Tiefe Einblicke

Hier ist das Video von meiner Live-Lesung gestern bei „der großen Facebook-Krimiwoche“, kenntnisreich und geduldig moderiert von Rebecca Humpert, bekannt durch ihren Buchblog „Becky’s World of Books“. Mir als Produkt-Ästhet gefällt natürlich besonders die offene Medion-Mini-Anlage, Hintergrund macht Bild gesund. Im Grunde bin ich wie diese Anlage: immer offen, immer bereit, irgendwas abzunudeln, aber manchmal auch leer. Aber genug über mich. Schließlich geht es hier ja um euch, denn Ihr seid diejenigen, die sich das jetzt anschauen können. Gestern abend war zu viel Vorberichterstattung Belgien-Italien, ist mir völlig klar. Jedenfalls gewähre ich hier tiefe Einblicke in meine Jacken-Ärmel, und ab 30:40 gibt es eine erste Leseprobe aus „Fallwind“ (VÖ 22. Juli).

Gescheiterter Versuch über die Pfirsichhaut

IMG_20160418_130420Seit ein paar Monaten habe ich einen Tennisarm. Ich glaube, es liegt daran, dass ich seit 25 Jahren nicht mehr Tennis gespielt habe. Der Arm fühlt sich von mir um sein Leben betrogen wie ein Ehepartner in einer Kurzgeschichte von John Cheever. Er rächt sich dafür, indem er mir wehtut. Nicht beim Tragen einer 20-Kilo-Ikeatasche mit Wochenendeinkäufen, sondern beim Heben einer Untertasse. Ich kann also unbeeinträchtigt meine Aufgaben in der Familie erfüllen, aber wehe, jemand lädt mich zum Teetrinken ein.

Vor 25 Jahren hatten ich mit zwei Freunden Tennisunterricht an der Uni, bei einem Lehrer, nach dessen Geduld ich mich heute noch manchmal sehne, so groß und tief und unerschütterlich war sie. Meine beiden Freunde wurden immer besser und konnten bald in unserer (!) Freizeit mit- und gegeneinander spielen, mir wurde bald klar, dass ein Dritter rein rechnerisch gar nicht gebraucht wurde, erst recht kein besonders guter, darum hörte ich auf.

Der Orthopäde sagt jedoch, es liegt am Schreiben. „Haben Sie in letzter Zeit viel geschrieben?“, fragt er, fast drohend. „Kann sein“, antworte ich ausweichend. Viel! Aber nicht genug. Seltsamerweise tut der Arm beim Schreiben gar nicht weh. Nur manchmal das Herz. Ha! Quatsch.

Dafür tut der Arm nachts weh. Neulich sehr. Meine Schwiegermutter hatte mir, da nichts vom Arzt Verschriebenes half, Hitze oder Kälte empfohlen. Also beides, ent- oder weder, ich sollte ausprobieren, was anschlüge. Kälte schien mir reizvoller, also durchsuchte ich das Tiefkühlfach nach geeigneten Objekten, mit denen ich im Bett meinen Tennisarm würde kühlen können. Zwei unverbrauchte Hälften Dosenpfirsiche im Gefrierbeutel fielen mir auf, sie waren von Silvester übriggeblieben, als ich mit ein paar ihrer Kollegen an einem Currydip gearbeitet hatte (das Rezept verlangte ausdrücklich nach Dosenpfirsichen, das ist ja eine ganz andere Sorte als der gemeine Frischpfirsich). Ich band also den Gefrierbeutel mit Hilfe eines Küchenhandtuchs so um meinen Tennisarm, dass die Schnittfläche einer Pfirsichhälfte genau meinen Schmerzpunkt kühlte. Dann las ich ein wenig, es war gegen drei (Marcel war kurz davor, von Andrée die Wahrheit über Albertines Liebesverhältnisse zu anderen Frauen zu erfahren, allerdings philosophierte er im Vorfeld erstmal darüber, was in diesem Zusammenhang überhaupt vom Konzept „Wahrheit“ zu halten sein würde) (nicht viel, bzw. nicht genug). Ich schlief also ein.

Morgens wachte ich auf und dachte, ich wäre geheilt. Ich hatte kein Gefühl mehr im Unterarm, also auch keine Schmerzen. Es lag allerdings daran, dass ich auf der minus 18 Grad kalten Pfirsichhälfte eingeschlafen war. Seitdem ist der Tennisarm mein geringeres Problem, das aktuelle ist der Pfirsich-Arm: Rund um den Schmerzpunkt kann man sehr genau die Umrisse einer Pfirsichhälfte aus der Dose erkennen, markiert durch erfrorene, abgestorbene Haut. Ich habe nun also, nachdem ich jahrelang keine Tätowierung hingekriegt und Branding nur aus dem Fernsehen und von Meetings mit der Marketingabteilung kenne, eine Art Icing. Es sieht jeden Tag anders aus, von der Farbe und Struktur her, aber immer wie ein Pfirsich.

(Abb. ähnlich)

 

Kurzer Versuch übers Kauderwelsch

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Dame Annee Moulia

Neuve Du Sieur Haufkur

Demunrant tous lestrois

a Anhuahuaf vremy

musique a La requete

Du Sieur Jacques Stimas

Mit dem Satz „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“ beginnt Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Danach: sechzig Seiten über Einschlafprobleme. Seit über einem Jahr ringe ich jetzt mit der Lektüre und will eigentlich schon lange was darüber schreiben, weil mich Prousts Ego-Fanzine (wie wir diese Textform früher im Science-fiction-Fandom nannten) so aufgeregt und abgeregt hat und immer noch beschäftigt, und weil ich beim Lesen so viel gelernt und verlernt habe. All das aber ist zweitranging angesichts dieses Bettbezugs, den meine Mutter bei „Maison Strauss“ (vormals „Strauss Innovation“) erworben hat. Weiterlesen

Bürgerliche Dämmerung: Gekürzt aus „Fallwind“

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„Alles, was er sah, störte ihn; er versuchte, möglichst wenig wahrzunehmen.“ Peter Handke: „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“

Erster Teil: Bürgerliche Dämmerung – „Die Zeit direkt nach dem Sonnenuntergang, in der die Sonne maximal 6 Grad unterm Horizont steht. Während dieser Zeit ist es zum Beispiel noch möglich, im Freien zu lesen. Erste Fixsterne werden sichtbar.“

Vorsichtig setzte er sich in Bewegung, ankämpfend gegen ein kurzes Aufbranden von Übelkeit. Jetzt bewegte die Frau einen Fuß, oder sein Blick wurde unscharf. Und ihr Haar glänzte schwach im blauen Licht von der Konsole, als sie ihm langsam das Gesicht zuwandte. Weiterlesen

Was mit Schreibwaren

IMG_20160204_115651Das ist das „Fallwind“, das Buch, das am 22. Juli erscheinen wird. Ich wollte als Kind immer was mit Schreibwaren machen, am liebsten habe ich mich nach der Schule bei „Papierwaren und Briefmarken Herz“ am Teltower Damm aufgehalten, insofern bin ich glücklich. Wenn nur die Lücken nicht wären. Wie war noch mal der Mittelteil?

23./24. April: Krimi-Seminar beim Autorendock in Hamburg

Jeder Krimi beginnt mit einer Idee: von einem Tatort, einem Täter oder einer Situation. Manchmal hat man auch nur ein Bild vor Augen oder eine Atmosphäre im Kopf. Und dann? Welches Krimi-Genre ist das richtige, um der Idee ihren Rahmen zu geben? Wie erfindet man Haupt- und Nebenfiguren? Welche Schauplätze eignen sich? Welche Krimi-Konventionen muss man kennen, um sie zu erfüllen oder zu unterlaufen? Wie recherchiert man? Wie baut man Spannung auf? Wie konstruiert man einen Plot, und vor allem: Aus welcher Perspektive und mit welcher Stimme erzählt man seine Geschichte?

Das Autorendock in Hamburg hat mich eingeladen, diese Fragen in einem zweitägigen Seminar zu beantworten, am 23. und 24. April 2016 in Hamburg. Darauf freue ich mich. Alle Informationen zum Seminar, den Kosten und der Anmeldung finden Sie auf der Seite des Autorendocks.

„Jene Anteile unserer Erfahrung, die geduckt und still sind“: Elena Ferrante lesen

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Gary Larson, „Far Side“ vom 13.08.1986, Ausriss „Oscala Star-Banner“

Vor ungefähr drei Jahren bin ich durch einen Artikel von James Wood auf die italienische Schriftstellerin Elena Ferrante aufmerksam geworden. Sie sei die Autorin einiger „bemerkenswerter, klarer, ernsthaft ehrlicher“ Romane, er nennt ihre Bücher „auf intensive, brutale Weise persönlich“, „intim und schockierend ehrlich“, „furchtlos“, ihr Schreiben kenne „keine Grenzen“, sie sei bereit, „alles bis zum radikalsten Ende zu denken und bis zum radikalsten Ursprung zurückzuführen“. Und so weiter, es ist ein langer Text. Mit vielen Adjektiven, ungewöhnlich für einen zurückhaltenden Kritiker. Und was mich vor allem interessierte: Ferrante finde ihr Material und ihre Geschichten im Alleralltäglichsten, im Eheleben, im Leben mit Kindern, in den ganz normalen Handlungen und Enttäuschungen unserer banalen Existenz. Wood zitiert Ferrante selbst mit den Worten, sie schreibe gern Geschichten, die ganz klar und ehrlich erzählt seien, „und in denen die Tatsachen des gewöhnlichen Lebens außerordentlich packend zu lesen sind“.

Ich bin alarmiert, wenn beim Preisen einer Autorin ständig das Wort „ehrlich“ fällt, denn, ganz ehrlich, Ehrlichkeit ist sicher die am meisten missverstandene und überschätzte Eigenschaft, wenn es ums Schreiben geht. Oder sagen wir: Es ist Definitionssache, und „ehrlich“ schreiben ist meist ein Synonym für entweder einen durch Kunstlosigkeit leicht bedrückenden Naturalismus, oder für Denkfaulheit, weil: Hauptsache ehrlich.

Davon aber kann bei Elena Ferrante keine Rede sein. Sie ist, das vorweg, die wunderbarste Autorin, die ich mir vorstellen kann, ihre Bücher sind Träume, die in Erfüllung gegangen sind. Alpträume, auch. Weiterlesen