Kein Laut dringt aus dem Fleischgefängnis

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Eine Gespenstergeschichte.

 

Nun soll ich also Bericht ablegen über meine Kindheit. Ich verstehe nicht, wie das dem kleinen Theo helfen soll. Rennautos hat er gemocht und Gummibärchen und sein T-Shirt, wo drauf stand „Brummi wünscht gute Fahrt“, mit einem Lastwagen in Menschengestalt. Aber ich bin alt geworden bis fast zum Tode, und vielleicht bin ich allein deshalb bereit, an meine Kindheit zu denken und von ihr zu berichten: weil sie mir, je älter ich werde, immer näher kommt. Alle sind tot, meine Mutter schon seit vielen Jahren, mein Mann ist gegangen, weil er die Eckenwesen nicht mehr ertragen konnte, im März sind es zehn Jahre, tot ist er auch.

Eckenwesen, das Wort ist von meiner Mutter. Ich war ihr ganzer Stolz. Weil ich fast alles war, was sie hatte. Sie hatte nur mich und die Eckengäste und den Kiosk im Freibad, darum waren die Winter uns lang. Als sie starb, sagte der Pfarrer: Sie war eine einfache Frau. Womit er wohl meinte, dass sie ungebildet war, keine Rücklagen hatte und nichts aus ihrem Leben gemacht.

Aber einfach? Nein. Sie war der schwierigste Mensch von allen.

Für sie gab es keinen Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit, darum sagte sie, wenn ich in meinem kratzenden Kleid am weißen Küchentisch saß und nach meinem Vater fragte: „Deinen Vater habe ich im Traum gekannt, von ihm nie wieder ein Wort.“ Und wenn ich dann fragte, woher ich käme, wenn sie ihn doch nur im Traum gekannt habe, dann schlug sie mich mit der Faust. Als ich in die Schule kam, hörte ich, dass andere Eltern mit der flachen Hand schlugen und die Lehrer auch. Meine Mutter nahm immer die Faust. Aber sie liebte mich sehr. Manchmal öffnete sie Faust danach und zeigte mir, während sie mich in den Arm nahm, dass eine Leckmuschel darin war für mich zum Trost. Weiterlesen

Erste Worte

VolksblattMärz1988

Das war der erste Text, für den ich Geld bekommen habe, vor genau 30 Jahren erschienen in einer richtigen Zeitung, dem „Volksblatt Berlin“, ehemals „Spandauer Volksblatt“. Unverlangt eingesandt, und dann ohne irgendein Feedback von denen einfach abgedruckt (Honorar: für meine Begriffe fürstliche 50 bis 60 Mark, glaube ich). Das Dolle war, dass ich damals Zeitungen austrug, in erster Linie „Tagesspiegel“, 150 Stück, aber drei, vier „Volksblatt“ waren auch dabei, und in den Tagen, nachdem ich den Artikel (mit der Post) an die Redaktion geschickt hatte, guckte ich immer wieder morgens an der Abwurfstelle der Zeitungspakete als erstes in den Kulturteil. Denn zurückgekommen war mein Text ja nicht. Und dann plötzlich stand er da, oben links auf der ersten Kulturseite. Mit diesem unfassbaren ersten Satz. So erste Sätze werden heute gar nicht mehr geschrieben, da traut sich keiner mehr ran. Von der Headline ganz zu schweigen (nicht von mir). Vor allem das epische Präteritum. Jedenfalls klaute ich damals einem dieser Spandauer-Diaspora-Haushalte in Zehlendorf, denen ich das „Volksblatt“ in den Kasten stecken sollte, das Exemplar, und las meinen Text danach in Ruhe im Fahrradkeller. Es war neben denen, die noch kommen werden, einer meiner glücklichsten Momente im Journalismus.

(Schade für mich aus heutiger Sicht diese apologetische Haltung im Text: Klar, Science-fiction ist eigentlich Scheiße, aber Ballard ist toll. Das war unehrlich. Ich mag und mochte gerade auch die nicht so gute SF.)

 

Letzter Aufruf

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Seit vielen Jahren führe ich an einigen Orten der Welt ein Doppelleben unter falschem Namen. Auf sehr niedrigem Niveau, wenn man sich die möglichen Abgründe von Doppelleben vor Augen führt. Dazu muss ich ein bisschen ausholen.

In Bad Godesberg hatten wir eine Nachbarin, die mich als Kindergartenkind sehr beeindruckte: Frau Pörschmann hatte einen Pool im Garten und um diesen Pool in meiner Erinnerung Gartenmöbel aus geschwungenem weißen Draht, und als sie ein paar Bäume fällen lassen musste, lief sie anschließend mit dem Benzinkanister durch den Garten, um die Stümpfe abzubrennen. Mit einer brennenden Zigarette im Mund. Die Baumstümpfe blieben in ihrer Form erhalten, aber schwarz verkohlt. Ich dachte damals, so geht Gärtnern. Frau Pörschmann guckte nachts die Muhammad-Ali-Kämpfe in anderen Zeitzonen, berichtete mir am nächsten Tag davon, und als ihre Dackelhündin Afra Welpen warf, überreichte sie mir die kleinste und sagte, „Der gehört jetzt dir“. (Meine Eltern waren nicht begeistert.) Als meine Schwester geboren wurde, fuhr Frau Pörschmann mich im goldenen RO 80 ins Krankenhaus. Soweit, so Siebziger-Jahre-Kindheit.

An Herrn Pörschmann erinnere ich mich nicht, aber es gibt eine Geschichte über ihn, die mir sehr gegenwärtig ist. Weiterlesen

„Blade Runner 2049“: Bis einer heult

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Auf Philip K. Dicks Roman „Do Androids Dream Of Electric Sheep?“ (1968) beruhen „Blade Runner“ und „Blade Runner 2049“. (Abbildung ähnlich.)

Die Fortsetzung muss ja nicht schlechter sein als der ursprüngliche Film. „Pitch Perfect 2“ zum Beispiel ist noch besser als „Pitch Perfect“. „Bibi & Tina – Voll verhext“ ist besser als „Bibi und Tina“. Dass „Blade Runner 2049“ kein guter Film ist, liegt also nicht daran, dass er eine Fortsetzung ist. Es liegt auch nicht an der von Hans Zimmer verantworteten Musik. Sie ist geistlos und penetrant, aber sie ist ein Symptom für das allgemeine Elend des Films, keine Ursache. Das allgemeine Elend ist Folgendes (um Spoilerlosigkeit bemüht):
1.) Die Grundidee des Filmes schließt sehr nah an „Blade Runner“ an, allerdings ohne dem ersten Film mehr hinzuzufügen als optische Füllmasse. „BR49“ kannibalisiert „Blade Runner“. Das kann gutgehen, „The Force Awakens“ lebt eigentlich auch nur von der „Star Wars“-Nostalgie. Aber „BR49“ hat ein kein Interesse an der emotionalen Grundfrage von „Blade Runner“: Was macht uns menschlich? Stattdessen entpuppt sich der Film nach einigen Stunden als pseudophilosophische Überhöhung des ältesten Menschheitsklischees. „Blade Runner“ wollte ans Eingemachte, „BR49“ will aus dem Småland abgeholt werden.
2.) Die Emotionen in „BR49“ werden behauptet. Das heißt, es wird viel geweint. Ryan Gosling weint. Harrison Ford weint. Sylvia Hoeks weint. Robin Wright weint. Ana de Armas weint. Vielleicht weint sogar Jared Leto. Ich habe lange nicht mehr so ungerührt so viele Menschen weinen gesehen. Es ist ein Film voller Signale: Tränen >>> traurig. Zimmer-Musik >>> dramatisch. Totale mit postapokalyptischer Landschaft >>> total postapokalyptisch. Man betrachtet die ganze Zeit eine Oberfläche, die Tiefe ist  vorgetäuscht.
3.) Wer nicht weint, ist Sean Young, die Rachel aus „Blade Runner“. Weil: abwesend. Offenbar kann man den Zuschauern einen alten Harrison Ford als Deckard zumuten, aber keine Sean Young in den mittleren Jahren. Warum das fatal ist, kann ich nicht erklären, ohne den Film zu spoilern. Darum nur der Hinweis, dass wieder einmal eine weibliche Hauptfigur auf dem Altar des Narrativs geopfert wird. Politisch ärgerlich, inhaltlich, weil erwartbar: langweilig.
4.) „BR49“ scheint sich vage an den Filmen Andrei Tarkowskis zu orientieren, vor allem an „Solaris“ (1972) und „Stalker“ (1979). Lange Einstellungen, sehr große oder sehr enge Räume, Landschaften, Bilder und Atmosphäre vor Plot. Das funktioniert aus zwei Gründen nicht. Zum einen sind die Bilder längst nicht so überwältigend und überraschend, wie es Tarkowskis Bilder waren, und wie es „Blade Runner“ 1982 war. Weil das, was in „BR49“ an Welten und Landschaften zu sehen ist, im Grunde auf dem Stand aktueller Computerspiele wie „Destiny“ oder „Overwatch“ ist, aber nicht darüber hinausgeht: Es sieht gut aus, aber man hat das alles schon gesehen.
„Blade Runner“ lebte 1982 von der Beschränkung: immer dunkel, immer Regen, immer eng. „BR49“ hat keine visuelle Einheit, der stilbildende Dauerregen zum Beispiel ist einer trüben Sonne und einem seltsamen Schnee gewichen, der aussieht wie geschredderte Daunen: Replikantenjagd in Kissenfüllungsgewittern.
Der andere Grund ist, dass Tarkowski und der Ridley Scott des Ur-„Blade Runners“ sich über den Weg der Atmosphäre komplizierten, unauflöslichen emotionalen und philosophischen Problemen stellten, denen mit Handlung und Dialog allein nicht mehr beizukommen war. In „BR49“ gibt es einen aufwendigen Plot, mit den üblichen Kollateralschäden: erklärende Dialoge, zwanghafte Ortswechsel, dort dann noch mehr erklärende Dialoge. Die Grundfragen von „Solaris“ oder „Blade Runner“ waren unbeantwortbar, darum konnten die Filme sie immer nur umkreisen, und darum kann man diese Filme immer wieder sehen: Was macht uns menschlich? Was ist real? Leben wir in der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft? „BR49“ hingegen stellt nur eine Frage, die jeder sofort für sich selbst beantworten kann. Als man merkt, dass der Film sich um diese Frage dreht, ist das ein „Ach so!“-Moment, aber das war’s dann auch schon. Die Frage lautet: Möchtest du jetzt aus dem Småland abgeholt werden?
5.) Der Film hat eigentlich nur gute Kritiken bekommen. Ich glaube, es liegt an seiner völligen Humorlosigkeit. Eine bestimmte dahinbehauptete Ernsthaftigkeit kombiniert mit optischer Opulenz und stringenter Farbcodierung von Schauplätzen gilt seit „Traffic“ von Stephen Soderbergh als unwiderlegbares Qualitätsmerkmal. Ich meine damit nicht, dass dem Film sarkastische Dialoge zwischen den Blade Runnern Deckard (Harrison Ford) und K (Ryan Gosling) gut getan hätten. Ich meine Humor im Sinne von: Erwartungen unterlaufen, Risiken eingehen, indem man sich angreifbar macht und signalisiert, dass man sich und das eigene Unterfangen auch noch von außen betrachten kann. „Blade Runner“ war voll von solchen Momenten. Wenn die Replikantin Zorah (Joanna Cassidy) zu Rick Deckard, der sich in ihrer Garderobe als Sittenwächter von der Varietékünstlergewerkschaft ausgibt, sagt: „Are you for real?“, was zwar heißt, „Meinen Sie das ernst?“, aber eben auch auf Deckards existenzielle Grundfrage anspielt. Wenn Pris (Daryl Hannah) sich unter den anderen Puppen versteckt. Wenn das Bild von Rachel und ihrer Mutter, das Deckard studiert, sich plötzlich zu bewegen beginnt, für kaum eine Sekunde, und der Zuschauer sich fragen muss: Kann ich meinen Augen noch trauen?
In „BR49“ kannst du deinen Augen die ganze Zeit trauen. Es ist alles da. Alles ist, wie es aussieht. Nichts ist verborgen, es gibt nichts zu entdecken, nichts zu bedenken. Was bleibt, ist Leere.

Wenn das Plan B war, hab ich Plan A vergessen

Bildschirmfoto 2017-09-18 um 23.43.54Ich beschließe, mir die Doman http://www.zungenschaber.de zu sichern und dann von dort aus Besucher auf meine Seite umzuleiten, weil ich denke, dass Menschen, die sich mit Zungenschabern beschäftigen, möglicherweise Interesse an meinem Shit haben könnten. Nur so ein Bauchgefühl.
Über Zungenschaber denke ich überhaupt nur nach, weil die Dentalhygienikerin mir empfohlen hat, einen zu verwenden. Also nicht mir speziell, meine Zunge ist astabohne, darauf bestehe ich. Mir allgemein, als Mensch.
„Jeder sollte einen Zungenschaber benutzen“, sagt sie.
Eben, denke ich. Jeder sollte, keiner will so richtig, dass ist doch der Stoff, aus dem vielgeklickte Domains werden, eines Tages. Zugleich weiß ich, dass ich nur einen Zungenschaber werde benutzen können, wenn es mir gelingt, das Wort zu vergessen. Es ist außerordentlich unschön. Ich finde es so anschaulich und zugleich hässlich wie andere das Wort Schiebestrecke.
Zu Hause leite ich in die Wege, http://www.zungenschaber.de zu meiner URL zu machen. Dieser Plan scheitert schnell und klar. Die Domain befindet sich im Besitz von jemandem in den Vereinigten Arabischen Emiraten, der sie mir möglicherweise gegen Gebot verkaufen würde. Das Mindestgebot beträgt 299 Euro. Die Verhandlungen laufen über einen Mittler. Ich denke, um auf Nummer sicher zu gehen, müsste ich nicht 300 Euro, sondern zum Beispiel 399 Euro oder 499 Euro bieten. You can’t put a price on Zungenschaber.
Meine Frau betrachtet mich vom Esstisch aus, wie ich mit dem Laptop auf dem Sofa sitze.
„Was denkst du?“, fragt sie. Ich sage nichts und spüre die Zunge in meinem Mund wie der Range-Rover-Laderaum den irischen Wolfshund.

Freier Journalismus: Durch die Brille der anderen betrachtet

Ich: Die Augenärztin sagt, die Gleitsichtbrille geht noch. Nur die die Nahsicht hat sich verändert. Darum möchte ich fürs Büro jetzt einfach nur eine Lesebrille, bitte.
Optikerin: Gleitsicht ist aber im Prinzip natürlich besser fürs Büro. Sie blicken doch sicher mal auf und reden mit einem Kollegen, und wenn Sie dann nur eine Lesebrille …
Ich: Nein.
Optikerin: Oder Sie müssen mal eben ein paar Tische weiter.
Ich: Nein.
Optikerin: Es kann ja immer mal sein, dass jemand vorbeikommt.
Ich: Also, äh … nein.
Optikerin: Wenn Sie ganz schnell zum Chef müssen.
Ich: Nein.
Optikerin: Oder angenommen, Sie haben eine Besprechung.
Ich: Ganz ehrlich … nein.
Optikerin:
Ich: Sind das Kaubonbons?
Optikerin: Das, äh … ja, nehmen Sie, bitte, um Gottes Willen, nehmen Sie!

Keine Post aus Saronno

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Traurige Ironie: Das Symbol der SOZIALWAHL 2017 ist ein höhnisch grinsender Briefumschlag.

Die Krankenkasse hat mir dreimal seit Februar einen Fragebogen geschickt, um die weitere Familienversicherung der Kinder festzustellen oder zu klären oder was auch immer. Dies ist Routine, weiß ich nun. Tatsache ist, dass ich offenbar alle drei Anschreiben ungeöffnet weggeschmissen habe, weil auf den Umschlägen immer ganz groß „SOZIALWAHL 2017“ stand. Ich mach echt alles mit, aber ich hab im Januar, bevor die Fragebögen kamen, einmal einen dicken Brief von der Krankenkasse zur SOZIALWAHL 2017 geöffnet und studiert und festgestellt, dass ich hier die Grenze ziehen muss, was mein demokratisches Engagement angeht. Ich finde, zur Demokratie gehört auch, Verantwortung delegieren zu dürfen. Ich habe keine Kapazitäten für die SOZIALWAHL 2017. Ich bin damit nicht allein, die Wahlbeteiligung beträgt nur 30 Prozent, ich habe wirklich Hochachtung vor diesen 30 Prozent. Diese 30 Prozent sind das Rückgrat unserer Demokratie. Ich kann nur nicht zu ihnen gehören.

Nun kriege ich auf einmal zwei weitere Briefe von der Krankenkasse, die ich bitte an die Kinder weiterleiten soll, sie müssen sich nun selbst versichern, da ihre Familienversicherung erloschen ist, weil ihr Vater einen Fragebogen dreimal nicht beantwortet hat. Weiterlesen