„Die große Schwester“: Meine zweite Begegnung mit dem Buch von Christiane F.

Für 54books.de habe ich darüber geschrieben, wie ich nach vierzig Jahren noch einmal „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ von Christiane F. gelesen habe, ein Buch, das mich 1980 oder 1981 tief beeindruckt und mein Weltbild geprägt hat.

Ich erinnere mich, dass ich das Buch heimlich las. Ich hatte keine realistische Vorstellung von Sexualität, geschweige denn davon, dass es beinahe Gleichaltrige gab, die für Geld oder Heroin Sex mit Erwachsenen in Autos, auf Toiletten oder in Pensionszimmern auf Beistellbetten hatten (also, was niemand damals so nannte: systematisch vergewaltigt wurden). Drogen waren 1980 oder ‘81 ein permanentes Hintergrundrauschen. Der Alltagsdiskurs der Bundesrepublik und West-Berlins war nahtlos übergegangen von „aber die Terroristen“ zu „aber die Drogen“. Auf meinem Schulweg las ich mit Begeisterung die in den Händlerschürzen ausgestellten Titelseiten von Bild und BZ, auf denen von besonders jungen Drogentoten berichtet wurde. Mit Fotos, die in ihrer Ikonographie ganz ähnlich den Terror-Fahndungsplakaten waren: junge Menschen, gejagt oder betrauert mit gerasterten Fotos aus Personalausweisen, Polizeiakten oder Bewerbungsschreiben. An meiner Grundschule gab es einen Elternabend zum Thema weiterführende Schulen, und danach berichtete meine Mutter der Nachbarin Frau Hundt: Über die Schadow-Schule hinterm S-Bahnhof gäbe es das Gerücht, das sei eine „Drogenschule“. Auf den Toiletten würden Kinder aus den unteren Klassen „von Oberstüflern angefixt“. Man bekäme also gegen seinen Willen eine Heroinspritze und sei dann sofort süchtig …

Heute ist die Lektüre des Buches, das mir durch die Trennung meiner Eltern half, auf andere Weise erschütternd als damals. Den ganzen, langen Text könnt Ihr auf 54book.de lesen.

Eine Geschichte für Angehörige von Depressiven, wenn Ihr so wollt

img_20200217_173106200

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ihre Tage sind. Oder ihre Nächte. Sie sagt, sie liegt tagsüber im Bett. Weil sie nachts nicht schlafen kann. Sie hat nachts Panikattacken. Dagegen hat sie eine zeitlang pflanzliche Medikamente genommen, die zu diesem Zweck in der Apotheke rezeptfrei verkauft werden. Man könnte vielleicht noch mehr tun gegen die Panikattacken, aber wenn sie einen Termin bei der Psychiaterin hat, geht sie nicht hin, weil sie den ganzen Tag nur im Bett liegen will. Die Hausärztin, bei der sie auch schon lange nicht mehr war, verschreibt ihr Schlafmittel.
Unsere Vorschläge interessieren sie nicht. Sie könnte meditieren. Ja, das klingt immer scheiße. Es gab auch schon so viele Witze darüber. Weiterlesen

Canberra School of Music

IMG_20190107_154745855_HDR
Abbildung unähnlich: Die Spielbank in Trier, Januar 2019; Mercure Hotel nach Logo-Wechsel

Mein erster Sehnsuchtsort war die Canberra School of Music. Dies lag allein daran, dass an der Pinnwand unseres Musikraums ein Stundenplan dieser Schule hing. Ich war in der 7. und 8. Klasse, das Jahr war 1982. Der Musikunterricht fand bei einem alten Lehrer statt, Herrn A., der, wenn wir den Musikraum betraten, am Flügel saß und „Blue Eyes“ von Elton John spielte. Mit wiegendem Oberkörper und strengem Blick. „Der Russe“, sagte er, wenn er von den letzten Kriegstagen erzählte. „Der Russe“ habe auf dem gestohlenen Fahrrad gesessen „wie der Affe auf dem Schleifstein“, ein Messer zwischen den Zähnen. Herr A. hatte nach eigenen Angaben im Alter von vierzehn Jahren eine Brücke über den Teltow-Kanal allein mit zwei Panzerfäusten verteidigt. Diese Geschichte erzählte er öfter, er untermalte und verdeutlichte sie mit der immer ähnlichen Skizze an der Tafel: der Teltow-Kanal, die Brücke, er mit den beiden Panzerfäusten, der Russe auf der anderen Seite. Der Russe entwaffnete ihn und kam über die Brücke nach Zehlendorf. Uns war nicht klar, ob er dies dem Russen vorwarf, seiner Elterngeneration, die den Krieg gewollt hatten, oder uns, die wir einfach nur da saßen, glotzten oder kicherten und immerhin froh waren, dass wir nicht Partituren mitlesen mussten bei Mozart-Opern, oder Dur- in Moll-Akkorde umwandeln. Weiterlesen

Tubensahne: Der Schmerz zwischen Eltern und Kindern

IMG_20190604_183730467_HDR

Fast jede Woche, manchmal jeden Tag, denke ich an einen Vorfall im Sommer 1984. Nie zuvor hatte ich, und nie danach habe ich meinen Vater so wütend gesehen. Über viele Jahre war mir der Vorfall völlig unverständlich, er war mir ein Beispiel dafür, wie merkwürdig Erwachsene und insbesondere meine Eltern sind. Wie ungerecht, natürlich auch. Es ging um Tubensahne. Weiterlesen

Wandern mit meinem Vater

IMG_20180427_122000884

Abbildung ähnlich: Nicht der Große Plöner, sondern der Große Eutiner See, da waren wir am Freitag.

Es ist stockdunkel, wir haben keinen Proviant und kein Wasser. Die Gasthäuser sind längst geschlossen. Taschenlampen und andere Ausrüstungsgegenstände haben wir ebenfalls nicht. Denn wir sind ein wandernder Vater und ein wandernder Sohn, kein Detektivclub. Das einzige, was wir haben, sind Blasen an den Füßen und ein mit jedem Schritt irrer werdender Plan: den See umrunden. Den Plöner See. Oder, wie es korrekt heißen muss: den Großen Plöner See. Groß bedeutet in diesem Fall: etwa 50 Kilometer Uferlänge.

Gleich erlischt mein Telefon, das jetzt noch ein wenig den Weg erhellt, dann bleiben uns nur noch der Sichelmond und hin und wieder von der Bundesstraße herübertastende Autofernlichter.

Wir wissen: die Frau meines Vaters und meine eigene werden uns, wenn wir nach unserer Rückkehr davon erzählen, für bescheuert erklären. Wir tun so, als wäre es uns egal. In Wahrheit gibt es uns genau die zehn Prozent zusätzliche Energie, die wir noch brauchen, um unsere Wanderung abzuschließen, spät an einem Spätsommerabend in der Holsteinischen Schweiz. Weiterlesen

Erste Worte

VolksblattMärz1988

Das war der erste Text, für den ich Geld bekommen habe, vor genau 30 Jahren erschienen in einer richtigen Zeitung, dem „Volksblatt Berlin“, ehemals „Spandauer Volksblatt“. Unverlangt eingesandt, und dann ohne irgendein Feedback von denen einfach abgedruckt (Honorar: für meine Begriffe fürstliche 50 bis 60 Mark, glaube ich). Das Dolle war, dass ich damals Zeitungen austrug, in erster Linie „Tagesspiegel“, 150 Stück, aber drei, vier „Volksblatt“ waren auch dabei, und in den Tagen, nachdem ich den Artikel (mit der Post) an die Redaktion geschickt hatte, guckte ich immer wieder morgens an der Abwurfstelle der Zeitungspakete als erstes in den Kulturteil. Denn zurückgekommen war mein Text ja nicht. Und dann plötzlich stand er da, oben links auf der ersten Kulturseite. Mit diesem unfassbaren ersten Satz. So erste Sätze werden heute gar nicht mehr geschrieben, da traut sich keiner mehr ran. Von der Headline ganz zu schweigen (nicht von mir). Vor allem das epische Präteritum. Jedenfalls klaute ich damals einem dieser Spandauer-Diaspora-Haushalte in Zehlendorf, denen ich das „Volksblatt“ in den Kasten stecken sollte, das Exemplar, und las meinen Text danach in Ruhe im Fahrradkeller. Es war neben denen, die noch kommen werden, einer meiner glücklichsten Momente im Journalismus.

(Schade für mich aus heutiger Sicht diese apologetische Haltung im Text: Klar, Science-fiction ist eigentlich Scheiße, aber Ballard ist toll. Das war unehrlich. Ich mag und mochte gerade auch die nicht so gute SF.)

 

Letzter Aufruf

IMG_1145

Seit vielen Jahren führe ich an einigen Orten der Welt ein Doppelleben unter falschem Namen. Auf sehr niedrigem Niveau, wenn man sich die möglichen Abgründe von Doppelleben vor Augen führt. Dazu muss ich ein bisschen ausholen.

In Bad Godesberg hatten wir eine Nachbarin, die mich als Kindergartenkind sehr beeindruckte: Frau Pörschmann hatte einen Pool im Garten und um diesen Pool in meiner Erinnerung Gartenmöbel aus geschwungenem weißen Draht, und als sie ein paar Bäume fällen lassen musste, lief sie anschließend mit dem Benzinkanister durch den Garten, um die Stümpfe abzubrennen. Mit einer brennenden Zigarette im Mund. Die Baumstümpfe blieben in ihrer Form erhalten, aber schwarz verkohlt. Ich dachte damals, so geht Gärtnern. Frau Pörschmann guckte nachts die Muhammad-Ali-Kämpfe in anderen Zeitzonen, berichtete mir am nächsten Tag davon, und als ihre Dackelhündin Afra Welpen warf, überreichte sie mir die kleinste und sagte, „Der gehört jetzt dir“. (Meine Eltern waren nicht begeistert.) Als meine Schwester geboren wurde, fuhr Frau Pörschmann mich im goldenen RO 80 ins Krankenhaus. Soweit, so Siebziger-Jahre-Kindheit.

An Herrn Pörschmann erinnere ich mich nicht, aber es gibt eine Geschichte über ihn, die mir sehr gegenwärtig ist. Weiterlesen