Muriel Spark Joy 8: „The Mandelbaum Gate“

Zurzeit lese ich alle 22 Romane von Muriel Spark (1918-2006) in chronologischer Reihenfolge und versuche, ihrer Faszination auf den Grund zu gehen. Die abgebildete und von mir ggf. zitierte Ausgabe ist die Polygon-Gesamtausgabe, Edinburgh 2017.

Vor gut einem Jahr hatte ich den Mut, Hanna Engelmeier und Kathrin Passig ein Thema vorzuschlagen für ihre Veranstaltung „Super Duper“, die im Juni 2020 in Berlin stattfinden sollte (Corona-Imperfekt). Bei „Super Duper“ sollte es (und soll es, 2021!) darum gehen, wie es ist, warum es ist und was es ist, wenn man Dinge besonders super findet: also eine im weitesten Sinne kulturwissenschaftliche Veranstaltung für Fachleute und Laien über die positive Seite von Kritik. Das Thema, das ich Hanna mailte, lautete so in etwa: Der Zauber, Dinge, die man ganz toll findet, nicht zuende zu schauen, nicht zuende zu lesen, und, wenn es sich um Musik handelt, vielleicht nicht einmal zuende zu hören.

Ich habe dieses Phänomen bei mir schon recht oft erlebt. „Crazy Ex-Girlfriend“ mit Rachel Bloom ist die mir psychologisch und von der künstlerischen Ambition (Song-Parodien, billige Kulissen, jede Menge Füll-Subplots und idealisierte Zwischenmenschlichkeit) allerliebste Fernsehserie. Ich habe sie mehrfach gesehen, aber nie bis zum Ende. Ich habe „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust mit fasziniertem Abscheu und großer Begeisterung selbst über die wirrsten Monologe hinweg nicht aus der Hand legen können. Aber etwa zur Hälfte des siebten Bandes, mitten in seinen verstiegensten Spekulationen über ein völlig bizarr ausgedachtes Männerbordell, habe ich es aus der Hand gelegt und nicht wieder aufgeschlagen. Ich habe Kurosawas „Die sieben Samurai“ nie zuende geschaut, obwohl mich noch die ereignislosesten Szenen interessieren wie nichts anderes.

In meinem Themenvorschlag habe ich ein paar Thesen dazu fantasiert. Naheliegend ist die Vermutung, man würde sich etwas aufheben wollen, sich das Gefühl bewahren, dieses geliebte kulturelle Artefakt wäre eben noch nicht zuende, man hätte noch Vorrat vom Guten, für dunkle, noch dunklere Stunden.
Und schlägt man durchs nicht Beenden nicht auch der kapitalistischen Verwertungslogik von Kultur ein Schnippchen, und sei es nur symbolisch? Wenn etwas zuende ist, brauche ich etwas Neues; wenn ich es nicht beende, habe ich ewig davon. Vielleicht ist es aber sogar so etwas wie ein Eingriff der Konsumierenden in die scheinbare künstlerische Autonomie: Indem ich „Crazy Ex-Girlfriend“, „Die sieben Samurai“ und „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ nicht beende, verhindere ich, was mich betrifft, dass Bloom, Kurosawa und Proust ihre Vision vollenden können, ich behalte sozusagen in meinem Kopf die Macht über ihr Projekt. Wie gesagt, Thesen. Ich hoffe so, dass „Super Duper“ stattfindet, damit ich endlich lerne, eine digitale Präsentation zu machen und wieder klar zu denken.

„The Mandelbaum Gate“ von Muriel Spark habe ich nicht zuende gelesen. Es ist das bisher schönste und überraschenste Buch, das ich von ihr gelesen habe. Müsste ich nicht eigentlich danach gieren, die letzten 40 Seiten auch noch zu verschlingen?
Der Roman ist mit fast 380 Seiten erstaunlich lang, etwa so lang wie „The Prime of Miss Jean Brodie“, „The Girls of Slender Means“ und „The Bachelors“ zusammen. Sie schrieb ihn 1964 in dem Büro, das der Chefredakteur des „New Yorker“ ihr in der Redaktion eingerichtet hatte. Im „New York“ erschien Sparks Klassiker „The Prime of Miss Jean Brodie“ zuerst, und Wallace Shawn hatte daraufhin die Idee, Sparks einen Platz in der Redaktion anzubieten. Sie ließ ihren Büroraum (im Gegensatz zu allen anderen) erstmal in leuchtenden Farben streichen, pflegte einen freundschaftlich-distanzierten Umgang zu den anderen beim „New Yorker“ und, so erzählt ihr Biograf und Freund Alan Taylor in einer typisch paradoxen und doch sofort verständlichen, fast Sparkschen Formulierung: Sie ging auf viele Partys und sagte sehr viele ab.
Und, auch das eine Information von Taylor in einem Gespräch mit Ali Smith, Spark nahm sich ausdrücklich vor, einen langen Roman zu schreiben, weil sie nicht den Eindruck entstehen lassen wollte, sie könnte nur kurze schreiben. Wenn man gesehen hat, wie unfassbar pragmatisch Spark über ihr Schreiben spricht (in diesem Video, auf das mich, damit Kreise sich schließen, nicht zuletzt Hanna Engelmeier aufmerksam gemacht hat), dann glaube ich sofort, dass sie sich eines Tages mit den Worten hingesetzt hat: Nun schreibe ich also einen langen Roman, bis später.

Das Ergebnis ist für mich kaum begreiflich. Fast alle anderen Romane Sparks leben von der Verdichtung: dadurch, wie knapp Spark Figuren und Situationen beschreibt, und wie kurz und schlüssig sie Schlussfolgerungen formuliert, denen man folgen kann oder nicht, entsteht eine wunderbare Härte, die eher handwerklich als emotional ist. Was passiert nun, wenn Spark sich 380 Seiten für eine Geschichte lässt, die sie voriges Jahr auf 110 erzählt hätte? Fluffy Spark, ist es denkbar?

Titel: The Mandelbaum Gate (1965, dt.: Das Mandelbaum-Tor, Ü: Hans Wollschläger, Rowohlt, 1967)

Was passiert: Freddy, ein etwas planloser und sich selbst überschätzender mittelalter Mitarbeiter des britischen Konsulats in Jerusalem gerät in oder verursacht eine Eskalation, als er sich in die Pläne einer zum Katholizismus konvertierten Pilgerin einmischt, die zu den christlichen Stätten in Jordanien reisen möchte. Das Mandelbaum-Tor ist zu jener Zeit, Anfang der Sechziger, der Grenzübergang zwischen dem israelischen Teil und dem jordanischen Teil von Jerusalem. Fred, der Konsulatsangestellte, durchquert es regelmäßig, weil er jedes Wochenende seine weltfremden englischen Freunde in Jordanien besucht. Barbara, die Pilgerin, muss allerdings verschleiern, dass sie aus einer jüdischen Familie stammt, die jordanischen Behörden würden sie sonst sofort verhaften. Mit Hilfe des weltläufigen arabischen Geschäftsmannes Joe Ramdez und dessen kluger Tochter Suzi gelingt es Freddy, Barbara durch Jordanien zu schmuggeln und sie dennoch in Gefahr zu bringen, einen Spionagering auffliegen zu lassen und durch seine Begeisterung für dieses absorbierende Abenteuer in seiner Heimat London einen Mord zu verursachen oder nicht zu verhindern. Barbara, die Pilgerin, wartet derweil auf einen Bescheid aus Rom, denn nur, wenn die geschiedene Ehe ihres Verlobten, Archäologe in Jordanien, vom hl. Stuhl annulliert wird, kann sie ihn heiraten. Pläne, von denen ihre Chefin und Freundin Ricky daheim in England nichts weiß, die aber durch eine Indiskretion Freddys auffliegen, weshalb Ricky ebenfalls in Jerusalem, Jordanien und Palästina auftaucht. Jesus, möchte man ausrufen. Und all das ist chronologisch kunstvoll ineinander vorschoben: die erzählte Zeit bewegt sich vor und zurück, sie überlagert sich, ohne, dass auch nur eine Zeile lang Verwirrung entsteht.

Was ist gut: Es ist banal, aber tatsächlich haben die Figuren viel mehr Raum zum Atmen als sonst bei Spark. Den Platz nutzen sie tatsächlich für sehr viel Körperliches: Sie haben Schmerzen und sind krank, sie trinken und essen, sie haben Sex und leiden unter der Hitze, und Spark lässt ihnen dabei Zeit, statt derlei körperliche Tätigkeiten und Empfindungen nur hier und da als einzelne Vignetten aufblitzen zu lassen, wie sie es sonst tut. Dies gibt den Figuren eine Lebendigkeit, die ihre spirituellen Herausforderungen und Questen menschlicher, nahbarer erscheinen lässt: Die Grenze, die das Mandelbaum-Tor im Titel symbolisiert und markiert, ist ein wichtiges Thema, denn Barbara ringt mit einer spirituellen Abgrenzung oder Vereinbarung ihrer jüdischen Familientradition und ihrer katholischen Sehnsucht; andere Figuren verhandeln vor dem Hintergrund jahrtausende- oder jahrhundertealter Traditionen ihren modernen islamischen Glauben oder ihr Judentum, ohne, würde ich sagen, dass Spark je in religiöse oder kulturelle Stereotype verfällt oder gar rassistische Klischees bedient. Das überlässt sie dem etwas zu naiven und spirituell hohlen Freddy, der hin und wieder hochproblematische Phrasen wiederkäut, Momente, in denen dann aber aus Sparks Sicht und in ihrer Darstellung eher das britische Foreign Office aus ihm zu sprechen scheint und weniger das selbst in Freddys Alter noch formbare Individuum. Gabriel Josipovici schreibt in seinem Vorwort zur Polygon-Ausgabe des Romans von den „reservations“, also Vorbehalten, die Spark gegenüber ihren Figuren behält. Das finde ich eine sehr gelungene Formulierung, denn man kann Leser*innen Figuren schaffen, deren Erlebnissen, Empfindungen und Gedanken sie gerne folgen, ohne, dass man sich ihnen als „Identifikationsfiguren“ verschreiben muss.
Bei der spirituellen und kulturellen Ernsthaftigkeit hat das Buch etwas ganz Leichtes: Spark hat offensichtlich eine große Liebe zur Landschaft Palästinas, Jordaniens und Israels, sie führt einen mühelos durch die Topographie, sie kann die Wüste und ihre Vegetation mit ebenso wenigen Strichen plastisch machen wie boarding rooms in der Londoner Peripherie oder Esszimmer in heruntergekommenen Herrenhäusern in ihren anderen Romanen. Eine lange Sequenz in einer Art besetztem Haus, in dem arabische Jungendliche feiern, wohnen und diskutieren, gehört zum Schönsten, was ich von ihr gelesen habe. Auch die Hitze liegt ihr als schreiberisches Element: ihre sonst so klare Sprache kriegt hier immer wieder was Flirrendes, Dialoge und Situationen bewegen sich wie die Luft über heißem Asphalt. Außerdem gibt es zwei oder drei sehr schöne und überraschende Sex-Paarungen. Spark hat überhaupt ein liebevolles und unaufgeregtes Interesse an Sex als Text, das ich hier besonders sympathisch und liebenswert finde (Spoiler: Es ist nicht immer so bei ihr, „Not to Be Disturbed“, einige Jahre später, ist in der Hinsicht leider genau das, disturbing).
Wenn man so will, ist Barbara, Lehrerin an einer Mädchenschule in England, sowas wie die antifaschistische Miss Brodie: ebenso festgesetzt in ihren äußeren Lebensumständen, aber statt von Personenkult und Intrige fasziniert zu sein wie Miss Brodie, ist sie auf der Suche nach ganz modernen Kompliziertheiten wie Nähe und Distanz und einer Selbstverwirklichung, die nicht auf Kosten anderer geht.
Und, nicht zuletzt: Es ist ein Spionageroman, der das Genre ernst nimmt, ohne auf seine Schwachstellen reinzufallen.

Was ist nicht so gut: Ich liebe wirklich alles an diesem Buch, und ich glaube, ich lebe unter dem Eindruck, dieses Gefühl hielte umso länger an, je länger ich das Buch nicht zuende lese. Vielleicht ist es aber auch Erschöpfung, und das Buch ist genau 40 Seiten zu lang? So, als wäre man zulange in der gleißenden Sonne unterwegs gewesen?

Was lernen wir über Muriel Spark: Sie konnte auch lange Romane schreiben.

M*S*J: 10/10

Muriel Spark Joy 7: „The Girls of Slender Means“

Zurzeit lese ich alle 22 Romane von Muriel Spark (1918-2006) in chronologischer Reihenfolge und versuche, ihrer Faszination auf den Grund zu gehen. Die abgebildete und von mir ggf. zitierte Ausgabe ist die Polygon-Gesamtausgabe, Edinburgh 2017.

Titel: The Girls of Slender Means (1963, dt.: Mädchen mit begrenzten Möglichkeiten, Ü: Kyra Stromberg, Rowohlt, 1964)

Was passiert: Der Roman spielt Ende des zweiten Weltkrieges im London der deutschen Bombenangriffe. Spark erzählt die miteinander verschränkten Geschichten einiger Bewohnerinnen eines zwar vornehmen, aber ärmlichen boarding house für ledige Frauen aus „guten Familien“, die gezwungen sind, in London zu arbeiten.

Was ist gut: Eine Kontroverse, die Spark in unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder erwähnt, ist die Farbe, in der der Aufenthaltsraum neu tapeziert worden ist: ein unattraktives Braun, das erst einige Jahre später modern werden wird. Spark zieht dieses an sich unwichtige Detail durch den gesamten Text wie einen running gag, und nach einer Weile erkennt man die Methode: scheinbar besteht das ganze Buch aus einander überlagernden, wiederkehrenden Scherzen der Autorin auf Kosten ihrer Figuren. Da ist das hohle, aber gestelzte Lebenshilfe- und Selbstoptimierungs-Mantra, das die schöne Selina sich jeden Morgen vorspricht, und das sie den anderen „Mädchen“ beibringt; da sind die Verse der Aussprache- und Betonungslehrerin Eleanor, die von Spark wie Bruchstücke eines antiken Chortextes immer wieder in den Text eingeflochten werden; da ist die wiederkehrende Begründung der ambitionierten Heldin Jane für ihre Fressattacken, sie verrichte nun einmal „brain work“.
Dieses Wiederkehrende der Elemente gibt dem Text eine mitreißende, fließende Struktur, und zugleich eine Heiterkeit und Geborgenheit: die Farbe der Wände mag schrecklich sein, aber es sind, sagt Spark den Leser*innen, auch eure Wände; die Verse und Mantras mögen unpassend und hilflos, schon aus der damaligen Zeit gefallen sein, aber sie sind das, woran die „Mädchen“ sich halten, warum also nicht für kaum 120 Seiten auch wir? Es entsteht auf engem Textraum also eine bemerkenswerte Vertrautheit und Nähe, und das, obwohl Spark wie immer auf Distanz zu ihren Figuren bleibt: Sie schwebt über ihnen, statt in sie zu kriechen. Während sie dies tut, entwickelt sie aber, anders, als in ihren bisherigen sechs Büchern, einen einfachen, aber raffinierten Plot, der in einem spektakulär konventionellen Knalleffekt kulminiert. Danach folgt eine Coda über das Kriegsende, ein Zeitbild und eine Offenbarung über die Welt und das Leben in ein paar wenigen, bemerkenswerten Szenen über die Bekanntgabe des Kriegsendes. Es ist das erste Buch von Spark in dieser Reihenfolge, bei dem ich am Ende nicht fasziniert denke, was war das? was sollte das? was habe ich da gerade gelesen?, sondern bei dem ich einen Aha- oder besser gesagt einen Ach-du-Scheiße-Effekt verspürt habe. Vielleicht fange ich mit diesem siebten Buch an, Sparkisch zu verstehen; vielleicht lässt sich Spark hier aber zum ersten Mal auch ganz absichtlich in ihre Empathie und ihre frustrierte Menschenliebe schauen.

Was ist nicht so gut: Die Hauptfigur Jane isst sehr viel und bewegt sich als einzige in literarischen Kreisen. Was das erste angeht, vermeidet Spark jedes Bodyshaming, und sie beschreibt den Heißhunger ihrer Figur mit einer Lebensfreude, die mir sehr gefällt. Im Laufe des Buches aber macht sie sich immer mehr über den Ehrgeiz ihrer Figur lustig, und in einem ihrer typischen Vorausgriffe auf das spätere Leben der Figuren grenzt das im Falle von Jane an Gemeinheit (tatsächlich habe ich zum ersten Mal in meinem Leben „gemein“ an den Rand eines Romans Passage geschrieben):

It was not till Jane had reached the apex of her career as a reporter and interviewer for the largest women’s journals that she found her right role in life, while still incorrectly subscribing to a belief that she was capable of thought – indeed, was demonstrating a capacity for it.

Es ist das Wort „incorrectly“, das Spark sonst nicht passiert, und dass dieses kleine Detail einer Charakterskizze vom Spöttischen ins Boshafte oder Gemeine drückt. Oder vielleicht mag ich es auch einfach nicht, wenn selbst meine liebsten Autor*innen Witze über Frauenzeitschriften-Reporter*innen machen.

Was lernen wir über Muriel Spark: Auf mich wirkt „The Girls of Slender Means“ wie das Werk einer Autorin, die nun über sieben Romane eine Form und eine Sprache vervollkommnet hat, und die sich am Ende fragt: Und nun? So erkläre ich mir das ungewohnte Ausgreifende, fast Allegorische des Textes am Ende, und auch die Wärme, die das Buch durchzieht. Der Roman wirkt in dieser Hinsicht auf mich wie eine geplante Abwechslung nach der Kaltblütigkeit von „The Prime of Miss Jean Brodie“, und die Autorin am Ende wie eine, die sich über sich selber wundert. Aber dafür muss man es lesen, bis zum letzten Satz, der so umfassend und versöhnlich ist wie keiner bis hierhin bei Muriel Spark.

M*S*J: 10/10

„Die große Schwester“: Meine zweite Begegnung mit dem Buch von Christiane F.

Für 54books.de habe ich darüber geschrieben, wie ich nach vierzig Jahren noch einmal „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ von Christiane F. gelesen habe, ein Buch, das mich 1980 oder 1981 tief beeindruckt und mein Weltbild geprägt hat.

Ich erinnere mich, dass ich das Buch heimlich las. Ich hatte keine realistische Vorstellung von Sexualität, geschweige denn davon, dass es beinahe Gleichaltrige gab, die für Geld oder Heroin Sex mit Erwachsenen in Autos, auf Toiletten oder in Pensionszimmern auf Beistellbetten hatten (also, was niemand damals so nannte: systematisch vergewaltigt wurden). Drogen waren 1980 oder ‘81 ein permanentes Hintergrundrauschen. Der Alltagsdiskurs der Bundesrepublik und West-Berlins war nahtlos übergegangen von „aber die Terroristen“ zu „aber die Drogen“. Auf meinem Schulweg las ich mit Begeisterung die in den Händlerschürzen ausgestellten Titelseiten von Bild und BZ, auf denen von besonders jungen Drogentoten berichtet wurde. Mit Fotos, die in ihrer Ikonographie ganz ähnlich den Terror-Fahndungsplakaten waren: junge Menschen, gejagt oder betrauert mit gerasterten Fotos aus Personalausweisen, Polizeiakten oder Bewerbungsschreiben. An meiner Grundschule gab es einen Elternabend zum Thema weiterführende Schulen, und danach berichtete meine Mutter der Nachbarin Frau Hundt: Über die Schadow-Schule hinterm S-Bahnhof gäbe es das Gerücht, das sei eine „Drogenschule“. Auf den Toiletten würden Kinder aus den unteren Klassen „von Oberstüflern angefixt“. Man bekäme also gegen seinen Willen eine Heroinspritze und sei dann sofort süchtig …

Heute ist die Lektüre des Buches, das mir durch die Trennung meiner Eltern half, auf andere Weise erschütternd als damals. Den ganzen, langen Text könnt Ihr auf 54book.de lesen.

„Immer im Lockdown“: Eingesperrt mit Shirley Jackson

IMG_20200408_231158697Vor drei Wochen durfte ich bei www.54books.de über Shirley Jackson schreiben, eine US-amerikanische Autorin der späten Vierziger bis frühen Sechziger Jahre, die mich seit zweieinhalb Jahren sehr beschäftigt:

„Kein lebender Organismus wird lange gedeihen“, beginnt Jackson Spuk in Hill House, „wenn er sich immer nur in der reinen Wirklichkeit aufhalten muss. Sogar Lerchen und Heuschrecken wird von manchen nachgesagt, dass sie träumen.“ Diese in parodistisch professoralem Ton vorgetragene Weisheit ist so etwas wie die Vertragsvorlage von Jackson an ihre Leser*innen: Kommt rein, aber erwartet hier keinen Realismus, sondern träumt wie die Lerchen und die Heuschrecken. Diese Erlaubnis und diese Einsicht in die Notwendigkeit, sich auf die Dauer nicht nur in der so genannten Wirklichkeit aufhalten zu können, macht Jackson zur womöglich idealen Begleiterin in Lockdown-Tagen, während derer man hin und wieder eine Kontaktsperre mit der Realität braucht. Ein solche situative Leseempfehlung bedeutet aber natürlich auch, Shirley Jackson auf die Brauchbarkeit für eine Gegenwart und auf ein paar wenige Aspekte ihres Werkes zu reduzieren. In Wahrheit ist sie immer die richtige Autorin, für jede Gegenwart, mit oder oder Corona. Das liegt daran, dass in Jacksons Texten immer Lockdown ist, für sie ist social distancing die einzige Verhaltensweise, um in einem feindlichen Universum zu überleben und zu navigieren. Das Bedürfnis nach Selbst-Isolation ist die Default-Einstellung ihrer Figuren.

Den ganzen Text lest Ihr hier: www.54books.de/immer-im-lockdown-warum-shirley-jackson-die-autorin-der-stunde-ist/

Vielleicht doch besser als Einführung zu Jackson finde ich folgenden Text von Marcel Inhoff [in englischer Sprache] über Shirley Jacksons Roman „Hangsaman“: shigekuni.wordpress.com/2017/10/28/shirley-jackson-hangsaman/

Muriel Spark Joy 6: „The Prime of Miss Jean Brodie“

Zurzeit lese ich alle 22 Romane von Muriel Spark (1918-2006) in chronologischer Reihenfolge und versuche, ihrer Faszination auf den Grund zu gehen. Die abgebildete und von mir ggf. zitierte Ausgabe ist die Polygon-Gesamtausgabe, Edinburgh 2017.

Titel: The Prime of Miss Jean Brodie (1961, dt.: Die Lehrerin/Die Blütezeit der Miss Jean Brodie, Ü: Peter Naujacks, Diogenes 1961/Andrea Ott, Diogenes 2018)

Was passiert: In dem Sinne, dass Melvilles „Moby Dick“ davon handelt, dass ein Matrose an Bord eines ehrgeizigen, aber letzten Endes erfolglosen alten Walfängers anheuert, handelt dieses Buch davon, dass eine Lehrerin eine Reihe Schülerinnen in ihren Bann zieht, sie besonders fördert, psychologisch missbraucht und am Ende von einer von ihnen verraten wird. Weil diese Miss Jean Brodie, mit ihrem Hang zu Drama und Romantik, die Schülerinnen in ihr Liebesleben und ihre Auseinandersetzungen mit der Schulleitungen verwickelt, hat sie eine prägende Wirkung auf die Mädchen, deren Leben wie das von Jean Brodie auf kaum 130 Seiten in Vor- und Rückblenden ineinander verschränkt erzählt werden. Auf anderen Ebenen handelt das Buch womöglich vom Faschismus (Jean Brodie ist fasziniert von Benito Mussolini und wird gegen Ende des Buches von einer ihrer Schülerinnen als geborene Faschistin bezeichnet), von Verrat und Moral, und davon, ob und wie ein Leben gelingen oder misslingen kann, sobald man anfängt, derlei Kategorien an ein eigenes Leben oder das von anderen anzulegen. Das Buch spielt im Edingburgh der Dreißigerjahre, an einer Schule, die inspiriert ist von der, die Muriel Spark dort besuchte, und an der sie zwei Jahre lang eine Lehrerin hatte, die sie ähnlich beeindruckte, wie Jean Brodie ihre Schülerinnen.
Und davon abgesehen: Das Buch handelt von Grenzen, von Nähe und Distanz, vom Abstand zwischen Menschen.

Was ist gut: Ehrlich gesagt ist mir unklar, weshalb dieses Buch Sparks größter Erfolg ist, ihr einer Klassiker, nach Guardian-Liste einer der 100 besten Romane aller Zeiten, ein Theatererfolg mit Vanessa Redgrave und ein Filmklassiker mit Maggie Smith. Ich meine, mit all dem bin ich mehr als einverstanden. Aber warum dieses Buch? Weiterlesen

Muriel Spark Joy 5: „The Bachelors“

img_20200229_190520757Zurzeit lese ich alle 22 Romane von Muriel Spark (1918-2006) in chronologischer Reihenfolge und versuche, ihrer Faszination auf den Grund zu gehen. Die abgebildete und von mir ggf. zitierte Ausgabe ist die Polygon-Gesamtausgabe, Edinburgh 2017.

Titel: The Bachelors (1960, dt.: Junggesellen, Ü: Elisabeth Schnack, Diogenes 1961)

Was passiert: Eine Gruppe West-Londoner Junggesellen aus dem Milieu möblierter Zimmer und prekärer Angestelltenverhältnisse wird in den Betrugs- und Fälschungsfall um ein spiritualistisches Medium verwickelt, Patrick Seton. Seton soll einen Brief gefälscht haben, um Geld von einer Anhängerin zu veruntreuen, und in seinen bevorstehenden Prozess ist die eine oder andere etwas ältere Verwandte oder Bekannte der Junggesellen verwickelt. Außerdem plant Seton womöglich einen Mord. Séancen finden statt, Briefe werden entwendet und wieder aufgefunden, leutselige Polizisten mit großen Händen und breiten Schultern machen ihre Arbeit mehr schlecht als recht, ein windiger Pfarrer hat seinen Glauben verloren und ein windiger Arzt war womöglich nie einer.

Was ist gut: Ach, einfach alles. Es gibt tatsächlich eine Szene, in der einer der Junggesellen sich vor seiner Tante, die ihn zur Aussage für den Angeklagten bewegen will, in seinem Herrenclub vor ihr hinter einem Vorhang versteckt. Weiterlesen

Muriel Spark Joy 4: „The Ballad of Peckham Rye“

Zurzeit lese ich alle 22 Romane von Muriel Spark (1918-2006) in chronologischer Reihenfolge und versuche, ihrer Faszination auf den Grund zu gehen. Die abgebildete und von mir ggf. zitierte Ausgabe ist die Polygon-Gesamtausgabe, Edinburgh 2017.

Titel: The Ballad of Peckham Rye (1960, dt.: Die Ballade von Peckham Rye, Ü: Elisabeth Schnack, Diogenes 1961)

Was passiert: Der charismatische junge Nichtsnutz Dougal Douglas wird von einer mittelständischen Textilfirma im Londoner Vorort Peckham Rye als eine Art Personalberater eingestellt, um die Arbeiter*innen zu motivieren und das Betriebsklima und die Produktivität zu verbessern. Stattdessen ermutigt er sie, weniger zu arbeiten, mischt sich in das Privatleben des Führungspersonals und des ganzen Ortes ein, und verursacht Chaos, Verwirrung und Verunsicherung, wo er auftaucht. Weiterlesen