Statuen

Kurzgeschichte

Sie wachte von diesem Kopfschmerz auf, den sie seit Wochen unter der Haut hatte, einem seltsam fiebrigen, unruhigen Ziehen und Vibrieren, das ihr nachts keine Ruhe ließ und tagsüber keine Erinnerungen. Vor allem Namen fielen ihr von Woche zu Woche mehr ins Leere, Männernamen.
Neben dem Kopfkissen vibrierte ihr Telefon, vielleicht schon seit Minuten. „Magelan Kaminbrand #4“, eine der work stations in der Firma. Sie sah auf das Display und versuchte sich zu erinnern, wer zuletzt an Platz vier gearbeitet hatte. Es wurde immer unübersichtlicher, rund zwanzig Leute, alle kamen und gingen, wann und wie sie wollten.
„Ja.“
„Emm?“ Eine Stimme von früher. Aber es waren alles Stimmen von früher. In der Firma arbeiteten nur Leute, die sie aus der Zeit kannte, als sie noch im Buchladen gearbeitet hatte. Leute von früher, denen sie vertrauen konnte. Auch wenn sie ihre Namen nicht immer gleich parat hatte.
„Was.“
„Er will dich.“
„Nein.“
„Unbedingt die Chefin, sagt er.“
Sie ließ sich zurückfallen und schloss die Augen. Das Vibrieren unter ihrer Kopfhaut war wieder da.
„Ich mach keine Hausbesuche mehr. Seit zwanzigfünfundzwanzig nicht mehr.“ Und sie dachte: Dafür hab ich doch euch.
„Er zieht den Auftrag zurück. Wenn du nicht kommst.“
„Wir brauchen den Auftrag nicht.“
Die Stimme am anderen Ende zögerte.
„Das stimmt. Aber er sagt, er hat was, was dich interessieren könnte. Etwas, was du brauchst.“
„Hilft mir noch mal auf die Sprünge“, sagte Emm. „Von wem reden wir hier.“
Eigentlich hatten die anderen in ihrer Firma sich daran gewöhnt, dass sie sich keine Männernamen mehr merkte. Nach einer kurzen Pause: „Chief Popper.“
„Okay“, sagte sie, jetzt wieder müde. „Chief Popper hat definitiv nichts, was ich brauche.“
„Ja. Vielleicht.“ Eine Pause. „Aber es ist gleich hier um die Ecke, Danz-Prenz, wo früher der Kaiser’s war.“
„Ich weiß“, sagte sie gequält. Niemand würde je vergessen, wie ein paar von diesen Leuten das Supermarktareal gekauft und darauf ihre Festung errichtet hatten. Ein ironischer Neubau mit altbauhohen Decken und mehr Durchbrüchen als Wänden, disruptiv. Die Brojects, wie manche im Kiez sagten, ohne zu ahnen, dass Chief Popper und seine Freunde den Namen selbst gestreut hatten.
„Und er sagt, er zahlt zwei Quitcoin.“
Sie richtete sich auf und rieb sich die Kopfhaut, ein Schleichen und Schieben unter ihren Fingern. Zwei Quitcoin. Genug, damit zwei ihrer Leute für immer aufhören konnten, rausgehen, weg aus Prenz-Danz oder Prenz-Bötz oder Prenz-Grell, hinter die Grenze, wo es keine SUV-Parks gab, und wo man nicht vom Hyperloop in den Untergrund gerissen wurde.
„Das ist viel“, sagte sie, um Zeit zu gewinnen.
„Er wartet“, sagte die Stimme von work station vier bei Magelan Kaminbrand. Was für eine gute Idee: eine Firma zu gründen, um Menschen jene Bücher zu empfehlen, auf die sie selbst nicht kamen. Eine Firma, die innerhalb von Monaten komplett überrannt worden war von Medienbrüdern und Medienschwestern, von Menschen, die Off-Bücher als ihr letztes, kostbarstes Dinstinktionsmerkmal entdeckt und Emm dadurch im Laufe weniger Jahre reich gemacht hatten. Emms Buchempfehlungen waren für ihre Kund*innen Horoskope einer besseren Zukunft, einer besseren Persönlichkeit, Menschlichkeitsbausteine, mit denen sie sich die Flure auskleiden und mit denen sie zu den altbauhohen Decken aufschließen konnten, Gesprächsstoff und Rückversicherung zugleich. Der Erfolg von Magelan Kaminbrand war dabei Fluch und Fluch, denn wenn sie selber las, empfing sie keinen Segen mehr: Jedes Buch, dass sie den Chief Poppers empfohlen hatte, war ihr für immer verdorben.

Sie setzte ihre Wollmütze auf und ließ den Mantel offen. Es war einer von diesen Berliner Wintertagen, an denen der Himmel Sibirien sagte, und die Luft sagte Wannsee. Die Greifswalder-presented-by-Elon-Musk lag still und grün, der unterirdische Hyperloop nur ein weiteres Vibrieren in ihrem unruhigen Körper. Sie überquerte die Straße und lief die Marienburger hinauf, das Kopfsteinpflaster aus Kupfer, Titan und Messing stumpf im Vormittagslicht, jeder Katzenkopf ein Gedenkstein für einen damals online kritisierten Großkünstler. Als der Himmel aufriss, glänzten ihr die Brojects entgegen. Sie sehnte sich nach einem unambitionierten Einkauf im Kaiser’s, nach der geschäftigen Abgetörnheit eines Vormittags in den späten Zehnern, frühen Zwanzigern, aber zwei Atemzüge später war das Gefühl ausgestanden oder vergessen. Sie schob sich die Mütze zurecht, um ihren Kopfschmerz von außen einzugrenzen.

Die Doorgirls in den Brojects machten ein paar Sprüche, die sie schon von Ick/Ack kannte, dann zeigten sie auf den Fahrstuhl, als hätte Emm ihn nicht auch so gefunden.
„Chief Popper erwartet mich.“ Ihr Satz hallte ihr ganz eng und fest in den Ohren nach, als hätte er ihren Körper nie richtig verlassen.
Natürlich öffnete dieser Fahrstuhl sich, gesteurt von den Doorgirls, genau ins Wohnzimmer von Chief Popper, mit einer Aussicht, die man dem Haus von außen nicht ansah, Restberlin-Panorama. Chief Popper trug ein knielanges Hemd mit knielangem Pulli darüber, sonst nichts außer vintage Crocs, Osaka Style. Emm wandte den Blick ab. Vor zehn, fünfzehn Jahren hatte er eine Pressesache gemacht, jetzt was mit „voices“.
„Und genau darum geht es mir“, sagte Chief Popper in einem Ton, als wäre er stolz auf seinen neuen Mittelscheitel. „Voices vom Rand hörbar machen, voices vom Rand sichtbar machen, von den margins. Also, an meinen walls.“ Er lächelte. Geschäft war Geschäft.
„Es muss halt stimmig sein“, sagte Emm. Warum wehrte sie sich immer noch dagegen, wenn Kunden wie die aus den Brojects sich mit Empfehlungen von Magelan Kaminbrand schmücken wollten, die bestenfalls an ihre Wände und in eine Illusion ihrer selbst passten, und die sie niemals lesen würden.
„Stimmig“, sagte Chief Popper und kostete ihr Wort. „Finde ich so Nuller, den Begriff. No off.“
Statt „no take“ zu sagen, wiegte Emm den Kopf, bis sie merkte, dass die Bewegung ihren Kopfschmerz auf eine Weise verstärkte, die vermutlich schlecht fürs Geschäft war.
„Ich seh hier eher silicon haikus, ich seh entrepreneur confessionals, ich seh orbit philosophy“, bäumte sie sich auf, eine feste Schicht Professionalität auf der Stimme. Zwei Quitcoin. Zwei Leute aus ihrer Runde, die für immer frei wären.
Chief Popper zog seinen Pullover nach unten, sodass der Hemdkragen durch die Spannung ein wenig nach oben zeigte. „Nein“, sagte er, aber noch spielerisch, „ich will off-center, off-white, non-regular, disenfranchised. Der ganze marginalsierte Shit. Am besten Sachen, von denen noch nicht mal die Autor“, er machte eine theatralische Pause, „innen selbst gehört haben.“
Emm rieb sich die Stirn. „Zwei Quitcoin“, sagte sie.
Chief Popper stellte sich ans schulterhohe Fenster, sodass im Gegenlicht es aussah, als wäre der Fernsehturm-am-Alexa sein preußischer Helm. „Zwei Quitcoin“, sagte er.
„Und etwas, das ich brauche?“, sagte Emm, als bräuchte sie nichts auf der Welt.
Er nickte.
„Und das wäre was?“
Er lächelte und breitete die Arme aus.
Emm kniff die Augen zusammen. Bot er ihr seine Etagen in den Brojects an?
„Hier sein“, sagte Chief Popper in einem Ton wie Asphalt. „Dabei sein. Endlich Teil davon sein. Frei sein, statt alte Freund“, wieder seine ironische Pause“, „innen durchzuschleppen. Nicht nur arbeiten für die Leute, die die Welt sind. Sondern selber endlich die Welt sein.“
„Die Welt sein“, sagte Emm, die sich nicht sicher war, ob sie richtig verstand, oder ob ihr Kopfvibrieren seine Stimme verzerrte und seine Worte verdrehte.
„Die Welt sind nur wenige“, sagte Chief Popper. „Die meisten sind am Rand. Die können sich vielleicht mal dazustellen, aber so leben …“ Er legte den Kopf ein wenig in den Nacken und schaute leicht melancholisch aus den erhöhten Fensterscharten.
In einer erschöpften Bewegung zog Emm sich die Mütze vom Kopf, ratlos. Aus ihrem Kopfvibrieren wurde ein Schlängelgefühl, und für einen Moment sah sie im einfallenden Licht Schatten tanzen um ihren Kopf. Chief Popper drehte sich zu ihr um, als hätte sie ihn herangewunken. Sie sah, wie er starr wurde und am ganzen Körper die Farbe seiner Schläfen annahm. Die Zeit stand still. Etwas hatte sich ganz grundsätzlich verändert, sie wusste noch nicht genau, was, aber sie war absolut dafür. Sie machte einen Schritt auf ihn zu und berührte ihn beiläufig, als wollte sie ihn beruhigen. Er war glatt und kalt und Stein.
Sie atmete langsam. Vorsichtig hob sie die Hand zu ihrem Kopf. Die Schlagenmäuler knabberten behutsam an ihren Fingerspitzen wie Kosmetikfische und zogen sich dann zurück. Sie setzte die Mütze wieder auf. Ihrem Kopf ging es zum ersten Mal seit Monaten gut. Wie neu alles war.

Nach einer Weile zog sie das Telefon aus der Innentasche ihres Rocks. Weil es die letzte Nummer im Verlauf war, wählte sie work station vier bei Magelan Kaminbrand.
„Ja?“, meldete sich eine von den vertrauten Stimmen, Frau oder Mann, das konnte sie gar nicht unterscheiden, sie wusste nur, dass sie die Stimme kannte seit zwanzigneunzehn, zwanzigzwanzig.
„Wir hören auf“, sagte Emm.    
„Wir tun was?“
„Wir hören auf. Mit den Büchern. Mit dem Kuratieren. Mit Buchempfehlungen für diese Leute.“
„Okay.“ Die Stimme fragend, aber zuversichtlich. Emm war die Chefin. Was sollte sein. Emm würde schon wissen. Nur: „Und dann?“
„Ich hab was Besseres“, sagte Emm. „Wir machen ab jetzt Statuen.“

Ein Kommentar zu “Statuen

  1. Das iat ungelogen einer der schönsten Texte, die ich je gelesen habe. Du weißt ja, warum. Sterbi! ❤

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