Biographie

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Rowohlt-Autorenfoto von Stephanie Brinkkoetter

Geboren

Am 15. Februar 1969 in Koblenz. Meine Eltern wohnten eigentlich in Berlin damals. Ich war drei Monate alt, als ich nach Berlin kam.

Kindheit

Größtenteils in Berlin. Zehlendorf-Mitte, Stück den Teltower Damm runter Richtung Kennedy-Schule. Wenn da die Panzer entlang fuhren, von einer amerikanischen Kaserne zur anderen, sind wir die Straße runtergelaufen und haben das Victory-Zeichen gemacht. Mir ist bewusst, dass das klingt, als wäre ich 1948 aufgewachsen, wir reden hier aber eher über 1978.

Absolvent der Schweizerhof-Grundschule. Leider sind deren Schals recht hässlich, sonst würde ich einen tragen. In Berlin dauert die Grundschule in der Regel sechs Jahre. Sechs Jahre, in denen man sich im Großen und Ganzen darauf konzentrieren kann, einfach nur Kind zu sein. Ein hervorragendes System. Es gibt kein besseres. Wie soll man für ein Kind, das gerade 9 oder 10 Jahre alt ist, die erste große Lebensweiche stellen? Mit zwölf ist das schon weniger grausam. Und zwei Jahre mehr, in denen du lernen kannst, dass die Welt nicht nur aus Menschen besteht, die so ähnlich sind wie du.

Anschließend war ich auf dem Schadow-Gymnasium, wie im übrigen auch die Söhne von Willy Brandt. Allerdings habe ich sie nicht kennen gelernt, sie sind älter. Als ich dort eintraf, wurde aber immer noch erzählt, „die Brandt-Söhne“ hätten einmal „einen Tisch aus dem Fenster“ geworfen. Außerdem erinnere ich mich an einige besorgte Gespräche zwischen meinen und anderen Eltern, weil die Schadow-Schule als „Drogenschule“ galt, das war ja damals ein Riesenthema, „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ war noch relativ druckfrisch. Jüngere Schüler würden dort, so die Gerüchte, auf der Toilette von Dealern aus der Kursoberstufe „angefixt“. Davon war dann jedoch nichts zu sehen, mir ist vor der Mittelstufe nicht einmal ein Haschkeks angeboten worden.

Auf dem Schadow-Gymnasium schrieb ich meine ersten Artikel für den „Roten Turm„. Anfangs heimlich und anonym, ich steckte sie im Schutze einer Freistunde in den „RT“-Briefkasten und haute gleich wieder ab. Damals hatte mein Geltungsdrang noch nicht über meine Schüchternheit gesiegt.

Ausbildung

Wegen „Lou Grant“ und dem Watergate-Film „Die Unbestechlichen“ mit Dustin Hoffman und Robert Redford war ich überzeugt, Journalist werden zu müssen. Auf dem Foto sieht man Edward Asner als übellaunigen Lokalchef Lou Grant (mit einem Herz aus Gold, falls ich das unbedingt erwähnen muss!) im Kreise seiner Kollegen. Wenn ich es heute mit liebevoller Nostalgie betrachte, schaue ich gewissermaßen in den Abgrund meiner damaligen Naivität. Jedenfalls bewarb ich mich im Winter 1987/88, noch vorm Abi, für den 27. Lehrgang der Deutschen Journalistenschule in München (kurz DJS). Genauer gesagt: 27P mit P wie „Preußen“, weil das eine Klasse war, die vom Berliner Journalistenverband nach München geschickt wurde. Das war ja alles noch vorm Mauerfall, Kinder, damals gab es an jeder Ecke Extra-Würste für West-Berliner.

Harald Karas, erster Moderator der absolut legendären „Abendschau“ des SFB-Fernsehens, ist wahrscheinlich der Mann, dem ich meinen weiteren beruflichen Weg verdanke. Er saß in der Auswahljury für die Berliner Klasse der DJS und rettete mich. Als ein Funktionär vom Journalistenverband, der ebenfalls in der Jury saß, mich fragte, ob mir als gerade 19-Jährigem denn nicht „die nötige sittliche Reife“ fehle, um das Handwerkszeug des Journalisten zu erlernen, geriet ich in episches Stammeln. Noch heute fange ich an zu stammeln, wenn ich eigentlich genau weiß, was ich sagen will, mir dafür aber irgendwie zu fein bin. Damals wollte ich sagen: Das ist die dümmste Frage, die ich je gehört habe, schließlich haben Sie mich eingeladen, und wie soll ausgerechnet ich meine eigene sittliche Reife beurteilen, und was ist das überhaupt, Sie Narr?, aber heraus kam nur akustischer Blackout. Meine Bewerbung war im Prinzip zu Ende. Bis Harald Karas, das weiße Haar über der hohen Stirn sorgfältig zurückgekämmt, im hellblauen Anzug mit weißen Schuhen, 1A Style insgesamt, mit beispielloser Freundlichkeit zu mir sagte: „Herr Raether, Sie wollten doch vorhin was zu der Frage sagen, wie die Presse über Gewaltverbrechen berichten sollte. Vielleicht sollten Sie jetzt lieber darüber reden.“ Und das konnte ich dann auch, denn damals hatte ich dazu eine Meinung, die sich zumindest durchdacht anhörte. Danke, Harald Karas.

Mein erster gedruckter Text erschien im März 1988 im „Volksblatt Berlin“, was damals noch eine richtige Tageszeitung war. Er handelte vom englischen Schriftsteller J.G. Ballard und trug den relativ unfeuilletonistischen Titel: „Steven Spielbergs Verfilmung von ‚Reich der Sonne‘ weckt Interesse am Werk des Autors J.G. Ballard“.

Nach der Ausbildung in München war ich ein Vierteljahr Praktikant bei der „Neuen Presse“ in Coburg im tiefsten Zonenrandgebiet, wie wir damals sagten. Einmal, im Juni 1989, nahm mich jemand, den ich damals als „BWL-Fuzzi“ bezeichnet hätte, beim Trampen in seinem BMW mit und erzählte mir, in einem halben Jahr wäre die Mauer auf, und er würde jetzt schon mal Grundstücke hier an der Grenze kaufen, das würde alles bald „abgehen“. Was für ein Spinner!

Den Mauerfall erlebte ich dann während meines Praktikums bei „Brigitte“ in Hamburg. Das mit „Brigitte“ war Zufall, die Deutsche Journalistenschule, die die Praktikumsplätze vermittelte, hatte nur zwei Zeitschriftenplätze im Angebot. Ich wollte unbedingt zu einer Zeitschrift, und der andere Typ, der auch unbedingt zu einer Zeitschrift wollte, erklärte mir, er wäre älter, cooler und talentierter als ich, darum nähme er den Platz bei der „Quick“, ich könnte ja den bei der Frauenzeitschrift nehmen (leider finde ich keinen aktiven Link für eine Webseite der „Quick“). Ich fand das gut, weil die Mütter meiner Freundinnen immer „Brigitte“ gelesen hatten und ich beim Mitlesen längst den Verdacht bekommen hatte, dass diese Art von Journalismus am Ende womöglich doch besser zu mir passen würde als das, was ich in „Die Unbestechlichen“ gesehen hatte.

Danach war ich beim SFB-Hörfunk, bei der Schülersendung „Tam Tam Aktuell“, später dann ein Jahr als Ü-Wagen-Reporter bei Radio 4U, der Vorgänger-Welle von Radio Fritz. „Sie sind ein Hörfunkmensch“, war mir auf der Journalistenschule mitgeteilt worden, und tatsächlich höre ich noch heute hin wieder zumindest, ich hätte „ein Hörfunkgesicht“. Ü-Wagen war super, aber nebenbei hatte ich angefangen zu studieren, und am Ende wurde mir das alles zu viel und beschränkte mich darauf, für „Brigitte“ als freier Autor Texte für die Rubrik „Ein Mann/Eine Frau“ zu schreiben und selten in die Uni zu gehen.

Als ich dann als Austauschstudent an die Tulane University in New Orleans ging, dachte ich, alles zuvor sei Quatsch gewesen und nun warte eine akademische Karriere auf mich. Irgendwie kam ich in New Orleans als graduate student am English Department mit meinem postmodernen europäischen Geschwafel gut an, aber nach meiner Rückkehr zog mir Professor Heinz Ickstadt vom John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien an der Freien Universität Berlin völlig zurecht den Zahn, ich könnte irgendeine sinnvolle Perspektive im akademischen Bereich haben (Abschlussarbeit 1997 über „Die realistischen Romane von Philip K. Dick“).

Berufliche Stationen

Als ich 1994 aus New Orleans wiederkam, war ich komplett pleite. Dort hatte ich die erste Kredikarte meines Lebens gehabt, aber wenig Verständnis für deren tatsächliche Funktionsweise. Also schrieb ich Blindbewerbungen an alle Frauenzeitschriften, die ich kannte. Als einzige meldete sich „Für Sie“. Der damalige Chefredakteur Andreas Millies ließ mich mit einem Propellerflugzeug vom Flughafen Tempelhof einfliegen, unmittelbar nach meinem Ausstieg wurde diese Flugverbindung wegen kompletter Sinnlosigkeit gestrichen. Mich beeindruckte das alles sehr, und von da an schrubbte ich bis Anfang 1997 Texte für „Für Sie“. Darüber ein andermal mehr.

1998 ging ich für ein Jahr in die USA und bekam einen Vertrag als freier Autor mit „Brigitte“. Nach meiner Rückkehr wurde ich dort erst als Redakteur, dann als Textchef, und von 2002 bis 2005 als stellvertretender Chefredakteur. Ich kündigte, um „wieder mehr schreiben“ (was man als Autor eben so sagt, bevor man sich in sein Büro zurückzieht, um dort hinter verschlossener Tür Computer zu spielen oder Fernsehserien zu streamen). Hin und wieder bin ich in die Redaktion zurückgekehrt, mal, um Angela Wittmann als Kulturressortleiterin zu vertreten (2008-2009), mal, um bei der Verzahnung von Print- und Online-Redaktion mitzuarbeiten (2009), zuletzt, um übergangsweise mit Meike Dinklage das Ressort Zeitgeschehen zu leiten (2010).

Jetzt stehe ich in meinem Büro in Hamburg-Altona und schreibe Kolumnen und Texte vor allem für „Brigitte Woman“, „Brigitte Mom“, das „Süddeutsche Zeitung Magazin“ und „Merian“, sowie wöchentlich im Wechsel mit Alena Schröder die Sex-Kolumne „Nackte Zahlen“ auf sz-magazin.de. Meine Kriminalromane erscheinen seit 2014 im Rowohlt-Verlag.

13 Kommentare zu “Biographie

  1. Pingback: Was kommt | Drüber schreiben

  2. Hallo Herr Reather, ich hätte da mal eine Frage an Sie, da ich den Verdacht hege, Sie könnten evtl. der „kleine Bruder“ von meiner ehemaligen Schulfreundin Sabine sein. Ist das so? Das wäre super toll, denn ich habe seit 1979 nichts mehr von ihr gehört und auch keine Adresse mehr. Sie lebte zusammen mit ihren Großeltern für einige Zeit in Villingen im Schwarzwald und ging dann leider wieder nach Berlin zurück. Ihr Vater hatte sich neu verheiratet und auch ein Bruder war inzwischen angekommen.
    Falls dies auch die Geschichte Ihrer Familie ist, so würde ich mich riesig freuen, wenn Sabine das auch möchte, wenn wir wieder Kontakt bekämen.
    Ich habe Sie vor einigen Jahren in einer Fernsehsendung das erste Mal gesehen. Das Thema: Elternzeit – von der Sie mit großer Begeisterung erzählten. Nun fand ich eine Kolumne in der Brigitte women vom September 2014, die eine Freundin bei mir vergessen hatte. Also irgendwie tauchen Sie immer wieder bei mir auf, so dass ich mich nun heute entschlossen habe, einfach mal zu fragen. Falls dies alles nicht zutrifft bitte ich um Entschuldigung und wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft. Die Kolumne über Urlaubs-
    Erzählungen fand ich übrigens zutreffend – prima

    Mit freundlichen Grüßen
    Evelyn Wölfle (damals Konstanzer)

    • Liebe Evelyn Wölfle,
      nein, leider nicht. Ich bin weder der kleine Bruder, noch kenne ich einen Zweig meiner Familie, der aus Villingen zurück nach Berlin gegangen ist. Ich hör‘ mich mal um. Andererseits ist der Name „Raether“ dann doch recht häufig. Viel Glück bei der Suche und danke für die netten Worte,
      TR

  3. auweia, das kann ja heiter werden. da steht der krimischreiber mit hackebeil in meiner heimatstadt SCHWERTE AN DER RUHR und überlegt ob serientäter eventuell mal eine option ist? ich freue mich sehr auf das ergebnis der kurzgeschichte für MORD AM HELLWEG und ja – selbstredend werden wir einheimischen gut aufpassen. der rest liegt bei ihnen, ist künstlerische freiheit und versinkt möglicherweise in mord und drama. gutes gelingen…immer die richtigen wendungen und ideen und auf ein wiedersehen im september in der schwerter rohrmeisterei…p.s.: lou grand???…jaaaa!!!…sofort den vorspann im kinokopf wenn der zeitungsjunge die ausgaben in die kästen und in die pfütze schleudert! GROSSARTIG – thanks for the memory

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  5. Hallo Herr Raether
    Auch ich habe eine Frage zu einer Freundin aus HH, die evtl. Ihre Tante sein könnte. Sie heißt Maria Raether u wohnt jetzt glaube ich irgendwo bei Mannheim. Wir waren beste Freundinnen! ! Sie ist die jüngste von sechs Geschwistern. Über eine kurze Antwort freue ich mich sehr. Ach ja und mein Vater Hasso Völker war 30 Jahre bei Gruner & Jahr!

    • Liebe Frau Völker, nein, ich bedauere, aber soweit ich weiß, gibt es keine Maria unter den Raethers, mit denen ich verwandt bin; und ganz bestimmt keine Tante von mir. Aber ich hoffe, dass Sie Ihre alte Freundin vielleicht auf anderem Wege finden und die alte Verbindung wiederbeleben können. Herzlich, TR

  6. Hallo Herr Raether,
    um beim Thema „Familienangehörige suchen und finden“ zu bleiben, sind Sie sicher, dass Sie Raether heißen? Also immer, wenn ich Ihre Kolumnen in der Brigitte lese, denke ich, Sie haben meine wirren unstrukturierten Gedankengänge in verständliche Worte gefasst. So zuletzt beim Beschreiben der Vorfreude auf das FAZ-Rätsel. Ich lese eine andere Zeitung und das Rätsel ist sicher nicht so anspruchsvoll, aber das Gefühl kannte ich zu 100 %. Ihre Beiträge sind das Highlight in der Brigitte. Und nachher kauf ich mir den 3. Band Danowski…Es grüßt Sie eine Schwester im Geiste.
    Liebe Grüße,
    Christel Selzer

  7. Hallo Herr Raether, lese seit Jahren die Brigitte und Ihre Artikel. Durch Zufall sah ich die Beschreibung von „Fall Wind“. Wie sind sie auf den Namen „Adam Danowski“ gekommen? Da es mein „Maedchenname“ ist und ich aus Berlin komme, hat mich das natuerlich sehr interessiert. Bis jetzt war es mir noch nicht moeglich eines der Buecher in die Haende zu kriegen; werde es aber demnaechst nachholen.
    Viele Gruesse aus Kanada
    Brigitte Murray

    • Liebe Brigitte Murray, vielen Dank für Ihre Nachricht. Im Exposé für „Treibland“ hieß der Kommissar anders, aber die ersten Leser fanden den Namen zu süddeutsch, er sollte mehr nach Berlin klingen. Viele Freunde und Nachbarn von uns hatten, als ich in Berlin aufwuchs, vom Ursprung her polnische Nachnamen wie eben Danowski. Nach solchen Namen habe ich dann gesucht. Konkret auf Danowski bin ich gekommen durch die Schauspielerin Katja Danowski. Sie hat mir den Namen gewissermaßen geliehen. Einen schönen Mädchennamen haben Sie jedenfalls!
      Herzliche Grüße,
      Till Raether
      PS: Virtuell in die HÄnde kriegen könnten Sie eines der Danowski-Bücher in Kanada, wenn Sie sich beim deutschen iTunes-Store anmelden, oder über eine andere E-Book-Plattform.

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