Erste Worte

VolksblattMärz1988

Das war der erste Text, für den ich Geld bekommen habe, vor genau 30 Jahren erschienen in einer richtigen Zeitung, dem „Volksblatt Berlin“, ehemals „Spandauer Volksblatt“. Unverlangt eingesandt, und dann ohne irgendein Feedback von denen einfach abgedruckt (Honorar: für meine Begriffe fürstliche 50 bis 60 Mark, glaube ich). Das Dolle war, dass ich damals Zeitungen austrug, in erster Linie „Tagesspiegel“, 150 Stück, aber drei, vier „Volksblatt“ waren auch dabei, und in den Tagen, nachdem ich den Artikel (mit der Post) an die Redaktion geschickt hatte, guckte ich immer wieder morgens an der Abwurfstelle der Zeitungspakete als erstes in den Kulturteil. Denn zurückgekommen war mein Text ja nicht. Und dann plötzlich stand er da, oben links auf der ersten Kulturseite. Mit diesem unfassbaren ersten Satz. So erste Sätze werden heute gar nicht mehr geschrieben, da traut sich keiner mehr ran. Von der Headline ganz zu schweigen (nicht von mir). Vor allem das epische Präteritum. Jedenfalls klaute ich damals einem dieser Spandauer-Diaspora-Haushalte in Zehlendorf, denen ich das „Volksblatt“ in den Kasten stecken sollte, das Exemplar, und las meinen Text danach in Ruhe im Fahrradkeller. Es war neben denen, die noch kommen werden, einer meiner glücklichsten Momente im Journalismus.

(Schade für mich aus heutiger Sicht diese apologetische Haltung im Text: Klar, Science-fiction ist eigentlich Scheiße, aber Ballard ist toll. Das war unehrlich. Ich mag und mochte gerade auch die nicht so gute SF.)

 

Letzter Aufruf

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Seit vielen Jahren führe ich an einigen Orten der Welt ein Doppelleben unter falschem Namen. Auf sehr niedrigem Niveau, wenn man sich die möglichen Abgründe von Doppelleben vor Augen führt. Dazu muss ich ein bisschen ausholen.

In Bad Godesberg hatten wir eine Nachbarin, die mich als Kindergartenkind sehr beeindruckte: Frau Pörschmann hatte einen Pool im Garten und um diesen Pool in meiner Erinnerung Gartenmöbel aus geschwungenem weißen Draht, und als sie ein paar Bäume fällen lassen musste, lief sie anschließend mit dem Benzinkanister durch den Garten, um die Stümpfe abzubrennen. Mit einer brennenden Zigarette im Mund. Die Baumstümpfe blieben in ihrer Form erhalten, aber schwarz verkohlt. Ich dachte damals, so geht Gärtnern. Frau Pörschmann guckte nachts die Muhammad-Ali-Kämpfe in anderen Zeitzonen, berichtete mir am nächsten Tag davon, und als ihre Dackelhündin Afra Welpen warf, überreichte sie mir die kleinste und sagte, „Der gehört jetzt dir“. (Meine Eltern waren nicht begeistert.) Als meine Schwester geboren wurde, fuhr Frau Pörschmann mich im goldenen RO 80 ins Krankenhaus. Soweit, so Siebziger-Jahre-Kindheit.

An Herrn Pörschmann erinnere ich mich nicht, aber es gibt eine Geschichte über ihn, die mir sehr gegenwärtig ist. Weiterlesen

„Blade Runner 2049“: Bis einer heult

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Auf Philip K. Dicks Roman „Do Androids Dream Of Electric Sheep?“ (1968) beruhen „Blade Runner“ und „Blade Runner 2049“. (Abbildung ähnlich.)

Die Fortsetzung muss ja nicht schlechter sein als der ursprüngliche Film. „Pitch Perfect 2“ zum Beispiel ist noch besser als „Pitch Perfect“. „Bibi & Tina – Voll verhext“ ist besser als „Bibi und Tina“. Dass „Blade Runner 2049“ kein guter Film ist, liegt also nicht daran, dass er eine Fortsetzung ist. Es liegt auch nicht an der von Hans Zimmer verantworteten Musik. Sie ist geistlos und penetrant, aber sie ist ein Symptom für das allgemeine Elend des Films, keine Ursache. Das allgemeine Elend ist Folgendes (um Spoilerlosigkeit bemüht):
1.) Die Grundidee des Filmes schließt sehr nah an „Blade Runner“ an, allerdings ohne dem ersten Film mehr hinzuzufügen als optische Füllmasse. „BR49“ kannibalisiert „Blade Runner“. Das kann gutgehen, „The Force Awakens“ lebt eigentlich auch nur von der „Star Wars“-Nostalgie. Aber „BR49“ hat ein kein Interesse an der emotionalen Grundfrage von „Blade Runner“: Was macht uns menschlich? Stattdessen entpuppt sich der Film nach einigen Stunden als pseudophilosophische Überhöhung des ältesten Menschheitsklischees. „Blade Runner“ wollte ans Eingemachte, „BR49“ will aus dem Småland abgeholt werden.
2.) Die Emotionen in „BR49“ werden behauptet. Das heißt, es wird viel geweint. Ryan Gosling weint. Harrison Ford weint. Sylvia Hoeks weint. Robin Wright weint. Ana de Armas weint. Vielleicht weint sogar Jared Leto. Ich habe lange nicht mehr so ungerührt so viele Menschen weinen gesehen. Es ist ein Film voller Signale: Tränen >>> traurig. Zimmer-Musik >>> dramatisch. Totale mit postapokalyptischer Landschaft >>> total postapokalyptisch. Man betrachtet die ganze Zeit eine Oberfläche, die Tiefe ist  vorgetäuscht.
3.) Wer nicht weint, ist Sean Young, die Rachel aus „Blade Runner“. Weil: abwesend. Offenbar kann man den Zuschauern einen alten Harrison Ford als Deckard zumuten, aber keine Sean Young in den mittleren Jahren. Warum das fatal ist, kann ich nicht erklären, ohne den Film zu spoilern. Darum nur der Hinweis, dass wieder einmal eine weibliche Hauptfigur auf dem Altar des Narrativs geopfert wird. Politisch ärgerlich, inhaltlich, weil erwartbar: langweilig.
4.) „BR49“ scheint sich vage an den Filmen Andrei Tarkowskis zu orientieren, vor allem an „Solaris“ (1972) und „Stalker“ (1979). Lange Einstellungen, sehr große oder sehr enge Räume, Landschaften, Bilder und Atmosphäre vor Plot. Das funktioniert aus zwei Gründen nicht. Zum einen sind die Bilder längst nicht so überwältigend und überraschend, wie es Tarkowskis Bilder waren, und wie es „Blade Runner“ 1982 war. Weil das, was in „BR49“ an Welten und Landschaften zu sehen ist, im Grunde auf dem Stand aktueller Computerspiele wie „Destiny“ oder „Overwatch“ ist, aber nicht darüber hinausgeht: Es sieht gut aus, aber man hat das alles schon gesehen.
„Blade Runner“ lebte 1982 von der Beschränkung: immer dunkel, immer Regen, immer eng. „BR49“ hat keine visuelle Einheit, der stilbildende Dauerregen zum Beispiel ist einer trüben Sonne und einem seltsamen Schnee gewichen, der aussieht wie geschredderte Daunen: Replikantenjagd in Kissenfüllungsgewittern.
Der andere Grund ist, dass Tarkowski und der Ridley Scott des Ur-„Blade Runners“ sich über den Weg der Atmosphäre komplizierten, unauflöslichen emotionalen und philosophischen Problemen stellten, denen mit Handlung und Dialog allein nicht mehr beizukommen war. In „BR49“ gibt es einen aufwendigen Plot, mit den üblichen Kollateralschäden: erklärende Dialoge, zwanghafte Ortswechsel, dort dann noch mehr erklärende Dialoge. Die Grundfragen von „Solaris“ oder „Blade Runner“ waren unbeantwortbar, darum konnten die Filme sie immer nur umkreisen, und darum kann man diese Filme immer wieder sehen: Was macht uns menschlich? Was ist real? Leben wir in der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft? „BR49“ hingegen stellt nur eine Frage, die jeder sofort für sich selbst beantworten kann. Als man merkt, dass der Film sich um diese Frage dreht, ist das ein „Ach so!“-Moment, aber das war’s dann auch schon. Die Frage lautet: Möchtest du jetzt aus dem Småland abgeholt werden?
5.) Der Film hat eigentlich nur gute Kritiken bekommen. Ich glaube, es liegt an seiner völligen Humorlosigkeit. Eine bestimmte dahinbehauptete Ernsthaftigkeit kombiniert mit optischer Opulenz und stringenter Farbcodierung von Schauplätzen gilt seit „Traffic“ von Stephen Soderbergh als unwiderlegbares Qualitätsmerkmal. Ich meine damit nicht, dass dem Film sarkastische Dialoge zwischen den Blade Runnern Deckard (Harrison Ford) und K (Ryan Gosling) gut getan hätten. Ich meine Humor im Sinne von: Erwartungen unterlaufen, Risiken eingehen, indem man sich angreifbar macht und signalisiert, dass man sich und das eigene Unterfangen auch noch von außen betrachten kann. „Blade Runner“ war voll von solchen Momenten. Wenn die Replikantin Zorah (Joanna Cassidy) zu Rick Deckard, der sich in ihrer Garderobe als Sittenwächter von der Varietékünstlergewerkschaft ausgibt, sagt: „Are you for real?“, was zwar heißt, „Meinen Sie das ernst?“, aber eben auch auf Deckards existenzielle Grundfrage anspielt. Wenn Pris (Daryl Hannah) sich unter den anderen Puppen versteckt. Wenn das Bild von Rachel und ihrer Mutter, das Deckard studiert, sich plötzlich zu bewegen beginnt, für kaum eine Sekunde, und der Zuschauer sich fragen muss: Kann ich meinen Augen noch trauen?
In „BR49“ kannst du deinen Augen die ganze Zeit trauen. Es ist alles da. Alles ist, wie es aussieht. Nichts ist verborgen, es gibt nichts zu entdecken, nichts zu bedenken. Was bleibt, ist Leere.

Die Legende von Elisabeth

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Es geht um ein Thema, das möglicherweise geeignet ist, meine Laufbahn als Autor und Journalist zu beschädigen. Die Wahrheit ist: Elisabeth Raether ist nicht „meine Frau“, das heißt, Elisabeth Raether und ich sind nicht miteinander verheiratet. Ich kenne diese geschätzte „Zeit“-Journalistin und Buchautorin nicht, wir sind einander nie begegnet.

Es hat lange gedauert, bis ich überhaupt begriffen habe, dass es flüchtige Bekannte gibt, die davon überzeugt sind, ich wäre Raethers Mann. Hin und wieder rufen sie mir zu: „Wir haben am Wochenende wieder die Kürbissuppe Ihrer Frau gekocht! So köstlich!“ Ich habe das anfangs nicht begriffen. Die Kürbissuppe meiner Frau (nicht Elisabeth Raether) schmeckt wirklich gut, die Kinder essen sie lieber als meine Kürbissuppe, aber das Rezept ist gar nicht weit verbreitet, es existiert nur im Kopf meiner Frau.

Manchmal sagen Menschen nach einer Lesung: „Wir freuen uns jede Woche auf die Rezepte Ihrer Frau.“ Was definitiv nicht sein kann, weil die einzigen schriftlich festgehaltenen Rezepte meiner Frau in einem von ihr seit ihrer Schulzeit geführten kleinen Büchlein stehen, das von niemandem entziffert werden kann außer von ihr und, nach einigen Ehejahren, in Teilen auch von mir. Raether hingegen schreibt bekanntermaßen die Rezepte-Kolumne „Wochenmarkt“ im „Zeit-Magazin“.

Nun stelle ich fest, als ich mir unterwegs auf die Schnelle einen Überblick über meine Lesungstermine verschaffen und „till raether lesungen“ googeln will, dass bei den Suchanfragen, die Google automatisch anbietet, zwei den Irrtum betreffen, um den es hier geht: „till raether ehefrau“, und, was ich noch schöner finde, „till raether elisabeth“. Dies scheint mir eine Verschwendung von Erkenntnisinteresse zu sein, darum kläre ich das hier kurz auf.

Aber, wie gesagt, ich fürchte, bei manchem stellt sich nun, wenn es um mich geht, eine gewisse Produktenttäuschung ein. So wie bei der Buchhändlerin, die mich nach einer Lesung bat: „Könnten Sie bei Ihrer Frau ein gutes Wort für mich einlegen? Wir hätten sie auch so gern mal bei uns.“ Ich roch schon den Braten (Elisabeth Raether, „Ein weihnachtlicher Sauerbraten“, „Zeit-Magazin“ Heft 51/2016), stellte mich aber doof und sagte: „Das ist ganz nett, das geb ich gern weiter, aber ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass meine Frau 100 Kilometer Autobahn fährt, um bei Ihnen nach Büchern zu stöbern.“ Als sich das Missverständnis aufklärte, zog ein Schatten der Enttäuschung über das Gesicht der Buchhändlerin. Ohne die Legende von Elisabeth bin ich womöglich nicht der ganze Raether. Aber wir sind alle nur Fragmente unserer selbst, es muss und wird also auch so gehen.

Was ich beim weiteren Googeln für diesen Text hier übrigens nicht gefunden habe, war Raethers Kürbissuppe, auf die ich schon mehrfach angesprochen worden bin. Stattdessen habe ich festgestellt, dass offenbar niemand bei Google sucht, wer der Ehemann oder die Ehefrau von Elisabeth Raether ist.

Kurzer Versuch übers Kauderwelsch

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Dame Annee Moulia

Neuve Du Sieur Haufkur

Demunrant tous lestrois

a Anhuahuaf vremy

musique a La requete

Du Sieur Jacques Stimas

Mit dem Satz „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“ beginnt Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Danach: sechzig Seiten über Einschlafprobleme. Seit über einem Jahr ringe ich jetzt mit der Lektüre und will eigentlich schon lange was darüber schreiben, weil mich Prousts Ego-Fanzine (wie wir diese Textform früher im Science-fiction-Fandom nannten) so aufgeregt und abgeregt hat und immer noch beschäftigt, und weil ich beim Lesen so viel gelernt und verlernt habe. All das aber ist zweitranging angesichts dieses Bettbezugs, den meine Mutter bei „Maison Strauss“ (vormals „Strauss Innovation“) erworben hat. Weiterlesen

Was mit Schreibwaren

IMG_20160204_115651Das ist das „Fallwind“, das Buch, das am 22. Juli erscheinen wird. Ich wollte als Kind immer was mit Schreibwaren machen, am liebsten habe ich mich nach der Schule bei „Papierwaren und Briefmarken Herz“ am Teltower Damm aufgehalten, insofern bin ich glücklich. Wenn nur die Lücken nicht wären. Wie war noch mal der Mittelteil?

Zärtlich auf die Stirn geküsst von der Generation No Future

RTneuBeim Kelleraufräumen ist mir dieses Exemplar unserer alten Schülerzeitung „Roter Turm“ in die Hände gefallen (Schriftzug-Design von Dörte Meyer), und es kommt mir gerade recht, um mich endlich von der etwas unglücklichen Zeile „Angst vorm Schreiben“ zu befreien, die über dem vorigen Beitrag steht. Und die darum wochenlang das erste war, was jeder sah, der auf meine Seite kam. Leute, okay, ich steh dazu, ich hab’s ja selbst drüber geschrieben, aber zwischendurch bekam ich schon langsam den Verdacht, ob das nicht ansatzweise geschäftsschädigend ist: ein Autor, der seine Webseite mit dem Slogan „Angst vorm Schreiben“ eröffnet.

Der Titel dieses Beitrags hier ist auf seine eigene ungelenke Weise natürlich um keinen Deut besser, aber heute abend ist er fresh und außerdem bildet er ab, was man sieht: Ich (links, im Frühjahr 1987), wie ich scheinbar die damalige West-Berliner Schulsenatorin Hanna-Renate Laurien (CDU) auf die Stirn küsse. Zumindest war dieser unfreiwillige und nebenbei bemerkt ja sehr zahme Slapstickcharakter des Bildes der Grund, warum es überhaupt auf den Titel der Schülerzeitung kam: Ey, Till sieht aus, als würde er die alte Laurien auf die Stirn küssen, voll witzig, wa! In Wahrheit war’s in dem Moment wohl sehr laut in der Aula und ich sage ihr gerade in den Haaransatz, dass ich sie herzlich zur Podiumsdiskussion begrüße und in der folgenden Stunde ihr Moderator sein werde. Die Schülerselbstverwaltung hatte die Schulsenatorin eingeladen, um mit ihr über Schulpolitik und Neofaschismus zu diskutieren. Weiterlesen