Muriel Spark Joy 7: „The Girls of Slender Means“

Zurzeit lese ich alle 22 Romane von Muriel Spark (1918-2006) in chronologischer Reihenfolge und versuche, ihrer Faszination auf den Grund zu gehen. Die abgebildete und von mir ggf. zitierte Ausgabe ist die Polygon-Gesamtausgabe, Edinburgh 2017.

Titel: The Girls of Slender Means (1963, dt.: Mädchen mit begrenzten Möglichkeiten, Ü: Kyra Stromberg, Rowohlt, 1964)

Was passiert: Der Roman spielt Ende des zweiten Weltkrieges im London der deutschen Bombenangriffe. Spark erzählt die miteinander verschränkten Geschichten einiger Bewohnerinnen eines zwar vornehmen, aber ärmlichen boarding house für ledige Frauen aus „guten Familien“, die gezwungen sind, in London zu arbeiten.

Was ist gut: Eine Kontroverse, die Spark in unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder erwähnt, ist die Farbe, in der der Aufenthaltsraum neu tapeziert worden ist: ein unattraktives Braun, das erst einige Jahre später modern werden wird. Spark zieht dieses an sich unwichtige Detail durch den gesamten Text wie einen running gag, und nach einer Weile erkennt man die Methode: scheinbar besteht das ganze Buch aus einander überlagernden, wiederkehrenden Scherzen der Autorin auf Kosten ihrer Figuren. Da ist das hohle, aber gestelzte Lebenshilfe- und Selbstoptimierungs-Mantra, das die schöne Selina sich jeden Morgen vorspricht, und das sie den anderen „Mädchen“ beibringt; da sind die Verse der Aussprache- und Betonungslehrerin Eleanor, die von Spark wie Bruchstücke eines antiken Chortextes immer wieder in den Text eingeflochten werden; da ist die wiederkehrende Begründung der ambitionierten Heldin Jane für ihre Fressattacken, sie verrichte nun einmal „brain work“.
Dieses Wiederkehrende der Elemente gibt dem Text eine mitreißende, fließende Struktur, und zugleich eine Heiterkeit und Geborgenheit: die Farbe der Wände mag schrecklich sein, aber es sind, sagt Spark den Leser*innen, auch eure Wände; die Verse und Mantras mögen unpassend und hilflos, schon aus der damaligen Zeit gefallen sein, aber sie sind das, woran die „Mädchen“ sich halten, warum also nicht für kaum 120 Seiten auch wir? Es entsteht auf engem Textraum also eine bemerkenswerte Vertrautheit und Nähe, und das, obwohl Spark wie immer auf Distanz zu ihren Figuren bleibt: Sie schwebt über ihnen, statt in sie zu kriechen. Während sie dies tut, entwickelt sie aber, anders, als in ihren bisherigen sechs Büchern, einen einfachen, aber raffinierten Plot, der in einem spektakulär konventionellen Knalleffekt kulminiert. Danach folgt eine Coda über das Kriegsende, ein Zeitbild und eine Offenbarung über die Welt und das Leben in ein paar wenigen, bemerkenswerten Szenen über die Bekanntgabe des Kriegsendes. Es ist das erste Buch von Spark in dieser Reihenfolge, bei dem ich am Ende nicht fasziniert denke, was war das? was sollte das? was habe ich da gerade gelesen?, sondern bei dem ich einen Aha- oder besser gesagt einen Ach-du-Scheiße-Effekt verspürt habe. Vielleicht fange ich mit diesem siebten Buch an, Sparkisch zu verstehen; vielleicht lässt sich Spark hier aber zum ersten Mal auch ganz absichtlich in ihre Empathie und ihre frustrierte Menschenliebe schauen.

Was ist nicht so gut: Die Hauptfigur Jane isst sehr viel und bewegt sich als einzige in literarischen Kreisen. Was das erste angeht, vermeidet Spark jedes Bodyshaming, und sie beschreibt den Heißhunger ihrer Figur mit einer Lebensfreude, die mir sehr gefällt. Im Laufe des Buches aber macht sie sich immer mehr über den Ehrgeiz ihrer Figur lustig, und in einem ihrer typischen Vorausgriffe auf das spätere Leben der Figuren grenzt das im Falle von Jane an Gemeinheit (tatsächlich habe ich zum ersten Mal in meinem Leben „gemein“ an den Rand eines Romans Passage geschrieben):

It was not till Jane had reached the apex of her career as a reporter and interviewer for the largest women’s journals that she found her right role in life, while still incorrectly subscribing to a belief that she was capable of thought – indeed, was demonstrating a capacity for it.

Es ist das Wort „incorrectly“, das Spark sonst nicht passiert, und dass dieses kleine Detail einer Charakterskizze vom Spöttischen ins Boshafte oder Gemeine drückt. Oder vielleicht mag ich es auch einfach nicht, wenn selbst meine liebsten Autor*innen Witze über Frauenzeitschriften-Reporter*innen machen.

Was lernen wir über Muriel Spark: Auf mich wirkt „The Girls of Slender Means“ wie das Werk einer Autorin, die nun über sieben Romane eine Form und eine Sprache vervollkommnet hat, und die sich am Ende fragt: Und nun? So erkläre ich mir das ungewohnte Ausgreifende, fast Allegorische des Textes am Ende, und auch die Wärme, die das Buch durchzieht. Der Roman wirkt in dieser Hinsicht auf mich wie eine geplante Abwechslung nach der Kaltblütigkeit von „The Prime of Miss Jean Brodie“, und die Autorin am Ende wie eine, die sich über sich selber wundert. Aber dafür muss man es lesen, bis zum letzten Satz, der so umfassend und versöhnlich ist wie keiner bis hierhin bei Muriel Spark.

M*S*J: 10/10