Da geht’s lang

P1050375

Zumindest für mich. Im übertragenen Sinne: Gestern habe ich für die Fortsetzung von „Treibland“ endlich vor Ort recherchiert, und dabei sind mir ein paar Sachen klar geworden, von denen ich bis gestern, eben dort vor Ort, gar nicht wusste, wie unklar sie mir eigentlich waren. Ich kam dann mit schmutzigen Händen und Knien wieder und mit der Gewissheit: Der Abstieg bzw. der Aufstieg kann beginnen.

Anstellerige Geheimniskrämerei, dass ich jetzt nicht genau sagen mag, wo ich war und wo also der nächste Kriminalroman spielt, aber das ist so aus genau dem gleichen Aberglauben, aus dem ich auch nicht lange vorher sagen kann, wie das Buch heißen soll und warum. Jedenfalls geht’s nicht um Höhlenforscher, auch wenn das Foto in die Richtung zu gehen scheint (in Wahrheit hab ich’s gestürzt, Tageslicht nach unten, so viel zum Thema Richtung), und auch wenn mich der Höhlenforscher wegen meiner Klaustrophobie in den letzten zehn Tagen sehr beschäftigt hat.

Bei seiner Geschichte musste ich an die deutlich kleinere, für mich aber unangenehm nähere meines Freundes Jay denken, der einmal in Sibirien in einem Höhlensystem unter der Tundra in einem Schluf stecken blieb, weil sie ihm vorher gesagt hatten, kein Problem, das wäre auch für Anfänger interessant, und dann musste einer hinten drücken und einer vorne ziehen, und Jay wäre gern umgekehrt, aber das ging dann nicht mehr.

Außerdem nervt mich, dass ab einem gewissen Punkt alles, woran man denkt, zu einer Metapher fürs Schreiben wird. Lächerlich.

 

Heilige Highsmith

Highsmith_titel

I have never found other writers stimulating.“

(Patricia Highsmith: „Plotting and Writing Suspense Fiction“, p. 10)

Freitag war ich im Kino: „Die zwei Gesichter des Januars“, und ich würde sagen, der Film ist super empfehlenswert für Leute, die Kirsten Dunst am Rande der Teilnahmslosigkeit und Viggo Mortensen verwirrt über die Motivationslage seiner Figur chargieren sehen wollen, und die viel Geduld für seltsam klaustrophobische Psychodramen in griechischen 60er-Jahre-Kulissen haben. Zumindest trifft das alles auf mich zu, darum fand ich den Film gut, nicht zuletzt übrigens auch wegen des Hauptdarstellers Oscar Isaac, der den kleinkriminellen Slacker-Poeten Rydal mit einem verzückten Leuchten in den Augen spielt, das man wohl kriegt, wenn Jake Gyllenhaal für die Rolle zu teuer, zu alt und zu muskulös war. Das Beste an dem Film mit dem archaischen Titel (nennt man solche Filme als Verleih heutzutage nicht gewohnheitsmäßig „Lethal Fate“, „Greek Noir“ or „Kill Krete“?) ist aber natürlich, dass er auf dem gleichnamigen Roman von Patricia Highsmith beruht, und ich gucke mir alles an, was mit Patricia Highsmith zu tun hat (wäre ich je im Tessin, auch ihr Grab). Highsmith ist hier in diesem Büro sowas wie die Schutzheilige, oder, was besser zu ihr passen würde, wenn es das gäbe: die Bedrohungsheilige. Weiterlesen

Angst vorm Schreiben

IMG_20140416_145847

Ich war fünf Tage an der Schlei zum Schreiben, das Wetter war gut, die Landschaft auch, die Kühe sahen zumindest glücklich aus (man weiß ja nicht, wie’s drinnen bei denen wirklich ist, die sind vielleicht von Missgunst oder Hass ganz zerfressen, unterdrücken das aber 1A und lassen sich nichts anmerken, siehe Foto oben), der Kollege Bartels war mit, ich also nicht einsam, und dennoch sah ich den fünf Tagen mit Angst entgegen, und am Ende blieb eine leichte Depression zurück. Warum? Klar, ich hatte Angst vorm Schreiben.

Wenn man es ganz nüchtern, nämlich medizinisch betrachtet, dann war das Schlimmste, was mir je beim Schreiben passiert ist, eine Reizung der Sehnenscheide im Handgelenk und Unterarm, „repetitive strain injury syndrom“ nennt man das, eine Verletzung durch wiederholte Belastung. Das war am Ende von „Treibland“, am letzten Tag der Niederschrift der ersten Fassung, da wollte ich alles zu Ende bringen, und das ging dann nur noch mit einer entsprechenden Bandage aus der Apotheke. Der Schmerz hielt sich in Grenzen. Wenn ich ehrlich bin, trug ich die Bandage wie eine Trophäe.

Ein paar Mal habe ich mich durch Sachen, die ich geschrieben habe, auch lächerlich oder angreifbar oder schlicht, wie wir früher auf dem Schulhof gesagt hätten, zum Horst gemacht, und das wird mir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch das eine oder andere Mal passieren. Aber ich komm’ damit klar, ich weiß, dass mir das zwar unter Umständen eine Nacht den Schlaf raubt, aber es bringt mich nicht mehr aus der Fassung.

Außerdem bin ich beim Schreiben natürlich auch schon gescheitert, streng genommen sogar oft: weil Sachen nicht fertig oder abgelehnt wurden oder ich einfach das Interesse daran verlor und im Nachhinein feststellen musste: mein Enthusiasmus war flüchtig wie Dekoeierbedürfnis am Osterdienstag. Aber auch das: nicht so schlimm. Normal, eher.

Warum also die Angst vor der Schlei, und die Leere danach?

Die kleine Reise war dafür da, mit der Niederschrift vom zweiten Krimi im Ernst zu beginnen. Schreiben kann ich zwar auch im Büro oder auf dem Sofa, aber nicht anfangen. Zum Anfangen muss ich raus. Fremde Umgebung, neutrale Behausung. Das Gefühl, hier bleibt mir gar nichts anderes übrig, weil ich nur zum Anfangen hergekommen bin.

Trotzdem senkte sich schon am Anreisetag, an dem ich noch keine Zeile schreiben wollte, ein Schatten über mich und meine Seele. Inzwischen glaube ich, es ist die Angst vor dem Abschied. Dies wird jetzt mein fünftes Buch, und ich merke, dass es jedes Mal dasselbe war: Es gab ein wunderbares, schillerndes, ungreifbares, fanastisches und mir selbst seltsam fremdes Buch, jedes Mal, aber immer nur so lange, bis ich anfing zu schreiben. Mit jedem Satz und jeder Seite verschwindet mehr von dem Buch, wie ich es mir einmal vorgestellt habe. Meine Fantasie ist in der Hinsicht eher unkonkret, ich stelle mir immer ein Buch vor, dass eher aus Atmosphäre, Bildern, Landschaften, Geräuschen und Gerüchen besteht, aus Gedanken und Figuren, über die ich selber gern mehr wüsste. In dem Moment aber , in dem ich anfange, wird all das konkret, all das Ungreifbare und deshalb Fantastische verschwindet, denn schließlich kenne ich jedes Wort und jedes Satzzeichen auf der Seite, ich habe sie ja selbst gerade hingeschrieben. Was bleibt, ist das, was da steht. Was ich mir vorstelle, ist jedes Mal unendlich, ungreifbar, und was dann da steht, kann man lesen, und als Autor sitzt man dann davor und denkt: Okay, das kommt hin. Die Kluft zwischen einem ätherischen Bilderrausch und einigen Absätzen, die meine (gegen Ende des Arbeitstages immer laxere) handwerkliche Qualitätskontrolle passieren und nicht gelöscht werden, am Ende also stehen bleiben und den Text bzw. das Buch bilden, ist emotional dann doch sehr groß, daher der Abschiedsschmerz.

Tatsächlich bin ich auf eine Art zufrieden mit den fünf Tagen: Ich habe so viel geschrieben, wie ich wollte, und manche Szenen sind besser geworden, als ich gedacht hätte. Das klingt paradox, aber: Bei allem Abschiedsschmerz stellt man unter Umständen fest, dass man statt der herrlichen Visionen was bekommen hat, womit das nächste Jahr zu leben sogar Freude machen wird.

Nur, dass es eben plötzlich sehr konkret ist. Und wenn ich ehrlich bin, dann lebe ich eben doch gern im „Man müsste mal“, „Man könnte doch“, „Es wär’ doch super wenn“. Bevor man mit dem Schreiben anfängt, kann man sich endlos in diesem Paradies des Vagen und Wunderbaren aufhalten. In dem Moment aber, wo’s losgeht, wird plötzlich alles sehr schwarzweiß und geradezu digital, unmagisch: Es gilt immer nur noch: Ja, machen, und zwar so, oder: Nein, lassen, bei jedem Wort und jedem Satz.

Trotzdem: losgegangen ist es jetzt. Schön, wenn der Abschiedsschmerz nachlässt.

Nachtrag, 19. Juni 2014: Die Nachrufe auf Frank Schirrmacher haben mir vergegenwärtigt, dass man all das mit einem von Schirrmacher geschätzten Zitat Walter Benjamins auch sehr viel kürzer hätte sagen können: „Das Werk ist die Totenmaske der Konzeption“. Das zitiert auch Günther Jauch, dessen Nachruf darüber hinaus die Frage aufwirft, wer in Deutschland Feste veranstaltet, deren Verkleidungszwang sich nicht einmal Leute wie Jauch und Schirrmacher entziehen können, die dann gegen ihren Willen dort als Schupos verkleidet auflaufen. Rätselhaftes Land.

Geh nach Hause (und ruh dich aus)

2014-03-19-09-26-15

Als Koske nach drei Monaten zum ersten Mal wieder zur Arbeit fuhr, fragte er sich, wie die Kollegen ihn begrüßen würden. Wer würde so tun, als wäre nichts gewesen? Wer würde ihn ausfragen? Wer würde ihn meiden und wer sich freuen?
Wer würde ihn trösten?
Auf den Firmenparkplatz fiel ihm eine Mail ein, die er vor Wochen bekommen, angelesen und wieder weggeklickt hatte. Das Gelände war vergrößert worden, die Stellplätze neu verteilt, er konnte sich nicht genau erinnern. Er merkte, dass er anfing, schneller zu atmen.
Es ist nicht so schlimm, sagte er sich. Du kannst nichts dafür. Es wird nichts passieren, wenn du deinen Wagen jetzt einfach irgendwo hinstellst. Und wenn doch, dann kannst du darauf reagieren. Es ist nicht so schlimm.
Nachdem er eine Weile im Schritttempo durch die Reihen gefahren war, fand er fünf freie Stellplätze nebeneinander. Er parkte auf dem Mittleren, stellte den Motor ab und wandte sich Richtung Beifahrersitz, bis ihm einfiel, dass er seine Tasche vor drei Monaten im Büro zurückgelassen hatte. Warum hatte nie jemand angeboten, sie ihm zu bringen oder zu schicken? Koske stieg aus.

Weiterlesen

„Odette, für dich!“, oder: Wie ich mir vor einigen Jahren die Zukunft des Fernsehens vorstellte (1)

IMG_20140312_104856

Von allen Konzepten für Fernsehserien, die ich mir in diesem Jahrhundert ausgedacht habe, ist dies eines der mit Abstand am wenigsten realisierten. Also, realisiert sind alle nicht, aber bei den meisten anderen gab es wenigstens Co-AutorInnen, Gespräche mit Produzenten oder Redakteurinnen, und einmal floss sogar ein wenig Geld (Größenordnung halbes Sofa). Bei dieser Geschichte hier kann von all dem keine Rede sein, aber ich hatte 2010 ein paar schöne Abende damit. Wenn ich mir heute die ironische B-Promi-Dichte (Gülcan Kamps?!) und den Konzeptprosa-Schmus ansehe, verstehe ich auch, warum ich damals irgendeinen Wettbewerb damit verloren habe.

Man merkt jedenfalls meine unverhohlene Begeisterung für die amerikanische Detektivserie „The Rockford Files“ mit James Garner („Detektiv Rockford: Anruf genügt!“), die in Deutschland Ende der Siebziger lief, wenn meine Eltern abends weg waren. (Das Foto zeigt zwei Teile eines Rockford-Tryptichons, das ich vom Fernseher abfotografiert, vom Drogeriemarkt auf Leinwand habe ziehen lassen und dann in mein Büro gehängt habe. Links Gretchen Corbett als Jim Rockfords Anwältin Beth Davenport; rechts Rockfords Pontiac Firebird, vor dem Haus seines Vaters Rocky.)

Weiterlesen

So sieht das aus, was im „Treibland“-Klappentext „ein schwimmender Sarg“ heißt

Pestschiff

Zu dieser Abbildung muss man zwei Dinge wissen: Ich kann nicht malen, und ich wollte nicht schreiben. Das heißt, ich hatte das Manuskript zu „Treibland“ zu etwa einem Drittel fertig, und ich kam nicht weiter. Die Frage, warum man nicht weiter kommt, ist schwer zu beantwort. – Diesen Satz habe ich salbungsvoll und aus lauter Bequemlicheit dahingeschrieben, dabei ist er weder schön noch wahr: Wenn ich beim Schreiben nicht weiterkomme, dann immer deshalb, weil ich zu faul bin. Und zu faul sein heißt in dem Zusammenhang ganz einfach: Ich habe nicht die Energie, die ich aufbringen müsste, um die Probleme, die ich sehe oder erahne, lösen zu können.

Nach einem Drittel „Treibland“ wusste ich nicht mehr weiter, und es lag daran, dass mir die Stimmung entglitten war, die das Buch haben sollte. Die Kinder wollen immer malen, und damals, vor gut einem Jahr, hatten sie so eine Acrylfarben-Phase. Dafür, um so eine Phase zu haben und sie voll auszuleben, gab es alles bei Aldi auf der Sonderverkaufsfläche: Farben, Pinsel, Leinwände, eine Anleitungs-DVD (die ich nicht angeschaut habe, wie man sieht). Während die Kinder also ihre Sachen malten, beschloss ich, währenddessen die Stimmung von „Treibland“ zu malen. Um mich daran zu erinnern, wie sie eigentlich zu sein hatte. Und es passierte ein Wunder, oder zumindest etwas, worüber ich mich wunderte, und im übrigen auch die Kinder: das Bild begann, etwas Unheimliches, Dräuendes, Feindseliges auszustrahlen. „Schrecklich“, sagte das ältere Kind anerkennend.

Also stellte ich das Bild am nächsten Tag neben mich im Büro und schrieb den Rest von „Treibland“ im Schatten seiner schlechten Vibes. Manchmal funktioniert sowas: sich mit dem, was von den eigenen Kräften geblieben ist, aus der Trägheit der Problemvermeidung zu ziehen. Mit Mitteln, die einem spontan einfallen. Es gibt aber weitaus mehr Artefakte von den Nachmittagen, wo es nicht so gut funktioniert hat: leere Flaschen oder die vage Erinnerung an durch und durch sinnlose Spaziergänge.

Vor über zehn Jahren habe ich schon einmal ein Bild mit Acryl-Farben gemalt, es zeigt eine Vulkanlandschaft in der Auvergne, bzw. das, was ich davon in Rot-, Gelb- und Orangetönen vage Richtung Leinwand gebracht habe. Mein Vater malt sehr gut und sehr viel, daher fragte ich ihn damals um Rat: „Vater, sieh dieses Bild von der Vulkanlandschaft, das ich gemalt habe. Was könnte ich wohl tun, um es noch zu verbessern?“ Mein Vater nahm mir das Bild aus der Hand und betrachtete es mit einem weisen, reflektierenden Gesichtsausdruck, über den sich kein Casting-Direktor einer „Werther’s Echte“-Reklame beschwert hätte. Dann sagte er: „Übermalen.“