Muriel Spark Joy 2: „Robinson“

Dieses Jahr lese ich alle 22 Romane von Muriel Spark (1918-2006) in chronologischer Reihenfolge und versuche, ihrer Faszination schematisch auf den Grund zu gehen. Die abgebildete und von mir ggf. zitierte Ausgabe ist die Polygon-Gesamtausgabe, Edinburgh 2017.

Titel: Robinson (1958, dt.: Robinson, Ü: Elizabeth Gilbert, Diogenes 1962)

Was passiert: Was passiert?! Das passiert: ein Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel über tausend Seemeilen entfernt von den Azoren, bei dem die meisten Insassen ums Leben kommen. Außer der Erzählerin, January (einer Witwe mit einem halbwüchsigen Sohn), Jimmie (einem holländischen Junggesellen, der auf vage Weise mit dem Besitzer der Insel verwandt ist), und Tom Wells, (einem grobschlächtiger und vertrauensunwürdiger Esoterik-Schwindler). Einsame Insel? Nicht ganz. Dort leben Robinson, ein gebildeter Eigenbrötler Anfang 50, dem die Insel gehört, und Miguel, ein kleiner Junge, um den er sich kümmert. Zwischen den Überlebenden und ihrem Gastgeber Robinson kommt es zu Spannungen, in deren Verlauf Robinson verschwindet und alle übrigen davon ausgehen müssen, einer von ihnen habe ihn ermordet.

Was ist gut: January, Mitte, Ende dreißig, ist eine wunderbare Ich-Erzählerin: sorgfältig, reflektiert, selbstkritisch,  um Kontrolle und Gelassenheit bemüht und dabei durch und durch unzuverlässig. Was von der Autorin wunderbar inszeniert wird, indem sie die Ich-Erzählerin ein Tagebuch führen lässt, das diese immer wieder heranzieht, um sich und uns davon zu überzeugen, dass sie im Vollbesitz ihrer Urteilskraft ist. Vorne im Buch ist eine gezeichnete Karte der Insel, und überhaupt hat die Insel alles, was eine solche braucht, um einerseits vertraut exotisch, merkbar fabriziert und dennoch real genug zu sein, um sich nicht einfach nur in einem Text, sondern an einem Ort zu wähnen: einsame Strände, Höhlen, einen aktiven Vulkan, dessen Lava seufzt, wenn etwas oder jemand hineinfällt, Mangos, Granatäpfel und in Robinsons Bibliothek Bücher hinter Glas. Die Dialoge und Konflikte der drei Überlebenden haben den seltsamen, staubtrockenen Humor, den Leser*’innen heute, wenn man ihn als Autor würde nachmachen wollen, für einen Betriebsunfall halten würden, weil er einerseits so dick aufgetragen und andererseits kaum zu bemerken ist, manchmal in einer Passage: der Holländer Jimmie spricht Englisch wie ein weiser Schelm, seine catch phrase ist ein wunderbar existenzialistisch gekauderwelschtes „Is so“; die Charakterstudien, die January in Gedanken an und von ihrer Verwandtschaft zu Hause in London betreibt, sind liebevoll karikierend, aber auch merkwürdig mechanisch.
Dennoch, vor allem und noch mal die Stimme und die dadurch entstehende Person der Hauptfigur: eine in wenigen Sätzen volllebendige Frau, der die sie umgebenden Männer nichts entgegenzusetzen haben als formelhaftes Verhalten. Eine Ich-Erzählerin, die sich selbst auf eine Art und Weise psychologisiert, die einem als Leser*in immer wieder klar macht, dass wir nichts über sie wissen, aber gerne würden (siehe den unten abgebildeten letzten Absatz, indem sie uns noch einmal an der Nase herumführt, und zugleich ein perfektes Psychogramm des Erwachsenseins in zwei Wörtern anbietet).
Sehr gut außerdem, wie January der Katze Bluebell Ping-Pong beibringt.  Weiterlesen

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Muriel Spark Joy 1: „The Comforters“

Zum Geburtstag habe ich mir von meiner Familie und meinen Freund*innen die Gesamtausgabe der Romane von Muriel Spark gewünscht. Spark war eine schottische Autorin, die voriges Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, also bin ich in etwa halb so alt wie sie. Sie galt eine Weile als eine der bedeutenden Autor*innen des 20. Jahrhunderts, aber in Deutschland ist sie, obwohl Diogenes sich immer voller Hingabe um sie gekümmert und ihr schöne Ausgaben beschert hat, etwas in Vergessenheit geraten. Im Laufe der nächsten Monate möchte ich erklären, was ich so wunderbar an ihr finde, und warum sie mich so dermaßen begeistert seit zwei, drei Jahren. Und zwar nicht im Rahmen eines oder zweier großer, emotionaler und tief in den Text einsteigender Essays, wie ich es hier vor ein paar Jahren mit Elena Ferrante und ihrem Neapolitischen Quartett gemacht habe, bevor es endlich in Deutschland erschien. Sondern eher in Form ganz kurzer, schematischer Bewertungen (in der Form hat mich der Blog von Frank Böhmert dazu inspiriert, den ich aber leide gerade nicht mehr finde). Ich lese die 22 Romane, von denen ich bisher nur eine handvoll kenne, in chronologischer Reihenfolge, und gebe danach hier jeweils einen Mini-Überblick.

Titel: The Comforters (dt.: Die Tröster, Ü: Peter Naujack, Diogenes 1963)
Erscheinungsjahr: 1957

Was passiert: Eine junge Frau glaubt, in einem Roman zu leben, den sie gerade schreibt oder schreiben müsste. Die Großmutter ihres Ex-Verlobten leitet einen Schmugglerring, verschiedene tatsächliche oder Möchtegern-Mitglieder der englischen Oberschicht haben wirre sexuelle oder platonische Beziehungen, die spirituelle Erweckung der Hauptfigur führt zur Konfrontation mit einer toxischen Haushälterin.

Was ist gut: Die Figuren nehmen, was ihnen widerfährt und wie sie sind, mit einem merkwürdigen Stoizismus. Man weiß nicht (und sie wissen es wohl selbst nicht), ob ihr Hadern mit Glaubens-, Lebens- und Liebesfragen Zeitvertreib oder existenziell ist, und was wäre überhaupt der Unterschied? In der Mitte der Handlung verschwinden zwei Hauptfiguren wie durch eine Falltür, es gibt merkwürdige Wirrungen zwischen namensähnlichen Personen, die soziale Komödie liest sich wie P.G. Wodehouse auf Kokain. Schmuggelware wird in Gegenständen versteckt, es gibt eine Autoverfolgungsjagd, niemand im oder am Buch ist an der Metapher „Krankheit als Metapher“ interessiert, obwohl die Hauptfigur „mad“ oder „neurotic“ sein könnte.

Was ist nicht so gut: Wenn man noch nichts von Spark gelesen hat, könnte man denken: Was soll dieser wirre Kram. Sicher nicht ideal zum Einstieg, es sei denn, man hat eine Schwäche für die englischen Kriminalromane der Dreißiger Jahre oder für Alfred Hitchcocks Filme aus seiner englischen Zeit („Die 39 Stufen“ wäre hier eine Schnittmenge). Sparks Text ist mit einer seltsam nostalgischen Patina überzogen, die sich 1957 wie heute ein Achtziger-Jahre-Roman gelesen haben muss, und die ihn heute verführerisch ort- und zeitlos macht.

Was lernen wir über Muriel Spark: Das erste Buch einer 39-Jährigen, die eine zeitlang eine der meistverkauften Autor*innen Europas war, wirkt herrlich zusammengehauen und finster entschlossen zugleich: eine Autorin, der einerseits vieles egal ist, und die andererseits stur genug ist, um viele seltsame Entscheidungen zu treffen und durchzuhalten. Nach „The Comforters“ stellt man sie sich recht mutig und autark vor. Eine Autorin, von deren Erzählstimme man sich trösten lassen kann.

M*S*J: 8/10

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So betritt man die Bühne der Weltliteratur: „Grandmother, I adore white bread and I have no fads.“ Der Anfang von The Comforters, 1957