Entlastungs-Podcast Folge 2: Figuren und Klischees

Vorige Woche war ich sechs Tage in Lexow, Mecklenburg, um im dortigen Gutshaus mit meinen Kolleg*innen Isabel Bogdan, Simone Buchholz, Romy Fölck, Markus Friederici, Anja Goerz, Tatjana Kruse, Angélique Mundt und Frank Spilker nebeneinander und miteinander zu schreiben und übers Schreiben zu reden, aber auch zu kochen und zu feiern. Und zu essen und zu trinken. Und an den See zu fahren. Besonders hat mich dann gefreut, dass Alena Schröder uns am Donnerstag und Freitag besucht hat, so dass sie einen guten Teil des Publikums bei unserer Neuner-Lesung gestellt hat, und wir beide im hintersten Zimmer die 2. Folge unseres Autor*innen-Podcasts „Sexy und bodenständig“ aufnehmen konnten. Es geht um Figuren und vor allem Klischees, darum, weshalb so sie unvermeidlich sind oder scheinen, und mit welchen Tricks wir die Klischees umgehen oder eben gerade nicht, und ob ich bei Adam Danowski eigentlich immer nur über mich selber schreibe.

Podcast: Alena Schröder und ich reden übers Schreiben

Alena und ich nennen unseren Podcast „Sexy und bodenständig“, weil das eine Figurenbeschreibung ist, die uns in einem Manuskript mal besonders gut nicht gefallen hat, und über sowas wollen wir reden: Wie schreiben wir und was, und wie und was lieber nicht. Ein Entlastungs-Podcast für Autorinnen und Autoren. Übers Ringen um glaubwürdige Figuren, Prokrastination, oder (und damit fangen wir an) das Leiden am Schreiben. Dies ist die erste Folge.

Alena und ich haben ein paar Jahre lang zusammen bzw. im Wechsel die Sex-Kolumne „Nackte Zahlen“ für SZ-Magazin.de geschrieben, und ursprünglich wollten wir die mit einem Podcast begleiten. Spurenelemente davon sind noch enthalten. Aber das Thema ist unser Beruf. Alena Schröder hat die sehr lustigen und klugen „Benni-Mama“-Bücher geschrieben, die vom Leben unter Eltern handeln („Große Ärsche auf kleinen Stühlen“, „Kleine Scheißer in großen Gärten“, „Große Ärsche im Klassenzimmer“, Fischer Verlag), und zuletzt mit Nataly Bleuel und Christian Esser das sehr aktuelle und bewegende Sachbuch „Herzenssache – Organspende: Wenn der Tod Leben rettet“ (C. Bertelsmann).

Erste Worte

VolksblattMärz1988

Das war der erste Text, für den ich Geld bekommen habe, vor genau 30 Jahren erschienen in einer richtigen Zeitung, dem „Volksblatt Berlin“, ehemals „Spandauer Volksblatt“. Unverlangt eingesandt, und dann ohne irgendein Feedback von denen einfach abgedruckt (Honorar: für meine Begriffe fürstliche 50 bis 60 Mark, glaube ich). Das Dolle war, dass ich damals Zeitungen austrug, in erster Linie „Tagesspiegel“, 150 Stück, aber drei, vier „Volksblatt“ waren auch dabei, und in den Tagen, nachdem ich den Artikel (mit der Post) an die Redaktion geschickt hatte, guckte ich immer wieder morgens an der Abwurfstelle der Zeitungspakete als erstes in den Kulturteil. Denn zurückgekommen war mein Text ja nicht. Und dann plötzlich stand er da, oben links auf der ersten Kulturseite. Mit diesem unfassbaren ersten Satz. So erste Sätze werden heute gar nicht mehr geschrieben, da traut sich keiner mehr ran. Von der Headline ganz zu schweigen (nicht von mir). Vor allem das epische Präteritum. Jedenfalls klaute ich damals einem dieser Spandauer-Diaspora-Haushalte in Zehlendorf, denen ich das „Volksblatt“ in den Kasten stecken sollte, das Exemplar, und las meinen Text danach in Ruhe im Fahrradkeller. Es war neben denen, die noch kommen werden, einer meiner glücklichsten Momente im Journalismus.

(Schade für mich aus heutiger Sicht diese apologetische Haltung im Text: Klar, Science-fiction ist eigentlich Scheiße, aber Ballard ist toll. Das war unehrlich. Ich mag und mochte gerade auch die nicht so gute SF.)

 

Freier Journalismus: Durch die Brille der anderen betrachtet

Ich: Die Augenärztin sagt, die Gleitsichtbrille geht noch. Nur die die Nahsicht hat sich verändert. Darum möchte ich fürs Büro jetzt einfach nur eine Lesebrille, bitte.
Optikerin: Gleitsicht ist aber im Prinzip natürlich besser fürs Büro. Sie blicken doch sicher mal auf und reden mit einem Kollegen, und wenn Sie dann nur eine Lesebrille …
Ich: Nein.
Optikerin: Oder Sie müssen mal eben ein paar Tische weiter.
Ich: Nein.
Optikerin: Es kann ja immer mal sein, dass jemand vorbeikommt.
Ich: Also, äh … nein.
Optikerin: Wenn Sie ganz schnell zum Chef müssen.
Ich: Nein.
Optikerin: Oder angenommen, Sie haben eine Besprechung.
Ich: Ganz ehrlich … nein.
Optikerin:
Ich: Sind das Kaubonbons?
Optikerin: Das, äh … ja, nehmen Sie, bitte, um Gottes Willen, nehmen Sie!

Der Jagdinstinkt der Spielverderber

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J.D. Salinger, von einem Paparazzo auf dem Parkplatz fotografiert. Was hatten wir von diesem Foto? Was hatten wir davon, als ein Dokumentarfilm Thomas Pynchon fand und zeigte (oder auch nicht)? Was haben wir von der Enttarnung Elena Ferrantes? (Cover des Story-Zines „GAFFER!“ von F.M. Harfst, 1990)

Was wissen wir nun eigentlich zusätzlich über Elena Ferrante? Warum hat die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ den italienischen Enthüllungsjournalisten Claudio Gatti in einer ebenso aufwendigen wie kleinlichen Recherche das Pseudonym von Elena Ferrante „enttarnen“ lassen? Gatti selbst schreibt: „In einer Zeit, in der alle verzweifelt nach Ruhm und Berühmtheit streben, wollte die Person hinter Ferrante offenbar nicht bekannt werden. Aber der sensationelle Erfolg ihrer Bücher machte die Suche nach ihrer Identität praktisch unvermeidbar. Er hinterließ auch finanzielle Spuren, die für sich selbst sprechen.“ Er schreibt dies nicht vor zwei Tagen in der „FAS“ oder heute in der „FAZ“, sondern in der „New York Review of Books“. Seine Recherchen nämlich sind ein Gemeinschaftswerk im Auftrag von vier Medien in den USA, Italien, Frankreich und Deutschland. (Es ist sicher das gute Recht der „FAS“ und „FAZ“, das zu verschweigen, die „New York Review of Books“ legt es jedoch offen dar.)

Eigentlich sind das alle Hinweise, die wir haben auf die Gründe der Enttarnung: Weiterlesen

Bommel ist nachtaktiv und strebt nach Höherem

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In dieser Woche arbeite ich an neuen Buchkonzepten, das für den vierten Danowski ist fertig, aber ich weiß nicht, was als nächstes kommen soll. Deshalb erinnere ich mich an den Meerschweinchen-Krimi, den ich in der Schublade habe. Wo sonst. Im Käfig. Denn wenn dieses Biest losgelassen wird, muss die Geschichte des Tierkrimis, nun, zumindest gäbe es dann einen Tierkrimi mehr. Nur eben mit Meerschweinchen. Vor einiger Zeit habe ich schon mal das Kleintiergehege mit den Monstern unfertiger Projekte geöffnet, jetzt ist es wieder soweit: Wer sich für schlaue Nager und halbschlaue Konzeptnotizen interessiert, ist herzlich eingeladen, weiterzulesen. Stand: unbearbeitet, ca. 2011. Weiterlesen

Danowski, gefühlsecht

IMG_20160702_141716Voriges Jahr habe ich auf der Criminale in Büsum den österreichischen Thriller-Autor Bernhard Aichner kennengelernt (der euch allerspätestens seit seiner „Totenfrau“ ein Begriff ist). Es war nur eine kurze Begegnung, aber von den vielen netten, aufgeschlossenen und kollegialen Krimi-Autorinnen und -Autoren, die ich in den letzten drei Jahren getroffen habe, ist Bernhard Aichner einer der freundlichsten. Deshalb haben wir uns auch getraut ihn zu fragen, ob er für „Fallwind“ etwas sagt, das wir aufs Buch schreiben dürfen. Wie Ihr seht, hat er es getan.

Auch wenn ich erstmal kurz und trocken schlucken musste, als ich das Wort „Gefühl“ las (spätestens seit „Männergefühle“ stehe ich ein bisschen auf Kriegsfuß damit, und das ist nicht weniger geworden, seit auch bei dieser EM wieder jeder zuerst von jedem gefragt wurde, wie sich dieser Sieg oder jene Niederlage „angefühlt“ habe). ABER: Bernhard hat ja so recht. Adam Danowski, der Hauptkommissar in „Treibland“, „Blutapfel“ und jetzt „Fallwind“, ist jemand, der von seinen Gefühlen überwältigt wird. Und zwar nicht in dem Sinne, dass er heulend auf der Bordsteinkante sitzt und darauf wartet, dass ihn jemand auf den Arm nimmt (was sowieso nie passieren wird). Sondern in dem Sinne, dass er nicht mal in der Lage ist, diese Gefühle als das wahrzunehmen, was sie sind, als Angst, Überforderung oder Wut.

Ich habe Bernhard Aichner einmal gesagt, dass ich ihn bewundere für die Zielstrebigkeit und die Klarheit, mit der er seine Thriller erzählt (zuletzt „Die Schöne und der Tod“, den ich noch nicht gelesen habe), und mit der auch seine Figuren handeln, wie ich finde. Zum Beispiel Blum in „Totenfrau“ und „Totenhaus“. Für sie sind ihre Gefühle, also anfangs ihre Wut und ihre Trauer, ganz klare Handlungsanweisungen, und sie bleiben ihr wie eine Leuchtschnur, an der sie sich orientiert. Bei Adam Danowski ist es umgekehrt: Er handelt erst oder wird dazu gezwungen, und dann verwirren ihn seine Gefühle im Grunde so sehr, dass sie ihn noch mehr in Schwierigkeiten bringen. So, dass es beinahe weh tut.

Das war mir vorher nicht so klar, und deshalb freue ich mich: Nicht nur über das Kompliment, sondern auch über die Gelegenheit, nochmal anders über meine Figur nachzudenken. Ich fühle mich erkannt, und das ist schön. Danke, Bernhard!