Feinmachen

Notizen zu zwei Parfüms: Wie die Zukunft in der Vergangenheit gerochen hat, wie die Eltern abends weggegangen sind, und warum die Siebziger Jahre voller Gespenster sind
Siebzigerjahre-Roman: Symbolbild

Recherchieren ist Chaos, finde ich. Selbst für journalistische Texte: Alles könnte interessant und wichtig sein, oder auch nicht. Kein Thema ist so klar umrissen, dass man ohne willkürliche Entscheidungen sagen könnte: das gehört dazu, das bringt mich und die Leser*innen weiter, und jenes nicht. Und dann erst bei einem fiktionalen Text.
Nächstes Jahr schreibe ich einen Roman, der in den Siebziger Jahren spielt. Dafür muss ich zwei Dinge wissen, also recherchieren: Erstens, wie entwirft, plant und baut man ein Hochhaus, und zweitens, WIE WAR DAS DAMALS. Weiterlesen

Muriel Spark Joy 8: „The Mandelbaum Gate“

Zurzeit lese ich alle 22 Romane von Muriel Spark (1918-2006) in chronologischer Reihenfolge und versuche, ihrer Faszination auf den Grund zu gehen. Die abgebildete und von mir ggf. zitierte Ausgabe ist die Polygon-Gesamtausgabe, Edinburgh 2017.

Vor gut einem Jahr hatte ich den Mut, Hanna Engelmeier und Kathrin Passig ein Thema vorzuschlagen für ihre Veranstaltung „Super Duper“, die im Juni 2020 in Berlin stattfinden sollte (Corona-Imperfekt). Bei „Super Duper“ sollte es (und soll es, 2021!) darum gehen, wie es ist, warum es ist und was es ist, wenn man Dinge besonders super findet: also eine im weitesten Sinne kulturwissenschaftliche Veranstaltung für Fachleute und Laien über die positive Seite von Kritik. Das Thema, das ich Hanna mailte, lautete so in etwa: Der Zauber, Dinge, die man ganz toll findet, nicht zuende zu schauen, nicht zuende zu lesen, und, wenn es sich um Musik handelt, vielleicht nicht einmal zuende zu hören.

Ich habe dieses Phänomen bei mir schon recht oft erlebt. „Crazy Ex-Girlfriend“ mit Rachel Bloom ist die mir psychologisch und von der künstlerischen Ambition (Song-Parodien, billige Kulissen, jede Menge Füll-Subplots und idealisierte Zwischenmenschlichkeit) allerliebste Fernsehserie. Ich habe sie mehrfach gesehen, aber nie bis zum Ende. Ich habe „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust mit fasziniertem Abscheu und großer Begeisterung selbst über die wirrsten Monologe hinweg nicht aus der Hand legen können. Aber etwa zur Hälfte des siebten Bandes, mitten in seinen verstiegensten Spekulationen über ein völlig bizarr ausgedachtes Männerbordell, habe ich es aus der Hand gelegt und nicht wieder aufgeschlagen. Ich habe Kurosawas „Die sieben Samurai“ nie zuende geschaut, obwohl mich noch die ereignislosesten Szenen interessieren wie nichts anderes.

In meinem Themenvorschlag habe ich ein paar Thesen dazu fantasiert. Naheliegend ist die Vermutung, man würde sich etwas aufheben wollen, sich das Gefühl bewahren, dieses geliebte kulturelle Artefakt wäre eben noch nicht zuende, man hätte noch Vorrat vom Guten, für dunkle, noch dunklere Stunden.
Und schlägt man durchs nicht Beenden nicht auch der kapitalistischen Verwertungslogik von Kultur ein Schnippchen, und sei es nur symbolisch? Wenn etwas zuende ist, brauche ich etwas Neues; wenn ich es nicht beende, habe ich ewig davon. Vielleicht ist es aber sogar so etwas wie ein Eingriff der Konsumierenden in die scheinbare künstlerische Autonomie: Indem ich „Crazy Ex-Girlfriend“, „Die sieben Samurai“ und „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ nicht beende, verhindere ich, was mich betrifft, dass Bloom, Kurosawa und Proust ihre Vision vollenden können, ich behalte sozusagen in meinem Kopf die Macht über ihr Projekt. Wie gesagt, Thesen. Ich hoffe so, dass „Super Duper“ stattfindet, damit ich endlich lerne, eine digitale Präsentation zu machen und wieder klar zu denken.

„The Mandelbaum Gate“ von Muriel Spark habe ich nicht zuende gelesen. Es ist das bisher schönste und überraschenste Buch, das ich von ihr gelesen habe. Müsste ich nicht eigentlich danach gieren, die letzten 40 Seiten auch noch zu verschlingen?
Der Roman ist mit fast 380 Seiten erstaunlich lang, etwa so lang wie „The Prime of Miss Jean Brodie“, „The Girls of Slender Means“ und „The Bachelors“ zusammen. Sie schrieb ihn 1964 in dem Büro, das der Chefredakteur des „New Yorker“ ihr in der Redaktion eingerichtet hatte. Im „New York“ erschien Sparks Klassiker „The Prime of Miss Jean Brodie“ zuerst, und Wallace Shawn hatte daraufhin die Idee, Sparks einen Platz in der Redaktion anzubieten. Sie ließ ihren Büroraum (im Gegensatz zu allen anderen) erstmal in leuchtenden Farben streichen, pflegte einen freundschaftlich-distanzierten Umgang zu den anderen beim „New Yorker“ und, so erzählt ihr Biograf und Freund Alan Taylor in einer typisch paradoxen und doch sofort verständlichen, fast Sparkschen Formulierung: Sie ging auf viele Partys und sagte sehr viele ab.
Und, auch das eine Information von Taylor in einem Gespräch mit Ali Smith, Spark nahm sich ausdrücklich vor, einen langen Roman zu schreiben, weil sie nicht den Eindruck entstehen lassen wollte, sie könnte nur kurze schreiben. Wenn man gesehen hat, wie unfassbar pragmatisch Spark über ihr Schreiben spricht (in diesem Video, auf das mich, damit Kreise sich schließen, nicht zuletzt Hanna Engelmeier aufmerksam gemacht hat), dann glaube ich sofort, dass sie sich eines Tages mit den Worten hingesetzt hat: Nun schreibe ich also einen langen Roman, bis später.

Das Ergebnis ist für mich kaum begreiflich. Fast alle anderen Romane Sparks leben von der Verdichtung: dadurch, wie knapp Spark Figuren und Situationen beschreibt, und wie kurz und schlüssig sie Schlussfolgerungen formuliert, denen man folgen kann oder nicht, entsteht eine wunderbare Härte, die eher handwerklich als emotional ist. Was passiert nun, wenn Spark sich 380 Seiten für eine Geschichte lässt, die sie voriges Jahr auf 110 erzählt hätte? Fluffy Spark, ist es denkbar?

Titel: The Mandelbaum Gate (1965, dt.: Das Mandelbaum-Tor, Ü: Hans Wollschläger, Rowohlt, 1967)

Was passiert: Freddy, ein etwas planloser und sich selbst überschätzender mittelalter Mitarbeiter des britischen Konsulats in Jerusalem gerät in oder verursacht eine Eskalation, als er sich in die Pläne einer zum Katholizismus konvertierten Pilgerin einmischt, die zu den christlichen Stätten in Jordanien reisen möchte. Das Mandelbaum-Tor ist zu jener Zeit, Anfang der Sechziger, der Grenzübergang zwischen dem israelischen Teil und dem jordanischen Teil von Jerusalem. Fred, der Konsulatsangestellte, durchquert es regelmäßig, weil er jedes Wochenende seine weltfremden englischen Freunde in Jordanien besucht. Barbara, die Pilgerin, muss allerdings verschleiern, dass sie aus einer jüdischen Familie stammt, die jordanischen Behörden würden sie sonst sofort verhaften. Mit Hilfe des weltläufigen arabischen Geschäftsmannes Joe Ramdez und dessen kluger Tochter Suzi gelingt es Freddy, Barbara durch Jordanien zu schmuggeln und sie dennoch in Gefahr zu bringen, einen Spionagering auffliegen zu lassen und durch seine Begeisterung für dieses absorbierende Abenteuer in seiner Heimat London einen Mord zu verursachen oder nicht zu verhindern. Barbara, die Pilgerin, wartet derweil auf einen Bescheid aus Rom, denn nur, wenn die geschiedene Ehe ihres Verlobten, Archäologe in Jordanien, vom hl. Stuhl annulliert wird, kann sie ihn heiraten. Pläne, von denen ihre Chefin und Freundin Ricky daheim in England nichts weiß, die aber durch eine Indiskretion Freddys auffliegen, weshalb Ricky ebenfalls in Jerusalem, Jordanien und Palästina auftaucht. Jesus, möchte man ausrufen. Und all das ist chronologisch kunstvoll ineinander vorschoben: die erzählte Zeit bewegt sich vor und zurück, sie überlagert sich, ohne, dass auch nur eine Zeile lang Verwirrung entsteht.

Was ist gut: Es ist banal, aber tatsächlich haben die Figuren viel mehr Raum zum Atmen als sonst bei Spark. Den Platz nutzen sie tatsächlich für sehr viel Körperliches: Sie haben Schmerzen und sind krank, sie trinken und essen, sie haben Sex und leiden unter der Hitze, und Spark lässt ihnen dabei Zeit, statt derlei körperliche Tätigkeiten und Empfindungen nur hier und da als einzelne Vignetten aufblitzen zu lassen, wie sie es sonst tut. Dies gibt den Figuren eine Lebendigkeit, die ihre spirituellen Herausforderungen und Questen menschlicher, nahbarer erscheinen lässt: Die Grenze, die das Mandelbaum-Tor im Titel symbolisiert und markiert, ist ein wichtiges Thema, denn Barbara ringt mit einer spirituellen Abgrenzung oder Vereinbarung ihrer jüdischen Familientradition und ihrer katholischen Sehnsucht; andere Figuren verhandeln vor dem Hintergrund jahrtausende- oder jahrhundertealter Traditionen ihren modernen islamischen Glauben oder ihr Judentum, ohne, würde ich sagen, dass Spark je in religiöse oder kulturelle Stereotype verfällt oder gar rassistische Klischees bedient. Das überlässt sie dem etwas zu naiven und spirituell hohlen Freddy, der hin und wieder hochproblematische Phrasen wiederkäut, Momente, in denen dann aber aus Sparks Sicht und in ihrer Darstellung eher das britische Foreign Office aus ihm zu sprechen scheint und weniger das selbst in Freddys Alter noch formbare Individuum. Gabriel Josipovici schreibt in seinem Vorwort zur Polygon-Ausgabe des Romans von den „reservations“, also Vorbehalten, die Spark gegenüber ihren Figuren behält. Das finde ich eine sehr gelungene Formulierung, denn man kann Leser*innen Figuren schaffen, deren Erlebnissen, Empfindungen und Gedanken sie gerne folgen, ohne, dass man sich ihnen als „Identifikationsfiguren“ verschreiben muss.
Bei der spirituellen und kulturellen Ernsthaftigkeit hat das Buch etwas ganz Leichtes: Spark hat offensichtlich eine große Liebe zur Landschaft Palästinas, Jordaniens und Israels, sie führt einen mühelos durch die Topographie, sie kann die Wüste und ihre Vegetation mit ebenso wenigen Strichen plastisch machen wie boarding rooms in der Londoner Peripherie oder Esszimmer in heruntergekommenen Herrenhäusern in ihren anderen Romanen. Eine lange Sequenz in einer Art besetztem Haus, in dem arabische Jungendliche feiern, wohnen und diskutieren, gehört zum Schönsten, was ich von ihr gelesen habe. Auch die Hitze liegt ihr als schreiberisches Element: ihre sonst so klare Sprache kriegt hier immer wieder was Flirrendes, Dialoge und Situationen bewegen sich wie die Luft über heißem Asphalt. Außerdem gibt es zwei oder drei sehr schöne und überraschende Sex-Paarungen. Spark hat überhaupt ein liebevolles und unaufgeregtes Interesse an Sex als Text, das ich hier besonders sympathisch und liebenswert finde (Spoiler: Es ist nicht immer so bei ihr, „Not to Be Disturbed“, einige Jahre später, ist in der Hinsicht leider genau das, disturbing).
Wenn man so will, ist Barbara, Lehrerin an einer Mädchenschule in England, sowas wie die antifaschistische Miss Brodie: ebenso festgesetzt in ihren äußeren Lebensumständen, aber statt von Personenkult und Intrige fasziniert zu sein wie Miss Brodie, ist sie auf der Suche nach ganz modernen Kompliziertheiten wie Nähe und Distanz und einer Selbstverwirklichung, die nicht auf Kosten anderer geht.
Und, nicht zuletzt: Es ist ein Spionageroman, der das Genre ernst nimmt, ohne auf seine Schwachstellen reinzufallen.

Was ist nicht so gut: Ich liebe wirklich alles an diesem Buch, und ich glaube, ich lebe unter dem Eindruck, dieses Gefühl hielte umso länger an, je länger ich das Buch nicht zuende lese. Vielleicht ist es aber auch Erschöpfung, und das Buch ist genau 40 Seiten zu lang? So, als wäre man zulange in der gleißenden Sonne unterwegs gewesen?

Was lernen wir über Muriel Spark: Sie konnte auch lange Romane schreiben.

M*S*J: 10/10

Statuen

Kurzgeschichte

Sie wachte von diesem Kopfschmerz auf, den sie seit Wochen unter der Haut hatte, einem seltsam fiebrigen, unruhigen Ziehen und Vibrieren, das ihr nachts keine Ruhe ließ und tagsüber keine Erinnerungen. Vor allem Namen fielen ihr von Woche zu Woche mehr ins Leere, Männernamen.
Neben dem Kopfkissen vibrierte ihr Telefon, vielleicht schon seit Minuten. „Magelan Kaminbrand #4“, eine der work stations in der Firma. Sie sah auf das Display und versuchte sich zu erinnern, wer zuletzt an Platz vier gearbeitet hatte. Es wurde immer unübersichtlicher, rund zwanzig Leute, alle kamen und gingen, wann und wie sie wollten.
„Ja.“
„Emm?“ Eine Stimme von früher. Aber es waren alles Stimmen von früher. In der Firma arbeiteten nur Leute, die sie aus der Zeit kannte, als sie noch im Buchladen gearbeitet hatte. Leute von früher, denen sie vertrauen konnte. Auch wenn sie ihre Namen nicht immer gleich parat hatte.
„Was.“
„Er will dich.“
„Nein.“
„Unbedingt die Chefin, sagt er.“
Sie ließ sich zurückfallen und schloss die Augen. Das Vibrieren unter ihrer Kopfhaut war wieder da.
„Ich mach keine Hausbesuche mehr. Seit zwanzigfünfundzwanzig nicht mehr.“ Und sie dachte: Dafür hab ich doch euch.
„Er zieht den Auftrag zurück. Wenn du nicht kommst.“
„Wir brauchen den Auftrag nicht.“
Die Stimme am anderen Ende zögerte.
„Das stimmt. Aber er sagt, er hat was, was dich interessieren könnte. Etwas, was du brauchst.“
„Hilft mir noch mal auf die Sprünge“, sagte Emm. „Von wem reden wir hier.“
Eigentlich hatten die anderen in ihrer Firma sich daran gewöhnt, dass sie sich keine Männernamen mehr merkte. Nach einer kurzen Pause: „Chief Popper.“
„Okay“, sagte sie, jetzt wieder müde. „Chief Popper hat definitiv nichts, was ich brauche.“
„Ja. Vielleicht.“ Eine Pause. „Aber es ist gleich hier um die Ecke, Danz-Prenz, wo früher der Kaiser’s war.“
„Ich weiß“, sagte sie gequält. Niemand würde je vergessen, wie ein paar von diesen Leuten das Supermarktareal gekauft und darauf ihre Festung errichtet hatten. Ein ironischer Neubau mit altbauhohen Decken und mehr Durchbrüchen als Wänden, disruptiv. Die Brojects, wie manche im Kiez sagten, ohne zu ahnen, dass Chief Popper und seine Freunde den Namen selbst gestreut hatten.
„Und er sagt, er zahlt zwei Quitcoin.“
Sie richtete sich auf und rieb sich die Kopfhaut, ein Schleichen und Schieben unter ihren Fingern. Zwei Quitcoin. Genug, damit zwei ihrer Leute für immer aufhören konnten, rausgehen, weg aus Prenz-Danz oder Prenz-Bötz oder Prenz-Grell, hinter die Grenze, wo es keine SUV-Parks gab, und wo man nicht vom Hyperloop in den Untergrund gerissen wurde.
„Das ist viel“, sagte sie, um Zeit zu gewinnen.
„Er wartet“, sagte die Stimme von work station vier bei Magelan Kaminbrand. Was für eine gute Idee: eine Firma zu gründen, um Menschen jene Bücher zu empfehlen, auf die sie selbst nicht kamen. Eine Firma, die innerhalb von Monaten komplett überrannt worden war von Medienbrüdern und Medienschwestern, von Menschen, die Off-Bücher als ihr letztes, kostbarstes Dinstinktionsmerkmal entdeckt und Emm dadurch im Laufe weniger Jahre reich gemacht hatten. Emms Buchempfehlungen waren für ihre Kund*innen Horoskope einer besseren Zukunft, einer besseren Persönlichkeit, Menschlichkeitsbausteine, mit denen sie sich die Flure auskleiden und mit denen sie zu den altbauhohen Decken aufschließen konnten, Gesprächsstoff und Rückversicherung zugleich. Der Erfolg von Magelan Kaminbrand war dabei Fluch und Fluch, denn wenn sie selber las, empfing sie keinen Segen mehr: Jedes Buch, dass sie den Chief Poppers empfohlen hatte, war ihr für immer verdorben.

Sie setzte ihre Wollmütze auf und ließ den Mantel offen. Es war einer von diesen Berliner Wintertagen, an denen der Himmel Sibirien sagte, und die Luft sagte Wannsee. Die Greifswalder-presented-by-Elon-Musk lag still und grün, der unterirdische Hyperloop nur ein weiteres Vibrieren in ihrem unruhigen Körper. Sie überquerte die Straße und lief die Marienburger hinauf, das Kopfsteinpflaster aus Kupfer, Titan und Messing stumpf im Vormittagslicht, jeder Katzenkopf ein Gedenkstein für einen damals online kritisierten Großkünstler. Als der Himmel aufriss, glänzten ihr die Brojects entgegen. Sie sehnte sich nach einem unambitionierten Einkauf im Kaiser’s, nach der geschäftigen Abgetörnheit eines Vormittags in den späten Zehnern, frühen Zwanzigern, aber zwei Atemzüge später war das Gefühl ausgestanden oder vergessen. Sie schob sich die Mütze zurecht, um ihren Kopfschmerz von außen einzugrenzen.

Die Doorgirls in den Brojects machten ein paar Sprüche, die sie schon von Ick/Ack kannte, dann zeigten sie auf den Fahrstuhl, als hätte Emm ihn nicht auch so gefunden.
„Chief Popper erwartet mich.“ Ihr Satz hallte ihr ganz eng und fest in den Ohren nach, als hätte er ihren Körper nie richtig verlassen.
Natürlich öffnete dieser Fahrstuhl sich, gesteurt von den Doorgirls, genau ins Wohnzimmer von Chief Popper, mit einer Aussicht, die man dem Haus von außen nicht ansah, Restberlin-Panorama. Chief Popper trug ein knielanges Hemd mit knielangem Pulli darüber, sonst nichts außer vintage Crocs, Osaka Style. Emm wandte den Blick ab. Vor zehn, fünfzehn Jahren hatte er eine Pressesache gemacht, jetzt was mit „voices“.
„Und genau darum geht es mir“, sagte Chief Popper in einem Ton, als wäre er stolz auf seinen neuen Mittelscheitel. „Voices vom Rand hörbar machen, voices vom Rand sichtbar machen, von den margins. Also, an meinen walls.“ Er lächelte. Geschäft war Geschäft.
„Es muss halt stimmig sein“, sagte Emm. Warum wehrte sie sich immer noch dagegen, wenn Kunden wie die aus den Brojects sich mit Empfehlungen von Magelan Kaminbrand schmücken wollten, die bestenfalls an ihre Wände und in eine Illusion ihrer selbst passten, und die sie niemals lesen würden.
„Stimmig“, sagte Chief Popper und kostete ihr Wort. „Finde ich so Nuller, den Begriff. No off.“
Statt „no take“ zu sagen, wiegte Emm den Kopf, bis sie merkte, dass die Bewegung ihren Kopfschmerz auf eine Weise verstärkte, die vermutlich schlecht fürs Geschäft war.
„Ich seh hier eher silicon haikus, ich seh entrepreneur confessionals, ich seh orbit philosophy“, bäumte sie sich auf, eine feste Schicht Professionalität auf der Stimme. Zwei Quitcoin. Zwei Leute aus ihrer Runde, die für immer frei wären.
Chief Popper zog seinen Pullover nach unten, sodass der Hemdkragen durch die Spannung ein wenig nach oben zeigte. „Nein“, sagte er, aber noch spielerisch, „ich will off-center, off-white, non-regular, disenfranchised. Der ganze marginalsierte Shit. Am besten Sachen, von denen noch nicht mal die Autor“, er machte eine theatralische Pause, „innen selbst gehört haben.“
Emm rieb sich die Stirn. „Zwei Quitcoin“, sagte sie.
Chief Popper stellte sich ans schulterhohe Fenster, sodass im Gegenlicht es aussah, als wäre der Fernsehturm-am-Alexa sein preußischer Helm. „Zwei Quitcoin“, sagte er.
„Und etwas, das ich brauche?“, sagte Emm, als bräuchte sie nichts auf der Welt.
Er nickte.
„Und das wäre was?“
Er lächelte und breitete die Arme aus.
Emm kniff die Augen zusammen. Bot er ihr seine Etagen in den Brojects an?
„Hier sein“, sagte Chief Popper in einem Ton wie Asphalt. „Dabei sein. Endlich Teil davon sein. Frei sein, statt alte Freund“, wieder seine ironische Pause“, „innen durchzuschleppen. Nicht nur arbeiten für die Leute, die die Welt sind. Sondern selber endlich die Welt sein.“
„Die Welt sein“, sagte Emm, die sich nicht sicher war, ob sie richtig verstand, oder ob ihr Kopfvibrieren seine Stimme verzerrte und seine Worte verdrehte.
„Die Welt sind nur wenige“, sagte Chief Popper. „Die meisten sind am Rand. Die können sich vielleicht mal dazustellen, aber so leben …“ Er legte den Kopf ein wenig in den Nacken und schaute leicht melancholisch aus den erhöhten Fensterscharten.
In einer erschöpften Bewegung zog Emm sich die Mütze vom Kopf, ratlos. Aus ihrem Kopfvibrieren wurde ein Schlängelgefühl, und für einen Moment sah sie im einfallenden Licht Schatten tanzen um ihren Kopf. Chief Popper drehte sich zu ihr um, als hätte sie ihn herangewunken. Sie sah, wie er starr wurde und am ganzen Körper die Farbe seiner Schläfen annahm. Die Zeit stand still. Etwas hatte sich ganz grundsätzlich verändert, sie wusste noch nicht genau, was, aber sie war absolut dafür. Sie machte einen Schritt auf ihn zu und berührte ihn beiläufig, als wollte sie ihn beruhigen. Er war glatt und kalt und Stein.
Sie atmete langsam. Vorsichtig hob sie die Hand zu ihrem Kopf. Die Schlagenmäuler knabberten behutsam an ihren Fingerspitzen wie Kosmetikfische und zogen sich dann zurück. Sie setzte die Mütze wieder auf. Ihrem Kopf ging es zum ersten Mal seit Monaten gut. Wie neu alles war.

Nach einer Weile zog sie das Telefon aus der Innentasche ihres Rocks. Weil es die letzte Nummer im Verlauf war, wählte sie work station vier bei Magelan Kaminbrand.
„Ja?“, meldete sich eine von den vertrauten Stimmen, Frau oder Mann, das konnte sie gar nicht unterscheiden, sie wusste nur, dass sie die Stimme kannte seit zwanzigneunzehn, zwanzigzwanzig.
„Wir hören auf“, sagte Emm.    
„Wir tun was?“
„Wir hören auf. Mit den Büchern. Mit dem Kuratieren. Mit Buchempfehlungen für diese Leute.“
„Okay.“ Die Stimme fragend, aber zuversichtlich. Emm war die Chefin. Was sollte sein. Emm würde schon wissen. Nur: „Und dann?“
„Ich hab was Besseres“, sagte Emm. „Wir machen ab jetzt Statuen.“