„Blade Runner 2049“: Bis einer heult

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Auf Philip K. Dicks Roman „Do Androids Dream Of Electric Sheep?“ (1968) beruhen „Blade Runner“ und „Blade Runner 2049“. (Abbildung ähnlich.)

Die Fortsetzung muss ja nicht schlechter sein als der ursprüngliche Film. „Pitch Perfect 2“ zum Beispiel ist noch besser als „Pitch Perfect“. „Bibi & Tina – Voll verhext“ ist besser als „Bibi und Tina“. Dass „Blade Runner 2049“ kein guter Film ist, liegt also nicht daran, dass er eine Fortsetzung ist. Es liegt auch nicht an der von Hans Zimmer verantworteten Musik. Sie ist geistlos und penetrant, aber sie ist ein Symptom für das allgemeine Elend des Films, keine Ursache. Das allgemeine Elend ist Folgendes (um Spoilerlosigkeit bemüht):
1.) Die Grundidee des Filmes schließt sehr nah an „Blade Runner“ an, allerdings ohne dem ersten Film mehr hinzuzufügen als optische Füllmasse. „BR49“ kannibalisiert „Blade Runner“. Das kann gutgehen, „The Force Awakens“ lebt eigentlich auch nur von der „Star Wars“-Nostalgie. Aber „BR49“ hat ein kein Interesse an der emotionalen Grundfrage von „Blade Runner“: Was macht uns menschlich? Stattdessen entpuppt sich der Film nach einigen Stunden als pseudophilosophische Überhöhung des ältesten Menschheitsklischees. „Blade Runner“ wollte ans Eingemachte, „BR49“ will aus dem Småland abgeholt werden.
2.) Die Emotionen in „BR49“ werden behauptet. Das heißt, es wird viel geweint. Ryan Gosling weint. Harrison Ford weint. Sylvia Hoeks weint. Robin Wright weint. Ana de Armas weint. Vielleicht weint sogar Jared Leto. Ich habe lange nicht mehr so ungerührt so viele Menschen weinen gesehen. Es ist ein Film voller Signale: Tränen >>> traurig. Zimmer-Musik >>> dramatisch. Totale mit postapokalyptischer Landschaft >>> total postapokalyptisch. Man betrachtet die ganze Zeit eine Oberfläche, die Tiefe ist  vorgetäuscht.
3.) Wer nicht weint, ist Sean Young, die Rachel aus „Blade Runner“. Weil: abwesend. Offenbar kann man den Zuschauern einen alten Harrison Ford als Deckard zumuten, aber keine Sean Young in den mittleren Jahren. Warum das fatal ist, kann ich nicht erklären, ohne den Film zu spoilern. Darum nur der Hinweis, dass wieder einmal eine weibliche Hauptfigur auf dem Altar des Narrativs geopfert wird. Politisch ärgerlich, inhaltlich, weil erwartbar: langweilig.
4.) „BR49“ scheint sich vage an den Filmen Andrei Tarkowskis zu orientieren, vor allem an „Solaris“ (1972) und „Stalker“ (1979). Lange Einstellungen, sehr große oder sehr enge Räume, Landschaften, Bilder und Atmosphäre vor Plot. Das funktioniert aus zwei Gründen nicht. Zum einen sind die Bilder längst nicht so überwältigend und überraschend, wie es Tarkowskis Bilder waren, und wie es „Blade Runner“ 1982 war. Weil das, was in „BR49“ an Welten und Landschaften zu sehen ist, im Grunde auf dem Stand aktueller Computerspiele wie „Destiny“ oder „Overwatch“ ist, aber nicht darüber hinausgeht: Es sieht gut aus, aber man hat das alles schon gesehen.
„Blade Runner“ lebte 1982 von der Beschränkung: immer dunkel, immer Regen, immer eng. „BR49“ hat keine visuelle Einheit, der stilbildende Dauerregen zum Beispiel ist einer trüben Sonne und einem seltsamen Schnee gewichen, der aussieht wie geschredderte Daunen: Replikantenjagd in Kissenfüllungsgewittern.
Der andere Grund ist, dass Tarkowski und der Ridley Scott des Ur-„Blade Runners“ sich über den Weg der Atmosphäre komplizierten, unauflöslichen emotionalen und philosophischen Problemen stellten, denen mit Handlung und Dialog allein nicht mehr beizukommen war. In „BR49“ gibt es einen aufwendigen Plot, mit den üblichen Kollateralschäden: erklärende Dialoge, zwanghafte Ortswechsel, dort dann noch mehr erklärende Dialoge. Die Grundfragen von „Solaris“ oder „Blade Runner“ waren unbeantwortbar, darum konnten die Filme sie immer nur umkreisen, und darum kann man diese Filme immer wieder sehen: Was macht uns menschlich? Was ist real? Leben wir in der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft? „BR49“ hingegen stellt nur eine Frage, die jeder sofort für sich selbst beantworten kann. Als man merkt, dass der Film sich um diese Frage dreht, ist das ein „Ach so!“-Moment, aber das war’s dann auch schon. Die Frage lautet: Möchtest du jetzt aus dem Småland abgeholt werden?
5.) Der Film hat eigentlich nur gute Kritiken bekommen. Ich glaube, es liegt an seiner völligen Humorlosigkeit. Eine bestimmte dahinbehauptete Ernsthaftigkeit kombiniert mit optischer Opulenz und stringenter Farbcodierung von Schauplätzen gilt seit „Traffic“ von Stephen Soderbergh als unwiderlegbares Qualitätsmerkmal. Ich meine damit nicht, dass dem Film sarkastische Dialoge zwischen den Blade Runnern Deckard (Harrison Ford) und K (Ryan Gosling) gut getan hätten. Ich meine Humor im Sinne von: Erwartungen unterlaufen, Risiken eingehen, indem man sich angreifbar macht und signalisiert, dass man sich und das eigene Unterfangen auch noch von außen betrachten kann. „Blade Runner“ war voll von solchen Momenten. Wenn die Replikantin Zorah (Joanna Cassidy) zu Rick Deckard, der sich in ihrer Garderobe als Sittenwächter von der Varietékünstlergewerkschaft ausgibt, sagt: „Are you for real?“, was zwar heißt, „Meinen Sie das ernst?“, aber eben auch auf Deckards existenzielle Grundfrage anspielt. Wenn Pris (Daryl Hannah) sich unter den anderen Puppen versteckt. Wenn das Bild von Rachel und ihrer Mutter, das Deckard studiert, sich plötzlich zu bewegen beginnt, für kaum eine Sekunde, und der Zuschauer sich fragen muss: Kann ich meinen Augen noch trauen?
In „BR49“ kannst du deinen Augen die ganze Zeit trauen. Es ist alles da. Alles ist, wie es aussieht. Nichts ist verborgen, es gibt nichts zu entdecken, nichts zu bedenken. Was bleibt, ist Leere.

Wenn das Plan B war, hab ich Plan A vergessen

Bildschirmfoto 2017-09-18 um 23.43.54Ich beschließe, mir die Doman http://www.zungenschaber.de zu sichern und dann von dort aus Besucher auf meine Seite umzuleiten, weil ich denke, dass Menschen, die sich mit Zungenschabern beschäftigen, möglicherweise Interesse an meinem Shit haben könnten. Nur so ein Bauchgefühl.
Über Zungenschaber denke ich überhaupt nur nach, weil die Dentalhygienikerin mir empfohlen hat, einen zu verwenden. Also nicht mir speziell, meine Zunge ist astabohne, darauf bestehe ich. Mir allgemein, als Mensch.
„Jeder sollte einen Zungenschaber benutzen“, sagt sie.
Eben, denke ich. Jeder sollte, keiner will so richtig, dass ist doch der Stoff, aus dem vielgeklickte Domains werden, eines Tages. Zugleich weiß ich, dass ich nur einen Zungenschaber werde benutzen können, wenn es mir gelingt, das Wort zu vergessen. Es ist außerordentlich unschön. Ich finde es so anschaulich und zugleich hässlich wie andere das Wort Schiebestrecke.
Zu Hause leite ich in die Wege, http://www.zungenschaber.de zu meiner URL zu machen. Dieser Plan scheitert schnell und klar. Die Domain befindet sich im Besitz von jemandem in den Vereinigten Arabischen Emiraten, der sie mir möglicherweise gegen Gebot verkaufen würde. Das Mindestgebot beträgt 299 Euro. Die Verhandlungen laufen über einen Mittler. Ich denke, um auf Nummer sicher zu gehen, müsste ich nicht 300 Euro, sondern zum Beispiel 399 Euro oder 499 Euro bieten. You can’t put a price on Zungenschaber.
Meine Frau betrachtet mich vom Esstisch aus, wie ich mit dem Laptop auf dem Sofa sitze.
„Was denkst du?“, fragt sie. Ich sage nichts und spüre die Zunge in meinem Mund wie der Range-Rover-Laderaum den irischen Wolfshund.

Freier Journalismus: Durch die Brille der anderen betrachtet

Ich: Die Augenärztin sagt, die Gleitsichtbrille geht noch. Nur die die Nahsicht hat sich verändert. Darum möchte ich fürs Büro jetzt einfach nur eine Lesebrille, bitte.
Optikerin: Gleitsicht ist aber im Prinzip natürlich besser fürs Büro. Sie blicken doch sicher mal auf und reden mit einem Kollegen, und wenn Sie dann nur eine Lesebrille …
Ich: Nein.
Optikerin: Oder Sie müssen mal eben ein paar Tische weiter.
Ich: Nein.
Optikerin: Es kann ja immer mal sein, dass jemand vorbeikommt.
Ich: Also, äh … nein.
Optikerin: Wenn Sie ganz schnell zum Chef müssen.
Ich: Nein.
Optikerin: Oder angenommen, Sie haben eine Besprechung.
Ich: Ganz ehrlich … nein.
Optikerin:
Ich: Sind das Kaubonbons?
Optikerin: Das, äh … ja, nehmen Sie, bitte, um Gottes Willen, nehmen Sie!

Keine Post aus Saronno

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Traurige Ironie: Das Symbol der SOZIALWAHL 2017 ist ein höhnisch grinsender Briefumschlag.

Die Krankenkasse hat mir dreimal seit Februar einen Fragebogen geschickt, um die weitere Familienversicherung der Kinder festzustellen oder zu klären oder was auch immer. Dies ist Routine, weiß ich nun. Tatsache ist, dass ich offenbar alle drei Anschreiben ungeöffnet weggeschmissen habe, weil auf den Umschlägen immer ganz groß „SOZIALWAHL 2017“ stand. Ich mach echt alles mit, aber ich hab im Januar, bevor die Fragebögen kamen, einmal einen dicken Brief von der Krankenkasse zur SOZIALWAHL 2017 geöffnet und studiert und festgestellt, dass ich hier die Grenze ziehen muss, was mein demokratisches Engagement angeht. Ich finde, zur Demokratie gehört auch, Verantwortung delegieren zu dürfen. Ich habe keine Kapazitäten für die SOZIALWAHL 2017. Ich bin damit nicht allein, die Wahlbeteiligung beträgt nur 30 Prozent, ich habe wirklich Hochachtung vor diesen 30 Prozent. Diese 30 Prozent sind das Rückgrat unserer Demokratie. Ich kann nur nicht zu ihnen gehören.

Nun kriege ich auf einmal zwei weitere Briefe von der Krankenkasse, die ich bitte an die Kinder weiterleiten soll, sie müssen sich nun selbst versichern, da ihre Familienversicherung erloschen ist, weil ihr Vater einen Fragebogen dreimal nicht beantwortet hat. Weiterlesen

Heckenwesen

P1050617(…) Finzi hatte viel gesehen im Auftrag der Polizei der Freien und Hansestadt Hamburg, unter anderem einen Mordanschlag auf sich selbst in seinem eigenen Keller, aber selten war ihm etwas so unheimlich gewesen wie dieser Kinder-Chor, der den Stör-Abt besang, anrief oder beklagte. Für einen Atemzug oder zwei schien es ihm ganz klar und zugleich ganz falsch, dass die Kinder dieses schmutzige, Blut erbrechende Heckenwesen kannten und es den Stör-Abt nannten, den Vorsteher eines geheimnisvollen Klosters, der immer zur Unzeit kam. Und sie hatten ja recht: Er hatte sie wirklich gestört, mitten in Vincents Fahrradführerscheinprüfung. (…)

aus „Neunauge“, erscheint am 22. September 2017

Die Legende von Elisabeth

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Es geht um ein Thema, das möglicherweise geeignet ist, meine Laufbahn als Autor und Journalist zu beschädigen. Die Wahrheit ist: Elisabeth Raether ist nicht „meine Frau“, das heißt, Elisabeth Raether und ich sind nicht miteinander verheiratet. Ich kenne diese geschätzte „Zeit“-Journalistin und Buchautorin nicht, wir sind einander nie begegnet.

Es hat lange gedauert, bis ich überhaupt begriffen habe, dass es flüchtige Bekannte gibt, die davon überzeugt sind, ich wäre Raethers Mann. Hin und wieder rufen sie mir zu: „Wir haben am Wochenende wieder die Kürbissuppe Ihrer Frau gekocht! So köstlich!“ Ich habe das anfangs nicht begriffen. Die Kürbissuppe meiner Frau (nicht Elisabeth Raether) schmeckt wirklich gut, die Kinder essen sie lieber als meine Kürbissuppe, aber das Rezept ist gar nicht weit verbreitet, es existiert nur im Kopf meiner Frau.

Manchmal sagen Menschen nach einer Lesung: „Wir freuen uns jede Woche auf die Rezepte Ihrer Frau.“ Was definitiv nicht sein kann, weil die einzigen schriftlich festgehaltenen Rezepte meiner Frau in einem von ihr seit ihrer Schulzeit geführten kleinen Büchlein stehen, das von niemandem entziffert werden kann außer von ihr und, nach einigen Ehejahren, in Teilen auch von mir. Raether hingegen schreibt bekanntermaßen die Rezepte-Kolumne „Wochenmarkt“ im „Zeit-Magazin“.

Nun stelle ich fest, als ich mir unterwegs auf die Schnelle einen Überblick über meine Lesungstermine verschaffen und „till raether lesungen“ googeln will, dass bei den Suchanfragen, die Google automatisch anbietet, zwei den Irrtum betreffen, um den es hier geht: „till raether ehefrau“, und, was ich noch schöner finde, „till raether elisabeth“. Dies scheint mir eine Verschwendung von Erkenntnisinteresse zu sein, darum kläre ich das hier kurz auf.

Aber, wie gesagt, ich fürchte, bei manchem stellt sich nun, wenn es um mich geht, eine gewisse Produktenttäuschung ein. So wie bei der Buchhändlerin, die mich nach einer Lesung bat: „Könnten Sie bei Ihrer Frau ein gutes Wort für mich einlegen? Wir hätten sie auch so gern mal bei uns.“ Ich roch schon den Braten (Elisabeth Raether, „Ein weihnachtlicher Sauerbraten“, „Zeit-Magazin“ Heft 51/2016), stellte mich aber doof und sagte: „Das ist ganz nett, das geb ich gern weiter, aber ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass meine Frau 100 Kilometer Autobahn fährt, um bei Ihnen nach Büchern zu stöbern.“ Als sich das Missverständnis aufklärte, zog ein Schatten der Enttäuschung über das Gesicht der Buchhändlerin. Ohne die Legende von Elisabeth bin ich womöglich nicht der ganze Raether. Aber wir sind alle nur Fragmente unserer selbst, es muss und wird also auch so gehen.

Was ich beim weiteren Googeln für diesen Text hier übrigens nicht gefunden habe, war Raethers Kürbissuppe, auf die ich schon mehrfach angesprochen worden bin. Stattdessen habe ich festgestellt, dass offenbar niemand bei Google sucht, wer der Ehemann oder die Ehefrau von Elisabeth Raether ist.

Frau Volk

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Einmal sagte Frau Volk: Also, wenn Sie während der Arbeitszeit ins Kino gehen, komme ich mit. Na gut. Es galt, in der Pressevorführung einen Film zu begutachten, der später „von BRIGITTE präsentiert“ werden sollte. Es handelte sich um „Gottes Werk und Teufels Beitrag“: Waisenhaus. Sehr viel Waisenhaus. Ich weine im Kino schnell. Es war mir peinlich, ich atmete flach. Verstohlen sah ich nach links. Frau Volk liefen die Tränen übers Gesicht. Als das Licht wieder anging, schwiegen wir und wischten uns verstohlen die Gesichter. Während sie sich in einen ihrer Schals hüllte, zischte sie mir zu: Darüber kein Wort, zu niemandem, hören Sie? Ich glaube, das gilt jetzt nicht mehr. Weiterlesen