Der Horizont ist nur eine Linie

IMG_20170814_112439873Vor Jahren klingelte in den Mai-Ferien mein damals noch nicht uraltes Handy, und es war die Redaktion der Zeitschrift BYM. Wo die Kurzgeschichte zum Thema „Ein Tag am Meer“ denn bliebe, fürs Sommerheft. Ich wusste von nichts, aber das konnte allerhand Gründe haben. Also setzte ich mich hin und schrieb die Geschichte über das, was ich sah, denn ich war ja gerade am Meer, auf Mallorca. Die Geschichte erscheint hier zum ersten Mal, denn BYM wurde damals eingestellt, bevor die Kolleg*innen den Sommer mit einem Kurzgeschichten-Special feiern konnten. Schade.

 

Wenn die Eltern fragen, sagt ihr Vater: „Jelena lernt Erzieherin.“ Jelena hat sich abgewöhnt, dazu zu nicken. Im ersten Sommer hat sie angefügt: „Ich will unbedingt was mit Kinder machen.“ Im zweiten Sommer hat sie „Ja“ gesagt, im dritten genickt, jetzt schaut sie unverbindlich, aber im weitesten Sinne zuversichtlich, und fixiert dabei einen Punkt am Horizont, irgendwo hinter ihrem Vater.

Ihr Vater steht immer mit dem Rücken zum Meer, wenn er Jelena den Eltern vorstellt, die heute ihre Kinder bei ihr lassen werden. Vormittags steht die Sonne über dem Meer. Ihr Vater hat gern die Sonne im Rücken. Während er spricht, müssen die Eltern die Augen zusammenkneifen, jedenfalls die, die ihre Sonnenbrillen abgesetzt haben, um sich von ihren Kindern zu verabschieden. Die meisten behalten die Sonnenbrille auf.

Dann ist ihr Vater weg. Andere Menschen brauchen Minuten, um durch den feinen Sand den Weg zum Hotel zurückzulegen, ihr Vater verschwindet einfach. Jelena steht mit den Kindern und den Eltern da, und es entsteht jedes Mal ein unangenehmer Augenblick der Stille, während die Eltern Jelena betrachten. Sie warten darauf, dass sie anfängt, die Kinder zu animieren, damit die Eltern gehen können. Jelena malt sich aus, jetzt eine eigene kleine Rede zu halten.

Das mit der Erzieherin hat mein Vater sich ausgedacht. Alles, was ich mit Kindern zu tun habe, ist, dass ich jeden Sommer sechs Wochen lang den Tag über auf Kinder aufpasse, damit ihr ungestört die Outlet-Stores im Landesinneren abklappern könnt. Wobei: „aufpassen“ ist ein dehnbarer Begriff. Weiterlesen

Kein Laut dringt aus dem Fleischgefängnis

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Eine Gespenstergeschichte.

 

Nun soll ich also Bericht ablegen über meine Kindheit. Ich verstehe nicht, wie das dem kleinen Theo helfen soll. Rennautos hat er gemocht und Gummibärchen und sein T-Shirt, wo drauf stand „Brummi wünscht gute Fahrt“, mit einem Lastwagen in Menschengestalt. Aber ich bin alt geworden bis fast zum Tode, und vielleicht bin ich allein deshalb bereit, an meine Kindheit zu denken und von ihr zu berichten: weil sie mir, je älter ich werde, immer näher kommt. Alle sind tot, meine Mutter schon seit vielen Jahren, mein Mann ist gegangen, weil er die Eckenwesen nicht mehr ertragen konnte, im März sind es zehn Jahre, tot ist er auch.

Eckenwesen, das Wort ist von meiner Mutter. Ich war ihr ganzer Stolz. Weil ich fast alles war, was sie hatte. Sie hatte nur mich und die Eckengäste und den Kiosk im Freibad, darum waren die Winter uns lang. Als sie starb, sagte der Pfarrer: Sie war eine einfache Frau. Womit er wohl meinte, dass sie ungebildet war, keine Rücklagen hatte und nichts aus ihrem Leben gemacht.

Aber einfach? Nein. Sie war der schwierigste Mensch von allen.

Für sie gab es keinen Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit, darum sagte sie, wenn ich in meinem kratzenden Kleid am weißen Küchentisch saß und nach meinem Vater fragte: „Deinen Vater habe ich im Traum gekannt, von ihm nie wieder ein Wort.“ Und wenn ich dann fragte, woher ich käme, wenn sie ihn doch nur im Traum gekannt habe, dann schlug sie mich mit der Faust. Als ich in die Schule kam, hörte ich, dass andere Eltern mit der flachen Hand schlugen und die Lehrer auch. Meine Mutter nahm immer die Faust. Aber sie liebte mich sehr. Manchmal öffnete sie Faust danach und zeigte mir, während sie mich in den Arm nahm, dass eine Leckmuschel darin war für mich zum Trost. Weiterlesen

Geh nach Hause (und ruh dich aus)

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Als Koske nach drei Monaten zum ersten Mal wieder zur Arbeit fuhr, fragte er sich, wie die Kollegen ihn begrüßen würden. Wer würde so tun, als wäre nichts gewesen? Wer würde ihn ausfragen? Wer würde ihn meiden und wer sich freuen?
Wer würde ihn trösten?
Auf den Firmenparkplatz fiel ihm eine Mail ein, die er vor Wochen bekommen, angelesen und wieder weggeklickt hatte. Das Gelände war vergrößert worden, die Stellplätze neu verteilt, er konnte sich nicht genau erinnern. Er merkte, dass er anfing, schneller zu atmen.
Es ist nicht so schlimm, sagte er sich. Du kannst nichts dafür. Es wird nichts passieren, wenn du deinen Wagen jetzt einfach irgendwo hinstellst. Und wenn doch, dann kannst du darauf reagieren. Es ist nicht so schlimm.
Nachdem er eine Weile im Schritttempo durch die Reihen gefahren war, fand er fünf freie Stellplätze nebeneinander. Er parkte auf dem Mittleren, stellte den Motor ab und wandte sich Richtung Beifahrersitz, bis ihm einfiel, dass er seine Tasche vor drei Monaten im Büro zurückgelassen hatte. Warum hatte nie jemand angeboten, sie ihm zu bringen oder zu schicken? Koske stieg aus.

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