Muriel Spark Joy 6: „The Prime of Miss Jean Brodie“

Zurzeit lese ich alle 22 Romane von Muriel Spark (1918-2006) in chronologischer Reihenfolge und versuche, ihrer Faszination auf den Grund zu gehen. Die abgebildete und von mir ggf. zitierte Ausgabe ist die Polygon-Gesamtausgabe, Edinburgh 2017.

Titel: The Prime of Miss Jean Brodie (1961, dt.: Die Lehrerin/Die Blütezeit der Miss Jean Brodie, Ü: Peter Naujacks, Diogenes 1961/Andrea Ott, Diogenes 2018)

Was passiert: In dem Sinne, dass Melvilles „Moby Dick“ davon handelt, dass ein Matrose an Bord eines ehrgeizigen, aber letzten Endes erfolglosen alten Walfängers anheuert, handelt dieses Buch davon, dass eine Lehrerin eine Reihe Schülerinnen in ihren Bann zieht, sie besonders fördert, psychologisch missbraucht und am Ende von einer von ihnen verraten wird. Weil diese Miss Jean Brodie, mit ihrem Hang zu Drama und Romantik, die Schülerinnen in ihr Liebesleben und ihre Auseinandersetzungen mit der Schulleitungen verwickelt, hat sie eine prägende Wirkung auf die Mädchen, deren Leben wie das von Jean Brodie auf kaum 130 Seiten in Vor- und Rückblenden ineinander verschränkt erzählt werden. Auf anderen Ebenen handelt das Buch womöglich vom Faschismus (Jean Brodie ist fasziniert von Benito Mussolini und wird gegen Ende des Buches von einer ihrer Schülerinnen als geborene Faschistin bezeichnet), von Verrat und Moral, und davon, ob und wie ein Leben gelingen oder misslingen kann, sobald man anfängt, derlei Kategorien an ein eigenes Leben oder das von anderen anzulegen. Das Buch spielt im Edingburgh der Dreißigerjahre, an einer Schule, die inspiriert ist von der, die Muriel Spark dort besuchte, und an der sie zwei Jahre lang eine Lehrerin hatte, die sie ähnlich beeindruckte, wie Jean Brodie ihre Schülerinnen.
Und davon abgesehen: Das Buch handelt von Grenzen, von Nähe und Distanz, vom Abstand zwischen Menschen.

Was ist gut: Ehrlich gesagt ist mir unklar, weshalb dieses Buch Sparks größter Erfolg ist, ihr einer Klassiker, nach Guardian-Liste einer der 100 besten Romane aller Zeiten, ein Theatererfolg mit Vanessa Redgrave und ein Filmklassiker mit Maggie Smith. Ich meine, mit all dem bin ich mehr als einverstanden. Aber warum dieses Buch? Warum dieses seltsam harte Fragment einer Lebenserzählung, die an die Biographien ihrer Figuren immer wieder zu nah herangeht, die ihre Floskeln und ihre Selbsterklärungen wiederholt, als wären sie es wert, und die zugleich mit dem Rasenmäher hinweggeht über das Leben, Lieben und Hoffen derer, die hier auftauchen? Warum dieses Buch, das so gar nichts Erbauliches hat, keine versteckt sympathische Identifikationsfigur, keine Lernkurven der Beteiligten, keine set-pieces, die Literatur doch eigentlich erst erzähl- und vermittelbar machen? Das Buch ist erzählt, als würde jemand Metallbuchstaben in einen Setzkasten einräumen, durch geschicktes, geübtes Werfen aus geringer Distanz: Es folgt einer gewissen Ordnung, indem alle Lebensgeschichten hier vor- und zurückerzählt werden, indem das Auge der Erzählerin mal nah rangeht und mal wie durch ein umgekehrtes Fernrohr schaut, so dass in der Abwechslung hier und da ein Rhythmus zu entstehen scheint; zugleich ist die Ordnung trügerisch, denn zwar sind in den einzelnen Abteilungen des Setzkastens die Lettern alle gleich, aber sie fallen durcheinander.
Meine Vermutung ist, dass dieses Buch zwei Voraussetzungen erfüllt, die es zu einem Klassiker der Weltliteratur gemacht haben. Die erste: Dieses Buch ist unangreifbar. Die sprachliche Gestaltung ist von so perfider Vollkommenheit, dass man selbst, wenn man das Buch hasst oder als irrelevant ablehnt, anerkennen muss, dass hier nun wirklich kein Buchstabe und kein Wort am falschen Platz ist. Und alles, was man dem Buch als Klischee-Leser mit reaktionären Kanon-Sehnsucht vorwerfen könnte, entkräftet das Buch von selbst. Wer 1961 hätte sagen mögen, ach, ein Buch über eine Lehrerin, die eine alte Jungfer ist, wie unerheblich – den untergräbt das Buch, indem es selbst am allermeisten mit der Überhöhung des Unerheblichen spielt, bis einem als Leser vom Gewicht des scheinbar Unerheblichen ganz schwach ist nach 130 Seiten. Das zweite aber, warum das Buch seinen Riesenruf hat: Es gibt endlose Möglichkeiten, es zu deuten, und viele davon, siehe oben, Faschismus, Drama, Romantik, Verrat, scheinen ganz offensichtlich, wenn man das klassische Werkzeug der Textanalyse 10. Klasse oder so anlegt. Also ideal, um zwei oder drei Generationen von Schüler*innen damit zu behelligen.
Was aber wohl besonders gut ist, aus meiner Sicht: dass dieser Roman makellos über den Makel erzählt. Es ist, als hätte Spark Vollkommenheit zum Gestaltungsmerkmal des Buches erkoren, um die Unvollkommenheit eines sich selbst überschätzenden Menschen besonders kontrastreich hervortreten zu lassen.
Schon der erste Absatz birgt alles in sich, worum es im Buch geht, und wie es ausgestaltet sein wird (Deutsch von Andrea Ott):

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Es gibt in diesem Absatz bereits eine Art mechanischer Federspannung: Die Jungs sind noch da, aber „at any moment the boys were likely to be away“, was noch zwangsläufiger und unpersönlicher klingt als „würden davonfahren“. Das heißt, es geht darum, wie Menschen die Nähe zueinander suchen (die Jungs sprechen ja mit den Mädchen von der Marcia Blaine School, und sofort fragen wir uns: Warum? Diese Mädchen sind also offenbar interessant; interessanter als die Jungs, die nur dadurch beschrieben werden, dass sie a) sich für die Mädchen interessieren, und b) „jeden Moment wieder weg sein könnten“). Die Nähe aber wird nur möglich durch die Distanz des „Schutzzaunes“, also der Fahrradlenker, wodurch der „Zaun“ zugleich die Möglichkeit von Nähe ermöglicht, eine Distanz herstellt und, da aus Fahrrädern bzw. Lenkern bestehend, das Ende von Nähe bereits ankündigt. Und was hier noch, auf nur fünf Zeilen, passiert: In diese gespannte, aber flüchtige Situation, wirft Spark das Wort „sexes“ wie einen luminiszierenden Flummi, ein scheinbar billiger Störer, der hier im Kontext zwar hochsprachlich daherkommt, uns aber schon ankündigt, wie viel es nun um Geschlechter und was man damit machen kann gehen wird.
Das eigentliche Wunderwerk dieses Absatzes aber ist die (in der Übersetzung leider nicht erhaltene) Doppelverwendung des Verbes „established“: die Fahrradlenker etablieren nicht nur einen Schutzzaun, sondern den Eindruck, dass die Jungs jederzeit weg sein könnten. Durch diese Doppelverwendung, die ein wenig gestelzt (und im Deutschen daher vielleicht aufgelöst ist), entsteht eine Verdichtung, die ein erstes Beispiel im Text dafür ist, warum Spark nur 130 Seiten für ihn brauchte.

Was ist nicht so gut: Wenn der alte Poesie-Albumspruch aus dem Leonard-Cohen-Song stimmt, „There’s a crack in everything/that’s how the light gets in“, dann ist dies ein sehr finsteres Buch, denn es hat eben keinen Sprung, keinen Riss. Es ist, wenn das geht, perfekt.

Was lernen wir über Muriel Spark: Sie war zum Zeitpunkt der Arbeit an „The Prime of Miss Jean Brodie“ auf der absoluten Höhe ihrer schriftstellerischen Fähigkeiten und entschied sich, die Geschichte einer unverheirateten Lehrerin und ihrer pubertierenden Schülerinnen zu erzählen, in der Männer nur als Sexobjekte auftauchen. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber ich stelle mir vor, dass das eine Entscheidung war, bei der sie sich womöglich ins Fäustchen lachte.

M*S*J: 10/10