„Jene Anteile unserer Erfahrung, die geduckt und still sind“: Elena Ferrante lesen

Bildschirmfoto 2015-11-26 um 09.58.25

Gary Larson, „Far Side“ vom 13.08.1986, Ausriss „Oscala Star-Banner“

Vor ungefähr drei Jahren bin ich durch einen Artikel von James Wood auf die italienische Schriftstellerin Elena Ferrante aufmerksam geworden. Sie sei die Autorin einiger „bemerkenswerter, klarer, ernsthaft ehrlicher“ Romane, er nennt ihre Bücher „auf intensive, brutale Weise persönlich“, „intim und schockierend ehrlich“, „furchtlos“, ihr Schreiben kenne „keine Grenzen“, sie sei bereit, „alles bis zum radikalsten Ende zu denken und bis zum radikalsten Ursprung zurückzuführen“. Und so weiter, es ist ein langer Text. Mit vielen Adjektiven, ungewöhnlich für einen zurückhaltenden Kritiker. Und was mich vor allem interessierte: Ferrante finde ihr Material und ihre Geschichten im Alleralltäglichsten, im Eheleben, im Leben mit Kindern, in den ganz normalen Handlungen und Enttäuschungen unserer banalen Existenz. Wood zitiert Ferrante selbst mit den Worten, sie schreibe gern Geschichten, die ganz klar und ehrlich erzählt seien, „und in denen die Tatsachen des gewöhnlichen Lebens außerordentlich packend zu lesen sind“.

Ich bin alarmiert, wenn beim Preisen einer Autorin ständig das Wort „ehrlich“ fällt, denn, ganz ehrlich, Ehrlichkeit ist sicher die am meisten missverstandene und überschätzte Eigenschaft, wenn es ums Schreiben geht. Oder sagen wir: Es ist Definitionssache, und „ehrlich“ schreiben ist meist ein Synonym für entweder einen durch Kunstlosigkeit leicht bedrückenden Naturalismus, oder für Denkfaulheit, weil: Hauptsache ehrlich.

Davon aber kann bei Elena Ferrante keine Rede sein. Sie ist, das vorweg, die wunderbarste Autorin, die ich mir vorstellen kann, ihre Bücher sind Träume, die in Erfüllung gegangen sind. Alpträume, auch. Weiterlesen

Galerie

Tunnelblicke: Auf „Blutapfel“-Recherche unter der Elbe

This gallery contains 17 photos.

Vor fast genau einem Jahr war ich im Elbtunnel (mit freundlicher Unterstützung der Tunnelbehörde), und dabei entstand dieses vermutlich schlechteste Selfie aller Zeiten. Unscharf, verwackelt, doofe Perspektive, und dann noch mit diesem skeptischen Gesichtsausdruck: Ich glaube, ich mache gerade eines der schlechtesten Selfies aller Zeiten. Aber trotzdem, wann steht man schon mal mitten auf dem […]

„Treibland“ ist für den Glauser nominiert

IMG_20150317_090042_1Mein Vater hat mir zum Geburtstag diesen Schuber mit allen Kriminalromanen von Friedrich Glauser geschenkt. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Der Grund war, dass einige Tage zuvor mein Krimi „Treibland“ vom vorigen Jahr für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert wurde, denn die Autorenvereinigung Syndikat einmal im Jahr verleiht. Ich habe das erstmal durch Zufall erfahren, in der Redaktion von „Brigitte Woman“, weil meine liebe Kollegin Julia Karnick die entsprechende Pressemitteilung in ihrem Maileingang hatte und mir das so en passant erzählt: „Du fährst nach Büsum!“ Da ist nämlich Ende April im Rahmen der Criminale die Preisverleihung. Ich wusste nicht, wovon sie redet. Ich freue mich, wie wir damals in West-Berlin niemals zu sagen pflegten, urst.

Leider habe ich in den fünf Wochen seit meinem Geburtstag keine Zeit gefunden, die Glauser-Romane aus dem Diogenes-Schuber zu lesen. Erstmal möchte ich die Bücher meiner Mitnominierten lesen, von denen ich bisher nur „Die andere Hälfte der Hoffnung“ von Mechtild Borrmann kenne (ich habe ihr Buch vor der Nominierung auf Krimi-Couch.de besprochen). Zumindest gegen ihr Buch rechne ich mir schonmal nicht so große Chancen aus, es ist wirklich sehr gut.

(Der andere Grund, warum ich den Glauserschuber noch nicht gelesen habe und womöglich auch die Nominierten vor dem 30. April nicht schaffen werde, ist der, dass ich in einer Mischung aus Größenwahn, Trotz und Selbstzerstörungslust angefangen habe, Proust zu lesen. Alter, ich bin im Schuberrausch. Als das vorige Jahr vorüber war, dachte ich so: Jetzt belohnst du dich mal dafür, dass du 2014 einigermaßen über die Runden geschaukelt hast, und kaufst dir was richtig Schönes. Dann schlug sofort dieses protestantische Ding durch, dass ich am Laufen habe. Was außerordentlich ungerecht ist, denn ich bin gar nicht protestantisch, ja, ich war es nie, ich bin nicht mal ausgetreten oder sowas, aber ich bin sowas von geprägt durch dieses protestantische Milieu, in dem ich nie aufgewachsen bin: unfassbar. Also dachte ich: Ja, Belohnung ist gut, aber was mit Bildung. Klassiker lesen usw. Die Proust-Kassette ist sehr schön und kostet knapp einen Hunderter, da ist irgendwie alles dabei: Ästhetik, Belohnung, Konsum, und dann aber eben auch: Arbeit, Bildung. Ganz offen: Ich hatte mir das leichter vorgestellt. Den ersten von sieben Bänden habe ich fast geschafft, aber … ich muss ein andermal darüber berichten, wie und warum die Mischung aus Begeisterung, Langeweile, Überdruss, Ehrfurcht und Trägheit mich daran hindert, den Proust zuzuklappen und ihn für meinen Lebensabend aufzusparen.)

„Blutapfel“ auf einen Blick

Blutapfel_Baum

Passend dazu, dass ich „Blutapfel“, die Fortsetzung von „Treibland“, vor gut zwei Wochen abgegeben habe, ist das Buch jetzt auch schon auf den einschlägigen Verkaufsseiten aufgetaucht. Das Buch erscheint aber erst am 30. Mai 2015. Bis dahin ist auch noch genug zu tun, glaube ich. Um die Wartezeit ein bisschen zu verkürzen, oben schon mal sozusagen als Vorabdruck das gesamte Buch auf einen Blick.

Monster und Clowns

Im Moment bin ich dabei, meinen zweiten Krimi zu Ende zu schreiben. Also, die erste Fassung (nach dem Motto „Don’t get it right, get it written“, also Augen zu und durch). Eigentlich will ich am Wochenende damit fertig sein. Die Arbeit hat wenig Raum für anderes gelassen, außer natürlich für spät ins Büro kommen, früh nach Hause gehen und nebenbei zur Zerstreuung nochmal alle neun Staffeln der amerikanischen Version von „The Office“ anzuschauen.

Ja, ja, das Original von Ricky Gervais und Stephen Merchant ist ist genialer, unerschrockener und schon per Definition eben, nun: origineller. Aber die US-Version mit Steve Carell ist trotzdem besser. Weil sie es als einzige mir bekannte Sitcom schafft, über Hunderte von Folgen eine epische und trotzdem realistische Liebesgeschichte zu erzählen. Und die minimale aber entscheidende Entwicklung einer Hauptfigur, die als böser Clown anfängt und am Ende ein im Rahmen seiner Möglichkeiten geläuterter Clown ist. Ich weiß, wir hassen alle Clowns. Aber Steve Carell. Ich finde seinen Michael Scott (US-„Office“) die interessantere Figur, weil Ricky Gervais‘ David Brent (UK-„Office“) ein Monster ist; am Ende zwar ein ebenfalls geläutertes, aber ich habe mit Verblüffung zum zweiten Mal festgestellt, dass ich den Clown interessanter finde, weil eben nicht so naheliegend. Und außerdem, aber das ist mir erst jetzt klar geworden: Als ich mal Chef war, war ich auch eher ein Clown als ein Monster. Es dauert immer ein paar Jahre, bis sich mir meine eigene Lächerlichkeit im Nachhinein offenbart. Besser als nie.

Habe ich gesagt „Augen zu und durch“? Auch keine schöne Redewendung. Aber wenn ich gar nicht mehr weiter weiß und mir nichts mehr einfällt, dann schaue ich das hier und nehme mir vor, so zu schreiben, wie Christine Bougie hier Gitarre spielt. Es gelingt mir zwar nicht, aber Hauptsache, man hat einen Plan.

Da geht’s lang

P1050375

Zumindest für mich. Im übertragenen Sinne: Gestern habe ich für die Fortsetzung von „Treibland“ endlich vor Ort recherchiert, und dabei sind mir ein paar Sachen klar geworden, von denen ich bis gestern, eben dort vor Ort, gar nicht wusste, wie unklar sie mir eigentlich waren. Ich kam dann mit schmutzigen Händen und Knien wieder und mit der Gewissheit: Der Abstieg bzw. der Aufstieg kann beginnen.

Anstellerige Geheimniskrämerei, dass ich jetzt nicht genau sagen mag, wo ich war und wo also der nächste Kriminalroman spielt, aber das ist so aus genau dem gleichen Aberglauben, aus dem ich auch nicht lange vorher sagen kann, wie das Buch heißen soll und warum. Jedenfalls geht’s nicht um Höhlenforscher, auch wenn das Foto in die Richtung zu gehen scheint (in Wahrheit hab ich’s gestürzt, Tageslicht nach unten, so viel zum Thema Richtung), und auch wenn mich der Höhlenforscher wegen meiner Klaustrophobie in den letzten zehn Tagen sehr beschäftigt hat.

Bei seiner Geschichte musste ich an die deutlich kleinere, für mich aber unangenehm nähere meines Freundes Jay denken, der einmal in Sibirien in einem Höhlensystem unter der Tundra in einem Schluf stecken blieb, weil sie ihm vorher gesagt hatten, kein Problem, das wäre auch für Anfänger interessant, und dann musste einer hinten drücken und einer vorne ziehen, und Jay wäre gern umgekehrt, aber das ging dann nicht mehr.

Außerdem nervt mich, dass ab einem gewissen Punkt alles, woran man denkt, zu einer Metapher fürs Schreiben wird. Lächerlich.

 

Heilige Highsmith

Highsmith_titel

I have never found other writers stimulating.“

(Patricia Highsmith: „Plotting and Writing Suspense Fiction“, p. 10)

Freitag war ich im Kino: „Die zwei Gesichter des Januars“, und ich würde sagen, der Film ist super empfehlenswert für Leute, die Kirsten Dunst am Rande der Teilnahmslosigkeit und Viggo Mortensen verwirrt über die Motivationslage seiner Figur chargieren sehen wollen, und die viel Geduld für seltsam klaustrophobische Psychodramen in griechischen 60er-Jahre-Kulissen haben. Zumindest trifft das alles auf mich zu, darum fand ich den Film gut, nicht zuletzt übrigens auch wegen des Hauptdarstellers Oscar Isaac, der den kleinkriminellen Slacker-Poeten Rydal mit einem verzückten Leuchten in den Augen spielt, das man wohl kriegt, wenn Jake Gyllenhaal für die Rolle zu teuer, zu alt und zu muskulös war. Das Beste an dem Film mit dem archaischen Titel (nennt man solche Filme als Verleih heutzutage nicht gewohnheitsmäßig „Lethal Fate“, „Greek Noir“ or „Kill Krete“?) ist aber natürlich, dass er auf dem gleichnamigen Roman von Patricia Highsmith beruht, und ich gucke mir alles an, was mit Patricia Highsmith zu tun hat (wäre ich je im Tessin, auch ihr Grab). Highsmith ist hier in diesem Büro sowas wie die Schutzheilige, oder, was besser zu ihr passen würde, wenn es das gäbe: die Bedrohungsheilige. Weiterlesen