ich schließe mich an, ohne professionelle Hilfe wäre ich jetzt nicht 12 Jahre älter. Es ist tränentreibend und herzzerreißend, zermürbend. Bitte suchen Sie- ich könnte helfen; manchmal hilft ein Rausrennen in den beginnenden Frühling. Viel Kraft!

  4. Ich habe gezielt nach Geschichten von Angehörigen psychisch Erkrankter gesucht und Ihre ist eine der wenigen Texte, die ich dazu fand. Ihr Beitrag ist sehr berührend, bitter, genau das Stück zu nah dran, das es benötigt. Übrigens: in der tiefsten Depression habe auch oft und verzweifelt nach meiner Mutter geweint. Ich habe keine Beziehung zu meiner Mutter. Ich denke es ist, in meinem Fall, eine starke Sehnsucht nach der schützenden Geborgenheit der ursprünglichen Rolle der Mutter.

    Vielen Dank für diesen Text!
    Alles Gute

    Laura

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