Muriel Spark Joy 1: „The Comforters“

Zum Geburtstag habe ich mir von meiner Familie und meinen Freund*innen die Gesamtausgabe der Romane von Muriel Spark gewünscht. Spark war eine schottische Autorin, die voriges Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, also bin ich in etwa halb so alt wie sie. Sie galt eine Weile als eine der bedeutenden Autor*innen des 20. Jahrhunderts, aber in Deutschland ist sie, obwohl Diogenes sich immer voller Hingabe um sie gekümmert und ihr schöne Ausgaben beschert hat, etwas in Vergessenheit geraten. Im Laufe der nächsten Monate möchte ich erklären, was ich so wunderbar an ihr finde, und warum sie mich so dermaßen begeistert seit zwei, drei Jahren. Und zwar nicht im Rahmen eines oder zweier großer, emotionaler und tief in den Text einsteigender Essays, wie ich es hier vor ein paar Jahren mit Elena Ferrante und ihrem Neapolitischen Quartett gemacht habe, bevor es endlich in Deutschland erschien. Sondern eher in Form ganz kurzer, schematischer Bewertungen (in der Form hat mich der Blog von Frank Böhmert dazu inspiriert, den ich aber leide gerade nicht mehr finde). Ich lese die 22 Romane, von denen ich bisher nur eine handvoll kenne, in chronologischer Reihenfolge, und gebe danach hier jeweils einen Mini-Überblick.

Titel: The Comforters (dt.: Die Tröster, Ü: Peter Naujack, Diogenes 1963)
Erscheinungsjahr: 1957

Was passiert: Eine junge Frau glaubt, in einem Roman zu leben, den sie gerade schreibt oder schreiben müsste. Die Großmutter ihres Ex-Verlobten leitet einen Schmugglerring, verschiedene tatsächliche oder Möchtegern-Mitglieder der englischen Oberschicht haben wirre sexuelle oder platonische Beziehungen, die spirituelle Erweckung der Hauptfigur führt zur Konfrontation mit einer toxischen Haushälterin.

Was ist gut: Die Figuren nehmen, was ihnen widerfährt und wie sie sind, mit einem merkwürdigen Stoizismus. Man weiß nicht (und sie wissen es wohl selbst nicht), ob ihr Hadern mit Glaubens-, Lebens- und Liebesfragen Zeitvertreib oder existenziell ist, und was wäre überhaupt der Unterschied? In der Mitte der Handlung verschwinden zwei Hauptfiguren wie durch eine Falltür, es gibt merkwürdige Wirrungen zwischen namensähnlichen Personen, die soziale Komödie liest sich wie P.G. Wodehouse auf Kokain. Schmuggelware wird in Gegenständen versteckt, es gibt eine Autoverfolgungsjagd, niemand im oder am Buch ist an der Metapher „Krankheit als Metapher“ interessiert, obwohl die Hauptfigur „mad“ oder „neurotic“ sein könnte.

Was ist nicht so gut: Wenn man noch nichts von Spark gelesen hat, könnte man denken: Was soll dieser wirre Kram. Sicher nicht ideal zum Einstieg, es sei denn, man hat eine Schwäche für die englischen Kriminalromane der Dreißiger Jahre oder für Alfred Hitchcocks Filme aus seiner englischen Zeit („Die 39 Stufen“ wäre hier eine Schnittmenge). Sparks Text ist mit einer seltsam nostalgischen Patina überzogen, die sich 1957 wie heute ein Achtziger-Jahre-Roman gelesen haben muss, und die ihn heute verführerisch ort- und zeitlos macht.

Was lernen wir über Muriel Spark: Das erste Buch einer 39-Jährigen, die eine zeitlang eine der meistverkauften Autor*innen Europas war, wirkt herrlich zusammengehauen und finster entschlossen zugleich: eine Autorin, der einerseits vieles egal ist, und die andererseits stur genug ist, um viele seltsame Entscheidungen zu treffen und durchzuhalten. Nach „The Comforters“ stellt man sie sich recht mutig und autark vor. Eine Autorin, von deren Erzählstimme man sich trösten lassen kann.

M*S*J: 8/10

D0Zfi45WkAAUuYA

So betritt man die Bühne der Weltliteratur: „Grandmother, I adore white bread and I have no fads.“ Der Anfang von The Comforters, 1957

 

 

 

Werbeanzeigen

Guckt mal, ein „Blutapfel“

Zumindest gibt es hier eine halbe Minute „Blutapfel“. Hier, in der Vorstellung von „Unter Wasser“ vorige Woche in 3sat Kulturzeit, gibt es ab Sekunde 34 einen ersten Ausschnitt aus der „Blutapfel“-Verfilmung mit Milan Peschel als Danowski und Emily Cox als Jurkschat. Ich finde beide wunderbar und freue mich sehr darauf. Der Film kommt nach der Sommerpause 2019 im ZDF.

 

Entlastungs-Podcast Folge 6: In Schreibklausur

Zu den schönsten Dingen in diesem Jahr gehört, dass Alena Schröder und ich angefangen haben, einen Podcast zu machen, und dass sie ihn immer schneidet. Mittlerweile gibt es sechs Folgen davon, eine unfassbare Erfolgsgeschichte, die innerhalb nur weniger Monate ein weltweites Podcast-Fieber ausgelöst hat, wie es sich niemand zuvor hätte träumen lassen. Aber bitte vergesst nie: Wir waren die ersten! Oder um genauer zu sein: die letzten. Aber das macht nichts, denn wir machen es für uns und für Autor*innen, die vom Schreiben leben (materiell oder seelisch oder beides), und die trotzdem zwischendurch immer mal wieder denken, ach du Scheiße, was tue ich hier eigentlich und warum und wo sind die Süßigkeiten und die Fernbedienung.

Dies hier haben wir vor drei, vier Wochen aufgenommen, in Rerik an der Ostsee, denn wir wollten der Frage nachgehen: Warum ist es eigentlich so gut, mit anderen zum Schreiben wegzufahren? Alena waren vier Tage in einem Haus an der Ostsee mit Stephan Bartels und Maike Rasch und tauschen uns hier mit ihnen in vier Tageskapiteln aus über:

– soziale Kontrolle und Prokrastination,

– To-Do-Listen und Schreibwaren,

– In-den-Arsch-tret-Lizenzen im Co-Working-Space,

– verschiedene Arten von Druck und

– das Für und Wider des Method-Schreibing.

Am Ende gibt es einen vorgelesenen Anfang, dazwischen einige Erfolge und Niederlagen. Danke fürs Zuhören!

Entlastungspodcast Folge 5: Wie es ist, wenn ein Buch erscheint

Was passiert zwischen Manuskriptabgabe und dem Erscheinen eines Buches? Wie fremd wird einem der eigene Text? Was ist Verkaufsranglistenporno und welche Art von Kritik tut am meisten weh? Und räumen eigentlich alle Autor*innen Buchläden um? Anlässlich des Erscheinens von „Unter Wasser“ sprechen Alena Schröder und ich über alles, was sich zwischen Manuskriptabgabe und Erscheinen eines Buches abspielt.

Der Horizont ist nur eine Linie

IMG_20170814_112439873Vor Jahren klingelte in den Mai-Ferien mein damals noch nicht uraltes Handy, und es war die Redaktion der Zeitschrift BYM. Wo die Kurzgeschichte zum Thema „Ein Tag am Meer“ denn bliebe, fürs Sommerheft. Ich wusste von nichts, aber das konnte allerhand Gründe haben. Also setzte ich mich hin und schrieb die Geschichte über das, was ich sah, denn ich war ja gerade am Meer, auf Mallorca. Die Geschichte erscheint hier zum ersten Mal, denn BYM wurde damals eingestellt, bevor die Kolleg*innen den Sommer mit einem Kurzgeschichten-Special feiern konnten. Schade.

 

Wenn die Eltern fragen, sagt ihr Vater: „Jelena lernt Erzieherin.“ Jelena hat sich abgewöhnt, dazu zu nicken. Im ersten Sommer hat sie angefügt: „Ich will unbedingt was mit Kinder machen.“ Im zweiten Sommer hat sie „Ja“ gesagt, im dritten genickt, jetzt schaut sie unverbindlich, aber im weitesten Sinne zuversichtlich, und fixiert dabei einen Punkt am Horizont, irgendwo hinter ihrem Vater.

Ihr Vater steht immer mit dem Rücken zum Meer, wenn er Jelena den Eltern vorstellt, die heute ihre Kinder bei ihr lassen werden. Vormittags steht die Sonne über dem Meer. Ihr Vater hat gern die Sonne im Rücken. Während er spricht, müssen die Eltern die Augen zusammenkneifen, jedenfalls die, die ihre Sonnenbrillen abgesetzt haben, um sich von ihren Kindern zu verabschieden. Die meisten behalten die Sonnenbrille auf.

Dann ist ihr Vater weg. Andere Menschen brauchen Minuten, um durch den feinen Sand den Weg zum Hotel zurückzulegen, ihr Vater verschwindet einfach. Jelena steht mit den Kindern und den Eltern da, und es entsteht jedes Mal ein unangenehmer Augenblick der Stille, während die Eltern Jelena betrachten. Sie warten darauf, dass sie anfängt, die Kinder zu animieren, damit die Eltern gehen können. Jelena malt sich aus, jetzt eine eigene kleine Rede zu halten.

Das mit der Erzieherin hat mein Vater sich ausgedacht. Alles, was ich mit Kindern zu tun habe, ist, dass ich jeden Sommer sechs Wochen lang den Tag über auf Kinder aufpasse, damit ihr ungestört die Outlet-Stores im Landesinneren abklappern könnt. Wobei: „aufpassen“ ist ein dehnbarer Begriff. Weiterlesen