„Immer im Lockdown“: Eingesperrt mit Shirley Jackson

IMG_20200408_231158697Vor drei Wochen durfte ich bei www.54books.de über Shirley Jackson schreiben, eine US-amerikanische Autorin der späten Vierziger bis frühen Sechziger Jahre, die mich seit zweieinhalb Jahren sehr beschäftigt:

„Kein lebender Organismus wird lange gedeihen“, beginnt Jackson Spuk in Hill House, „wenn er sich immer nur in der reinen Wirklichkeit aufhalten muss. Sogar Lerchen und Heuschrecken wird von manchen nachgesagt, dass sie träumen.“ Diese in parodistisch professoralem Ton vorgetragene Weisheit ist so etwas wie die Vertragsvorlage von Jackson an ihre Leser*innen: Kommt rein, aber erwartet hier keinen Realismus, sondern träumt wie die Lerchen und die Heuschrecken. Diese Erlaubnis und diese Einsicht in die Notwendigkeit, sich auf die Dauer nicht nur in der so genannten Wirklichkeit aufhalten zu können, macht Jackson zur womöglich idealen Begleiterin in Lockdown-Tagen, während derer man hin und wieder eine Kontaktsperre mit der Realität braucht. Ein solche situative Leseempfehlung bedeutet aber natürlich auch, Shirley Jackson auf die Brauchbarkeit für eine Gegenwart und auf ein paar wenige Aspekte ihres Werkes zu reduzieren. In Wahrheit ist sie immer die richtige Autorin, für jede Gegenwart, mit oder oder Corona. Das liegt daran, dass in Jacksons Texten immer Lockdown ist, für sie ist social distancing die einzige Verhaltensweise, um in einem feindlichen Universum zu überleben und zu navigieren. Das Bedürfnis nach Selbst-Isolation ist die Default-Einstellung ihrer Figuren.

Den ganzen Text lest Ihr hier: www.54books.de/immer-im-lockdown-warum-shirley-jackson-die-autorin-der-stunde-ist/

Vielleicht doch besser als Einführung zu Jackson finde ich folgenden Text von Marcel Inhoff [in englischer Sprache] über Shirley Jacksons Roman „Hangsaman“: shigekuni.wordpress.com/2017/10/28/shirley-jackson-hangsaman/

Muriel Spark Joy 6: „The Prime of Miss Jean Brodie“

Zurzeit lese ich alle 22 Romane von Muriel Spark (1918-2006) in chronologischer Reihenfolge und versuche, ihrer Faszination auf den Grund zu gehen. Die abgebildete und von mir ggf. zitierte Ausgabe ist die Polygon-Gesamtausgabe, Edinburgh 2017.

Titel: The Prime of Miss Jean Brodie (1961, dt.: Die Lehrerin/Die Blütezeit der Miss Jean Brodie, Ü: Peter Naujacks, Diogenes 1961/Andrea Ott, Diogenes 2018)

Was passiert: In dem Sinne, dass Melvilles „Moby Dick“ davon handelt, dass ein Matrose an Bord eines ehrgeizigen, aber letzten Endes erfolglosen alten Walfängers anheuert, handelt dieses Buch davon, dass eine Lehrerin eine Reihe Schülerinnen in ihren Bann zieht, sie besonders fördert, psychologisch missbraucht und am Ende von einer von ihnen verraten wird. Weil diese Miss Jean Brodie, mit ihrem Hang zu Drama und Romantik, die Schülerinnen in ihr Liebesleben und ihre Auseinandersetzungen mit der Schulleitungen verwickelt, hat sie eine prägende Wirkung auf die Mädchen, deren Leben wie das von Jean Brodie auf kaum 130 Seiten in Vor- und Rückblenden ineinander verschränkt erzählt werden. Auf anderen Ebenen handelt das Buch womöglich vom Faschismus (Jean Brodie ist fasziniert von Benito Mussolini und wird gegen Ende des Buches von einer ihrer Schülerinnen als geborene Faschistin bezeichnet), von Verrat und Moral, und davon, ob und wie ein Leben gelingen oder misslingen kann, sobald man anfängt, derlei Kategorien an ein eigenes Leben oder das von anderen anzulegen. Das Buch spielt im Edingburgh der Dreißigerjahre, an einer Schule, die inspiriert ist von der, die Muriel Spark dort besuchte, und an der sie zwei Jahre lang eine Lehrerin hatte, die sie ähnlich beeindruckte, wie Jean Brodie ihre Schülerinnen.
Und davon abgesehen: Das Buch handelt von Grenzen, von Nähe und Distanz, vom Abstand zwischen Menschen.

Was ist gut: Ehrlich gesagt ist mir unklar, weshalb dieses Buch Sparks größter Erfolg ist, ihr einer Klassiker, nach Guardian-Liste einer der 100 besten Romane aller Zeiten, ein Theatererfolg mit Vanessa Redgrave und ein Filmklassiker mit Maggie Smith. Ich meine, mit all dem bin ich mehr als einverstanden. Aber warum dieses Buch? Weiterlesen

Muriel Spark Joy 5: „The Bachelors“

img_20200229_190520757Zurzeit lese ich alle 22 Romane von Muriel Spark (1918-2006) in chronologischer Reihenfolge und versuche, ihrer Faszination auf den Grund zu gehen. Die abgebildete und von mir ggf. zitierte Ausgabe ist die Polygon-Gesamtausgabe, Edinburgh 2017.

Titel: The Bachelors (1960, dt.: Junggesellen, Ü: Elisabeth Schnack, Diogenes 1961)

Was passiert: Eine Gruppe West-Londoner Junggesellen aus dem Milieu möblierter Zimmer und prekärer Angestelltenverhältnisse wird in den Betrugs- und Fälschungsfall um ein spiritualistisches Medium verwickelt, Patrick Seton. Seton soll einen Brief gefälscht haben, um Geld von einer Anhängerin zu veruntreuen, und in seinen bevorstehenden Prozess ist die eine oder andere etwas ältere Verwandte oder Bekannte der Junggesellen verwickelt. Außerdem plant Seton womöglich einen Mord. Séancen finden statt, Briefe werden entwendet und wieder aufgefunden, leutselige Polizisten mit großen Händen und breiten Schultern machen ihre Arbeit mehr schlecht als recht, ein windiger Pfarrer hat seinen Glauben verloren und ein windiger Arzt war womöglich nie einer.

Was ist gut: Ach, einfach alles. Es gibt tatsächlich eine Szene, in der einer der Junggesellen sich vor seiner Tante, die ihn zur Aussage für den Angeklagten bewegen will, in seinem Herrenclub vor ihr hinter einem Vorhang versteckt. Weiterlesen

Muriel Spark Joy 4: „The Ballad of Peckham Rye“

Zurzeit lese ich alle 22 Romane von Muriel Spark (1918-2006) in chronologischer Reihenfolge und versuche, ihrer Faszination auf den Grund zu gehen. Die abgebildete und von mir ggf. zitierte Ausgabe ist die Polygon-Gesamtausgabe, Edinburgh 2017.

Titel: The Ballad of Peckham Rye (1960, dt.: Die Ballade von Peckham Rye, Ü: Elisabeth Schnack, Diogenes 1961)

Was passiert: Der charismatische junge Nichtsnutz Dougal Douglas wird von einer mittelständischen Textilfirma im Londoner Vorort Peckham Rye als eine Art Personalberater eingestellt, um die Arbeiter*innen zu motivieren und das Betriebsklima und die Produktivität zu verbessern. Stattdessen ermutigt er sie, weniger zu arbeiten, mischt sich in das Privatleben des Führungspersonals und des ganzen Ortes ein, und verursacht Chaos, Verwirrung und Verunsicherung, wo er auftaucht. Weiterlesen

Muriel Spark Joy 3: „Memento Mori“

Dieses Jahr lese ich alle 22 Romane von Muriel Spark (1918-2006) in chronologischer Reihenfolge und versuche, ihrer Faszination schematisch auf den Grund zu gehen. Die abgebildete und von mir ggf. zitierte Ausgabe ist die Polygon-Gesamtausgabe, Edinburgh 2017.

Titel: Memento Mori (1959, dt.: Memento Mori, Ü: Peter Naujack, 1960, Ü: Andrea Ott, 2018, beide Diogenes)

Was passiert: Einige ältere Herrschaften (und wie gut das Wort hier einmal passt) aus der Londoner Oberschicht und der verkrachten oberen Mittelklasse bekommen anonyme Anrufe, in denen sie daran erinnert werden, dass sie sterben müssen. Einige geraten darüber aus dem Häuschen und behelligen die immer unwilligeren Beamten von Scotland Yard, andere, wie die 85-jährige halbvergessene Star-Autorin Charmaine Colston, lassen die Anrufe mit amüsiertem Stoizismus über sich ergehen. Bis auf eine dieser mitteljungen, pragmatischen aber seltsam distanzierten, widerwillig verwickelten Muriel-Spark-Frauen, sind alle Protagonist*innen und Antagonist*innen in diesem Buch über siebzig, meist deutlich älter. Was sich anlässt wie ein leicht humoristisches Tüddel-Kabinett à la P.G. Wodehouse, wird bald zu einem durchaus spannenden Ringen um das Seelenheil der einen oder anderen Figur, die man dann doch ins Herz geschlossen hat, womöglich gegen den Willen der Autorin.

Was ist gut: Sparks Blick auf das Altwerden von Körpern und Geist ist unerschrocken, aber ohne Effekthascherei. Sie erwähnt das Entscheidende eher beiläufig, als dass sie gezielt berichtet und beschreibt. Die Interaktionen der Figuren sind oft leicht theatralisch und dadurch genrehaft, man wähnt sich über weite Strecken in einem gemütlichen Boulevard-Stück über alte Zausel, und merkt dann eher aus dem Augenwinkel, wie sich rund um einen die Abgründe auftun. Einen tatsächlichen Mord beschreibt sie nüchtern, als fast unausweichlich und sinnlos, er hat nichts mit den von ihr hergestellten Atmosphäre von Verunsicherung und Trittverlust zu tun. Traditionell schauerliche Umgebungen wie etwa die geriatrische Pflegestation eines viktorianischen Krankenhauses hingegen beschreibt sie als Ort der Solidarität und des liebevollen Miteinanders. Es gibt eine fantastische Schurkin,  und obwohl Spark am eigentlichen Rätsel der Handlung bald das Interesse zu verlieren scheint, auch Suspense bis zum Schluss.

Was ist nicht so gut: Ich bin mir nicht sicher, ob die Art und Weise, wie Spark sich in den unteren Schubladen der Plot-Devices bedient, karikierend, desinteressiert oder bequem ist. Jedenfalls gibt es einiges an veruntreuten Vermögen, verschwiegenen Affären, schambesetzen sexuellen Gefälligkeiten, geheimen Notizen und versteckten Briefen, und entweder, das ist besonders wunderbar, weil einem hier die Autorin mit etwas gelangweiltem Blick das Inventar des englischen Unterhaltungsromans vor die Füße kippt, oder es wirkt etwas hingeschludert. Habe mich für erstes entschieden.

Was lernen wir über Muriel Spark: Nichts. Anfangs wollte ich denken, dass sie sich in der halbbeteiligten Figur der jungen Komplott-Nichte ebenso in den Roman geschrieben hat wie in der scherzhaft größenwahnsinnig in die Zukunft gezeichneten Figur der großen alten Romanschriftstellerin Charmaine. Aber in Wahrheit denke ich, dass dies das fast ideale Beispiel eines Buches ist, in dem die Autorin nur noch in der Glattheit des Stils, den Handlungslücken und den fehlenden Linien der Charakterskizzen zu sehen ist: Anwesenheit durch Abwesenheit.

M*S*J: 9/10

Entlastungs-Podcast Folge 6: In Schreibklausur

Zu den schönsten Dingen in diesem Jahr gehört, dass Alena Schröder und ich angefangen haben, einen Podcast zu machen, und dass sie ihn immer schneidet. Mittlerweile gibt es sechs Folgen davon, eine unfassbare Erfolgsgeschichte, die innerhalb nur weniger Monate ein weltweites Podcast-Fieber ausgelöst hat, wie es sich niemand zuvor hätte träumen lassen. Aber bitte vergesst nie: Wir waren die ersten! Oder um genauer zu sein: die letzten. Aber das macht nichts, denn wir machen es für uns und für Autor*innen, die vom Schreiben leben (materiell oder seelisch oder beides), und die trotzdem zwischendurch immer mal wieder denken, ach du Scheiße, was tue ich hier eigentlich und warum und wo sind die Süßigkeiten und die Fernbedienung.

Dies hier haben wir vor drei, vier Wochen aufgenommen, in Rerik an der Ostsee, denn wir wollten der Frage nachgehen: Warum ist es eigentlich so gut, mit anderen zum Schreiben wegzufahren? Alena waren vier Tage in einem Haus an der Ostsee mit Stephan Bartels und Maike Rasch und tauschen uns hier mit ihnen in vier Tageskapiteln aus über:

– soziale Kontrolle und Prokrastination,

– To-Do-Listen und Schreibwaren,

– In-den-Arsch-tret-Lizenzen im Co-Working-Space,

– verschiedene Arten von Druck und

– das Für und Wider des Method-Schreibing.

Am Ende gibt es einen vorgelesenen Anfang, dazwischen einige Erfolge und Niederlagen. Danke fürs Zuhören!

Entlastungspodcast Folge 5: Wie es ist, wenn ein Buch erscheint

Was passiert zwischen Manuskriptabgabe und dem Erscheinen eines Buches? Wie fremd wird einem der eigene Text? Was ist Verkaufsranglistenporno und welche Art von Kritik tut am meisten weh? Und räumen eigentlich alle Autor*innen Buchläden um? Anlässlich des Erscheinens von „Unter Wasser“ sprechen Alena Schröder und ich über alles, was sich zwischen Manuskriptabgabe und Erscheinen eines Buches abspielt.